Es regnete in der Nacht lange und heftig und wir machen uns ein bißchen Sorgen wegen des Weges, den wir für heute planen. Beim Aufstehen scheint aber die Sonne und pünktlich um halb neun erwarten wir unseren Fahrer. Tatsächlich handelt es sich um den Mann aus dem Laden von gestern abend mit seinem Lada Niva, der aber heute aufgeräumt und geklärt wirkt. Der Sohn des Bruders aus Tbilisi ist mit dabei, er besucht gerade Mestia. Wir hatten gesagt, dass er gerne mitkommen kann. Er kommt aus Tbilisi und sucht einen Job in der IT-Branche. Wir fahren los und sprechen über Georgien und seine Probleme. Ausländische Investoren beginnen scheinbar hier in der Region Land anzukaufen und bestimmt kommen irgendwann die ersten Lifte und mehren sich die Hotels. Wir fragen, was sie dazu meinen? Unser Mann spricht gut Englisch. Irgendwann - wir trauen unseren Ohren nicht - sagt er, man solle sich mehr an der Anthroposophie orientieren, wenn es um Ideen für die Entwicklung des Landes ginge. “You heard from Rudolf Steiner?” Die Anthroposophie ist in Georgien durchaus bekannt, es gibt in Tbilisi auch eine anthroposophische Christengemeinschaft und man kann hier WALA und WELEDA-Medikamente beziehen. Er selber nähme Avena sativa gegen seine Schlafstörung mit gutem Erfolg. Wir sind ganz sprachlos, hier auf Rudolf Steiner angesprochen zu werden.
Wir fahren auf dem holprigen, pfützenreichen Weg bergauf und bergab, durchqueren einen stattlichen Fluss. Irgendwann kommt uns das erste Auto entgegen, das berichtet, dass die Straße verlegt sei und man sie nicht passieren könne. Als auch ein Militärwagen sagt, sie würden erst auf Gerät aus Mestia warten, kehren wir traurigen Herzens 10km vor Ushguli um. Also kein archaisches Dorf auf 2200m Höhe mit zahlreichen Wehrtürmen und Kirchen aus dem 7. bis 12. Jh. (zum Teil mit Fresken), malerisch unter dem Schchara-Massiv (über 5000m) gelegen, UNESCO-Weltkulturerbe mit schönem kleinen Museum. Fast die ganze Strecke fahren wir entlang des Inguri-Flusses. Unser Fahrer sagt, dass er den Fluss so gefüllt und reißend nie gesehen habe. Tatsächlich sieht man, dass die Straße auf Dauer an der ein oder anderen Stelle gefährdet ist, so nagt das Wasser an der Böschung und könnte sie in Bälde unterspülen. Sehen ein totes Pferd in den reißenden Fluten. Versuchen auf dem Rückweg noch die Kirche in dem Dorf Ipari aus dem 12. Jh. anzusehen, die alte Fresken haben soll, aber zu ist. Schauen den kleinen Friedhof um die Kirche herum an. Die meisten Toten haben das 60. Lebensjahr noch nicht erreicht. Auf den Grabsteinen befinden sich richtige porträtartige Bilder (Ätzungen in den Stein?) der Toten. Um manche Gräber sind Lauben gebaut mit Dach und Bänken und Tisch zum gemütlichen Sitzen. Auf dem Weg zurück nach Mestia sieht man ab und an schlichte Metallkreuze am Wegesrand. Daran sind immer kleine Kästen geschweißt, mit und ohne Törchen, nach vorne offen oder zu öffnen. Wir hatten schon auf dem Weg von Zugdidi nach Mestia diese Konstruktionen gesehen. Die Kreuze zeigen an, dass hier jemand auf der Straße ums Leben gekommen ist. Nicht selten (!!) ist dabei Alkohol am Steuer im Spiel gewesen. Bezeichnenderweise stellt man in die Kästchen oftmals eine Flasche Hochprozentigen und ein Glas, da kann - wer will - zum Gedenken des Toten einen heben, ein letzter Toast auf ihn. Ist das nicht Wahnsinn? Kommen wieder an in Mestia. Unser Mann will 120 Lari für die Tour. Nun gut, gutmütig wie wir sind...
Wir gehen ins kleine fensterlose Internetcafe, das wir erstmals offen sehen, um unseren Blog aufzugeben und nach E-mails zu schauen. Letzteres klappt bei mir hier nie, da in meinem Kennwort ein “ö” ist, das es auf den hiesigen Tastaturen nicht gibt.
Sodann heißt es Geld tauschen in der örtlichen Liberty-Bank. Hinter einem Eingang im Zwielicht folgt ein schummriger Flur, hier steht eine Tür offen, es ist die Bank. Hinter einem selbstgezimmert wirkenden Tresen findet alles in einem Raum statt. Mehrere Herrschaften sitzen eng an eng hinter dem Tresen an ihren Computern, hinter ihnen Regale mit Unmengen von Papierbündeln, vor dem Tresen im Pulk viele Wartende. Wir wollen 300 Euro tauschen. Eine Dame zeigt uns den Kurs und macht einen Auszahlungsschein fertig, schickt uns dann zwei Schritte weiter nach links zur Kasse. Dort sitzt eine Dame mit fehlenden Zähnen im Frontbereich. Die hält unsere Euro in Richtung Fenster und identifiziert sie dadurch als echt (Wasserzeichen?). Wir sollen 680 Lari bekommen. Sie nimmt Geld aus einer vor ihr stehenden Keksdose und beginnt, es zu sortieren, erstmal in Häufchen zu 20, 10 und 5 Lari. Rasch merkt sie, daß die erforderliche Summe so nicht zustande kommt. Sie geht an einen Schrank und holt ein Bündel 20er, zählt alles dann flink und richtig ab und schon haben wir unser Geld. Danach gehen wir eine Kleinigkeit essen und trinken in der Kneipe Uschba. Am Nachbartisch haben vier Männer in Ruhe und Eintracht zum Essen schon eine große Flasche Wodka geleert. Ganz normal hier.
Wir suchen lange das kleine Matschubi- Familienmuseum. Ein Mädchen, von einer aus dem Fenster gelehnten Frau lange herbeigerufen, besorgt den Schlüssel, nachdem wir schließlich an einem Haus nach dem Museum fragen. Das Mädchen führt uns zu einem Nachbarhaus und schließt für uns auf. Hier kann man einen Wehrturm besteigen und ein dazugehöriges altes Haus mit der hölzernen und geschnitzten Originaleinrichtung für Mensch und Tier sehen. Danach haben Mine und ich ein kleines Formtief mit Sinnkrise. Sitzen im Schatten und debattieren über die Freuden und Schattenseiten des Reisens in Ländern wie Georgien und unsere Probleme unsere beider Bedürfnisse hier aufeinander abzustimmen. Für den Moment vermissen wir eine Terrasse mit Liegestühlen in unserem Guesthouse, einen Schaufensterbummel, einen Eisbecher und Cappucino in gepflegter Umgebung, Stöbern in einem Buchladen .... Überlegen ernsthaft, was wir als Souvenir aus Georgien mitnehmen können? Unser geliebter Schmuckkauf kann hier überhaupt nicht gepflegt werden. Was uns interessiert (älterer Silberschmuck) gibt es nur im Museum. Wir haben auch noch nie einen Schmuckladen gesehen in Georgien (oder doch vielleicht in Tbilisi?). Mine will eine Fellmütze kaufen, das wird auch klappen. Auch traditionelle Kleidung, etwas Gesticktes o.ä., findet man nirgends so richtig. Als ultima ratio gehen wir zu dem neuen Hotel und setzen uns da auf die Terrasse, trinken Bier und Kaffee und Tee und Wasser und essen Obst. Die Stimmung hebt sich und wir gehen heim. Zwei neue Engländer (ca. 65 Jahre alt) sind angereist, unsere Israelis kommen vom Berg. Man plaudert ein bißchen. Heute haben wir nach dem Löschen des Lichtes drei unserer Leuchtkäfer oder -falter im Zimmer. Sie brummen ein bißchen, wenn sie über unser Bett fliegen. Toll. Wir schauen ihnen länger zu, wie sie durchs Zimmer irrlichtern.
Freitag, 9. Juli 2010
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