Dienstag, 6. Juli 2010

1.7.10 Kutaisi

Der Tag beginnt mit Mines Worten “Ich habe Sehnsucht nach Lemgo”. Kein gutes Ohmen für den Tag. Wir frühstücken um 7:30 und gehen danach zu dem kleinen Busbahnhof an der Hochbrücke. Nehmen dort den Marschrutki um 9:00 Uhr nach Batumi, der Fahrer soll uns in Kutaisi rauslassen. Kutaisi ist die zweitgrößte Stadt Georgiens. Kutaisi war 400 Jahre lang die Hauptstadt des Kolchis-Reiches, das vom 6. bis 1. Jh. vor Christus existierte. Hierhin gehört die Argonautensage, nach der Jason mit dem Schiff Argo nach Kolchis gefahren sein soll, um das goldene Vlies zu rauben. Wir sollen ganz hinten in den Marschrutki, es ist eng und heiß und kein Fenster ist zu öffnen. Immer mehr wird in und auf den Bus geladen und verzurrt. Wir halten das Gefährt für einen umgebauten Lieferwagen, die Sitze scheinen nachträglich einmontiert und die Sitzhöhe ist so hoch, dass man nicht richtig aus dem Fenster gucken und die Fenster auch nicht aufschieben kann. Es ist immer ein wenig gruselig für uns, so zu fahren. Mine schimpft. Die Fahrt (3h) geht irgendwie vorüber und wir werden in dem lebhaften Kutaisi an einer natürlich für uns nicht zu identifizierenden Stelle herausgelassen. Wir gehen zu einem Taxi und lassen uns zu der Pension unserer Wahl von Giorgi Giorgadze (alles laut Führer) fahren. Das Haus ist in einem netten Wohnviertel auf dem Ukmerioni-Berg gebaut, von einem Garten umgeben. Verschwitzt stehen wir vor Giorgi. Die Zimmer der ersten Etage sind leider alle belegt, bleiben noch die dunkleren im Erdgeschoß. Zwei Zimmer zeigt uns der nette Giorgi zur Auswahl. Mine genügt ein Blick auf die vier Bettgestelle in dem düsteren Raum ohne Bad, um zu entscheiden “Niet”. Mine bleibt ganz und gar unmißverständlich. Beide sind wir natürlich nicht begeistert von der Option, aber ich fühle mich manchmal eher aufgefordert als Mine eine Kröte zu schlucken. In diesem Fall hat sie Mine gleich ausgespuckt, während ich noch dachte, ich müßte sie wenigstens probieren. Wir trollen uns und schleppen unser Gepäck wortkarg weiter durch das Viertel auf der Suche nach der beschriebenen Alternative. Der Schweiß rinnt an uns herab, was weder meine noch Mines Stimmung stabilisiert. Wir kommen an das kleine Hotel Beka, treten durch das Gartentor. Ein georgisches älteres Ehepaar zeigt uns die Zimmer. In Ermangelung weiterer Energien zur Fortsetzung der Suche greifen wir zu: ein kleines Doppelzimmer mit Bad und Balkon und einem fantastischen Ausblick über die Stadt, den Fluss und die umgebenden Berge. Mit Halbpension 45 Lari pro Person. Unglücklich und zerstritten sitzen wir auf unserer Bettkante und finden alles ziemlich mäßig. Mine findet unsere Form des Umherreisens heute definitiv zu anstrengend und keiner ist dem anderen heute richtig. Eigentlich kennen wir das gut, diese besorgte und erschöpfte Skepsis des ersten Ankunfttages an einem neuen Ort. Nichts ist richtig, alles befremdend. Ich besorge einen Tee von unserem Ehepaar, der nicht schmeckt. Wir knabbern unsere Brote und wissen nicht richtig weiter. Es ist wirklich anstrengend die Tage immer wieder zu gestalten, sich selber Motor, Organisator, Pfadfinder, Ernährer, Planer zu sein. Irgendwann raffen wir uns auf und gehen los in die Stadt. Erneut schweißgebadet stehen wir schon bald auf dem alten stumpfen Parkett im Museum der Stadt an dem großen Agmaschenebeli-Platz (mit großem Staatstheater, Reiterstandbild von König Dawit dem Erbauer, Museum). Aus dem Heer an Mitarbeiterinnen, deren Tätigkeit über den Tag man nur schwer ermessen kann, erbarmt sich eine, uns durch das Museum zu begleiten. Sie bewacht uns und die Exponate und schweigt, macht vor uns die Raumbeleuchtung an und hinter uns aus. Hinter uns taucht, sobald wir den Raum verlassen, alles in Dunkelheit. Wir sind die einzigen Besucher. Wir sehen einen Raum mit echten Schätzen der Silberschmiedekunst (Kreuze, Ikonen, Altäre), ansonsten Ausgrabungen aus allen Zeiten, Fresken aus verschiedenen Klöstern und Kirchen, alte Münzen, allerlei “Folkloristisches” (Kleider, Waffen, Schmuck, Teppiche, landwirtschaftliche Geräte, eine Kutsche). Danach gehen wir in den Park am Platze, um einen Cafe zu trinken. Mit uns suchen hunderte andere Menschen Schatten unter den Bäumen. Schon bald schlürfen wir türkisch Mokka und trinken Borjomi Mineralwasser. Zwei junge Frauen am Nebentisch beobachten uns und sprechen uns schließlich an. Es sind Ekaterina und Mari. Beide sind mit 18 Jahren als Aupair nach Deutschland gegangen und haben danach versucht, dort Deutsch für Ausländer zu studieren. Neun Jahre waren sie in Deutschland, haben dann kein Visum mehr bekommen und mußten zurück. Das Studium hat auch nicht geklappt, sie haben nicht geschafft gleichzeitig zu studieren und sich selber durch Arbeit zu finanzieren. Nun suchen sie Orientierung in ihrer alten Heimat und vor allem eine Arbeit. Wir unterhalten uns über mehrere Stunden. Eines unserer Probleme lösen sie schnell. Wir wollen von Kutaisi später in den großen Kaukasus nach Mestia und wissen nicht so richtig, wie wir das organisieren können in diese entlegene Bergregion zu kommen. Mari ruft kurzerhand ihren Bruder an, der als Ingenieur in Mestia arbeitet und immer dorthin fliegt. Wir wären von Kutaisi in 40min da. Eine kleine Maschine fliegt dort zweimal pro Woche hin und angeblich kostet es nichts, was uns zudem skeptisch stimmt. Wir entscheiden uns dagegen. Gehen danach mit den beiden über den Markt, lassen uns dies und das erklären (Kräuter, Gewürze, Eingelegtes). Das Gemüse sieht wunderbar aus (Auberginen, dicke Tomaten, saftige und knackige Gurken, Rote Beete, Weißkohl, Rettich, verschiedene Bohnen), viele frische und getrocknete Kräuter werden in der Küche verwendet, große Bündel kauft man davon. Viele ältere Damen sitzen vor großen Eimern mit kleinen Birnen, die scheinen jetzt reif zu sein. Die Leute verkaufen nicht selten aus ihrem Kofferraum heraus, irgendetwas selbst Geerntetes oder selbst Gebranntes, hausgemachten Essig oder aber auch etwas, was sie woanders günstig gekauft haben und nun weiterverkaufen wollen. Die meisten Leute haben Gärten, die sie bewirtschaften zum Eigenbedarf und zum Weiterverkauf. Endlich erfahren wir, daß das Kraut, was so oft in der Küche hier verwendet wird, nicht Kerbel ist sondern Koriander. Wir sollen uns mit ihnen in Tbilisi treffen, wenn wir dahin kommen. Wir verabschieden uns und streifen noch ein bißchen durch die Stadt, die teilweise sehr schön renoviert wird. Die Stadt ist lebendig und irgendwie freundlich, gefällt uns sehr gut. Wir haben Hunger und trauen den Kochkünsten unserer Wirtin nicht so recht und gehen daher eine Kleinigkeit essen, bevor wir nach Hause gehen. Dort steht ein Bus im Hof und auf unserer Panoramaterasse sitzen etwa 20 Japaner, die gerade essen. Wir sind schon satt, bereuen es aber ein bißchen angesichts der leckeren Speisen, die auf dem Tisch stehen. Hätten wir doch ein bißchen Zutrauen gehabt, aber gerade damit haben wir es heute schwer. Das kleine Mädchen des Hauses tanzt für alle mit Ernst und Hingabe zu georgischer Kartili-Musik und alle sind bei Tee und Kaffee ausgelassen und fröhlich. Die Japaner sind ganz süße Leute. Auch wir tanzen noch ein bißchen, unsere georgische Oma bringt alle in Schwung. Wir genießen den großartigen Ausblick von unserer Terrasse und den kühler werdenden Tag. Unsere Wäsche hängen wir heute neben die der Japaner. Aufgehängt haben sie auch weiße Baumwollhandschuhe, die sie scheinbar gerne auf Reisen tragen. Wahnsinn. Das war dann doch noch ein fröhlicher und unbekümmerter Abend.

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