Mittwoch, 30. Juni 2010

29.6.10 Borjomi

Stehen um sieben auf und sollen um 8:30 Uhr an der Touristinformation von einem Marschrutki abgeholt werden. Das klappt auch. Über die Form unserer Reise nach Wardzia wissen wir nicht viel. Wir hatten gehofft andere Touristen zu treffen, was nicht passiert. Bis Achalziche steigen dauernd Leute ein und aus und wir sind wie ein normaler Marschrutki. Hier fahren viele türkische und iranische LKWs zur nahegelegenen türkischen Grenze. Hinter Achalziche sitzen nur noch Mine und ich im Kleinbus und das bleibt so für den Rest der Reise. Hinter Achalziche geht es nochmals ca. 50km bis Wardzia. Wir folgen die ganze Zeit dem Verlauf des Mtkwari (= Kura, fast 1400km langer Fluss, entspringt in der Türkei und fließt in Aserbaidschan ins Kaspische Meer) durch eine sehr schöne Landschaft, ein menschenarmes Tal. Die Straße wird gerade ausgebaut und nur noch zum Teil ist ihr Zustand so schlecht, dass man zwischen den Schlaglöchern hin und hergeworfen wird. Wir halten an der beeindruckenden Khertvisi Festung und klettern hinauf.
Wardzia: In die hoch über dem Mtkwariufer gelegene Felswand ist eine Klosterkomplex in den Tuffstein gehauen. Hier hatte Georgi der Dritte im 12 Jh. eine Festung gebaut. Seine Tochter Königin Tamar etabilierte später hier ein Kloster, in dem wahrscheinlich bis zu 800 Mönche lebten und das zugleich Zufluchtsort für Tausende von Menschen aus den umgebenden Orten bildete. Es sollen 2000 Säle auf 13 Etagen existiert haben. Das Zentrum der Anlage bildet die Kirche zur Himmelfahrt. Der Innenraum ist wunderschön, über und über mit Fresken aus dem 12.Jh. ausgemalt. Besonders schön ist es, wenn alles gefüllt ist mit Bildern (Decke, Wände, Festernischen) wie bei einem Kunstwerk, das das ganze Blatt ausfüllt. Über dem Komplex liegt eine große Hitze und wir kehren erschöpft zu unserem Fahrer zurück. Er fährt uns zurück bis Achalziche, fährt dort zu seiner Tankstelle. Dort dreht er sich zu uns um ” Money for Diesel”. Er bekommt von uns 50 Lari für die Tour. Er tankt 23l für 40 Lari. Kein Wunder, dass er den Wagen rollen läßt, wann immer er kann und dann erst wieder einkuppelt. In Achalziche setzt er uns am Busbahnhof wieder in einen öffentlichen Marschrutki und mit dem fahren wir dann heim. Mittlerweile fühlen wir uns inmitten der Menschen immer wohler, wir bekommen es trotz fehlender Sprache meist hin, uns zu organisieren, werden nie belästigt oder bedrängt und die Menschen sind unaufgeregt und gutmütig und (ganz überwiegend) ehrlich, was sehr angenehm ist. In Borjomi gehen wir auf den kleinen Markt an der Hochbrücke, kaufen Nektarinen, Maulbeeren und Gurken und essen erstmal in unserem Hotelzimmer. Mittlerweile hat sich unser Blick auf Borjomi sehr verändert. Wir haben uns gut eingerichtet und finden an dem ganzen Ort wenig auszusetzen, die kleinen optischen Mängel und Fehltritte stören uns nicht wirklich. Das Klima ist gut, immer mal fallen ein paar Tropfen und kühlen die Hitze ab, dann steigt Nebel von den Bergen auf. Die Natur ist wunderschön und die Stadt muß einmal prächtig gewesen sein mit vielen Villen und allein stehenden Häusern im russischen Stil und dazwischen die hohen alten Bäume, zwischen denen man oft nur die Dächer ausmachen kann. Nur die Damen in unserem Hotel quälen uns ein bißchen. Es ist alles pieksauber, die Teppiche sind zum Teil mit Folien abgedeckt, die Holzbank vor dem Haus wird bei jedem Regenguß abgedeckt und die Folie mit Wäschklammern gestrafft, vor der Tür liegt ein großer Fußabtreter und der Blick unserer Damen fällt immer gleich auf unser Schuhwerk, wenn wir eintreten. Rund ums Haus wird schon morgens gefegt und der Gehsteig besprengt, damit nicht so viel Staub aufs gelbe (empfindliche Farbwahl) Haus kommt. Gegen das unansehnliche Nachbarhaus wurde der Holzzaun nach oben um eine ca. zwei Meter hohe blaue Plane erweitert, das hält Staub und den häßlichen Anblick fern. Wir sind heute wieder die einzigen Gäste und die Angestellten sind weit in der Überzahl. Wir sollen für die Nacht immer im Voraus zahlen und spätestens ab dem Nachmittag schleichen beide Parteien nur noch in Erwartung des Satzes “Lari!?” verbunden mit dem Fingerzeig aufs Büro der Managerin und einem Lächeln, umeinander herum. Dann geben wir brav unsere 120 Lari pro Nacht ab und haben Ruhe bis zum nächsten Tag. Die Damen haben schon zweimal alle Angaben aus unserem Paß mit viel Mühe in georgische Sprache/Schrift übertragen, wir lassen sie werkeln. Nein, wir fühlen uns hier ganz, ganz wohl und geborgen und die Frauen sind ganz süß. Haben heute abend dann einen Versuch unternommen, ein im Führer genanntes und gelobtes Restaurant im Bahnhof aufzusuchen. Es gibt hier aber zwei Bahnhöfe, die wir der Reihe nach inspiziert haben, letzteren nach längerem Marsch dorthin. Der letzte Bahnhof war von seinem ganzen Ambiente irgendwie abwegig in Bezug auf ein gutes Restaurant, wir waren auf einem staubigen Platz umgeben von abgewohnten Wohnblocks mit einem Markt in der Mitte, der halb im halb außerhalb des Bahnhofsgebäudes stattfand. In dem Bahnhof können wir nichts richtig ausmachen, er wirkt irgendwie provisorisch und zweckentfremdet für allerlei Abzustellendes. Wir werden irritiert von den umherstehenden Männern und Frauen betrachtet und machen einen Versuch eine Frau nach dem Restaurant zu fragen. Die gibt sich alle Mühe, schüttelt aber schließlich den Kopf unseren Führer in der Hand. “Idi madloba”, haben Sie vielen Dank. Dazu kommt wieder, daß wir den Namen eines Restaurants im Straßenbild nicht lesen und erkennen können. Unser Führer gibt uns ja immer so etwas wie die Lautschrift in unserer Buchstabenwelt wieder und das macht zum Beispiel unser englischer Führer anders als unser deutscher (z.B. Bordshomi (deutsch) und Borjomi (engl.) oder Chertwisi (deutsch) und Khertvisi (engl.)). Selbst wenn wir jemandem den Namen in unserem Führer zeigen (um ihn nicht so falsch auszusprechen) kann der andere ihn nur mühevoll entziffern und muß dann lange überlegen, was gemeint sein könnte. Wir geben die Sache auf, nehmen ein Taxi und fahren für 3 Lari wieder zurück zu unserm alten Restaurant, in dem wir auch die letzten beiden Abende schon gegessen haben (heute Aubergine mit Wallnüssen, Kebap, gebratene Kartoffeln, Salat, Brot, Bier und Rotwein, Kaffee für 22 Lari). Die Dame, die die Bestellung im Restaurant aufnimmt setzt sich jetzt schon zu uns, da es immer ein bißchen dauert bis wir alles aus unseren Listen zusammengestellt haben. Fühlen uns schon ein bißchen heimisch und das ist wunderbar. Duschen, Wäsche waschen, Blog und dann das schöne weiß bezogene Bett.

28.6.10 Borjomi

Nach dem Frühstück werden wir aktiv, fahren mit der Marschrutki Richtung Nationalparkverwaltung, um uns dort registrieren zu lassen. Der Nationalpark ist der erste im Kaukasus und er wurde mit Hilfe der deutschen Bundesregierung und des WWF eingerichtet. Er nimmt 1% des Territoriums von Georgien ein. In der Nationalparkverwaltung bekommen wir eine kurze Einführung und eine Routenempfehlung nach unseren Bedürfnissen. Wir wollen mit der kürzesten und einfachsten Route beginnen. Mit einem Taxi fahren wir zum Dorf Kvabiskhevi und zum dortigen Nationalparkeingang. Immer entlang des Kvibis kheve, einem kleinen Fluss, geht es entlang eines lang gezogenen Tales. Unterwegs treffen wir Ranger des Parkes und Waldarbeiter bei der Pause. Nachdem sie uns über den Bach geholfen haben, haben wir schon bald jeder ein volles Glas in der Hand. Hoffentlich keine Wodka denken wir. Gott sei Dank handelte sich nur um eine Kostprobe selbst gemachten Weines. Nachdem unsere Papiere kontrolliert sind verabschieden wir uns schnell von den Herren und laufen und laufen weiter über Wiesen und im Wald, eine wunderbare Wegstrecke bis es nicht mehr weiter geht und sich der Weg verliert. Wir sind völlig verschwitzt , die Natur ist so schön, dass man einfach so weiter laufen möchte. Wir sehen viele Arten Schmetterlinge in allen Farben, die unseren Weg begleiten, viele verschiedene Blumen, besonders schöne Orchideen und sehr alte Bäume, vieles ist uns leider nicht bekannt, hat für uns keinen Namen. Die Natur ist wirklich sehr ursprünglich und unverfälscht, keines Menschen Hand hat hier etwas gemacht. Die Sonne scheint stetig, aber die Bäume geben uns wunderbaren Schatten, so dass das Laufen doch sehr angenehm ist. Wir wandern bis wir müde werden, dann kehren wir zurück. Kaum treffen wir wieder auf die Straße kommt gerade eine Marschrutki, den wir anhalten können. Wir machen für morgen noch die Tour nach Wardzia klar und gehen dann müde heim. Duschen, waschen Wäsche und gehen wieder Forelle essen mit Salat und Brot. Unsere Neuentdeckung sind gebratene Kartoffeln - sehr köstlich. Am nebentisch amüsieren sich junge georgische Frauen bei recht viel Bier und gutem Essen. Sie sind sehr selbstbewußt, modern gekleidet und ungezwungen. Wir sind der türkischen Grenze ja recht nah und wir erinnern uns wie es den Frauen dort in der Osttürkei ergeht, schon ein bißchen anders!

Montag, 28. Juni 2010

27.6.10 Borjomi

27.6.10
Frühstück um acht bei Nana in der Küche. Wir haben uns Haferbrei gewünscht und er schmeckt sehr gut. Nana hat zusätzlich Salat gemacht und so etwas wie “Armer Ritter” (Weißbrot in geschlagenem Ei gewendet und in der Pfanne gebacken, leicht salzig). Wir machen Käsebrote für die Fahrt. Nana begleitet uns noch runter an den Marschrutki und sagt dem Fahrer, wo er uns in Tbilisi rauslassen soll, um uns das Chaos am Busbahnhof Samgori zu ersparen. Als wir das Haus verlassen sehen wir den ungewohnt heiteren Sasa schon mit seinen Kumpeln im Park. Zu unserer Überraschung kommt der gestern so wortkarge Mann lächelnd auf uns zu und verabschiedet uns mit Kuss auf die Wange (wie hier üblich). Wir fahren nach Tbilisi. Auf dem Weg steigt an jeder Ecke noch jemand zu. Immer wieder sortieren sich die Insassen neu, um Platz zu schaffen für die Neulinge, ein großer Dalienstrauß auf dem Schoß einer Frau welkt langsam vor sich hin, ein Kind wird von Schoß zu Schoß gereicht. Immer wieder denkt man, dass nun aber wirklich keiner mehr reingeht, in die dicht gefüllten Reihen. Um eine weitere Frau zusteigen zu lassen, quetscht sich ein Mann schließlich links neben den Fahrer mit auf dessen Sitz, dem bleibt jetzt nur noch ein halber Fahrersitz . Mine und ich protestieren dagegen, daraufhin dreht sich der Fahrer um und sagt “Das ist Georgien!”. In Tbilisi nehmen wir die Metro durch die Stadt von der Haltestelle Isani nach Didube. Dort finden wir in dem Gewimmel unseren Marschrutki nur, weil sich ein Mann erbarmt und uns quer über den Platz in die richtige Ecke führt, alleine ist keine Orientierung möglich, man kann nichts lesen, auch kein Schild mit dem Fahrziel hinter der Windschutzscheibe, alles ist nur in georgischer Schrift. Taxis bieten sich einem an, quälen einen aber auch nicht, wenn man ablehnt. Wir bekommen einen ausgesprochen luxuriösen Kleinbus mit DVD-Anlage und Filmberieselung, er ist wirklich top, Ford Transit. Um 12 Uhr geht es los. Der Fahrer guckt mit einem Auge den Film mit, ist ansonsten bei der Hitze ähnlich schläfrig wie die Mitfahrer. Die Strecke Richtung Kutaisi ist unangenehm, stark befahren, nur zum Teil Autobahn und ansonsten nur zweispurig mit vielen türkischen LKWs und unruhigen Überholmanövern. Zweimal sehen wir auf der Strecke große schachbrettartige Ansammlungen mit hunderten von Minihäusern für georgische Flüchtlinge aus Abchasien und Südossetien. Ein Haus sieht wie das andere aus, dicht an dicht stehen sie, in Reih und Glied, alle in der gleichen Ferbe mit einem roten Dach. Wir zweifeln während der Fahrt, ob wir im richtigen Marschrutki sitzen, was uns etwas streßt. Endlich kommt die Abfahrt nach Bordshomi in Chaschuri und wir können uns entspannen, wir sind doch richtig. Der Bus läßt uns im Zentrum raus und unser erster Eindruck ist der von kleinstädtischer Trostlosigkeit. Bordshomi ist ein alter Kurort, hier gibt es eine berühmte Mineralquelle. Die Stadt liegt im kleinen Kaukasus, im Süden Georgiens und in ihrem Rücken liegt der älteste Nationalpark Georgiens (Nationalpark Bordshomi-Charagauli). Lange Jahre hat sich in diesem Ort die russische Aristokratie erholt, aus ganz Rußland kam man in diesen Ort (das Baden-Baden Georgiens). Der schön restaurierte Bahnhof zeigt den langen alten Fahrplan in georgischer und russischer Schrift, der Ziele in aller Welt anzeigte, zu denen man von hier aus fahren konnte. Jetzt fahren täglich nur noch zwei Züge nach Tbilisi. 1993 mußten dann hier zahlreiche Flüchtlinge in den Sanatorien und Hotels aus Abchasien aufgenommen werden. Wir gehen in das beste Haus am Platze, das Hotel Borjomi, eine schöne Holzvilla aus der Romanow-Zeit. Man spricht nur russisch und georgisch aber irgendwie klappt es. Wir müssen im Voraus zahlen, “Money!” und dazu ein breites Lächeln mit Zahnlücken von der Hotelmanagerin. Danach fragen wir, ob wir Tee trinken können nach der langen Fahrt. Sie nimmt uns mit in den Aufenthaltsraum, wo gerade das Personal gegessen hat. Selbstverständlich bekommen wir Brot, Käse, Chebureki mit Kartoffelfüllung, ein vegetarisches und ein Fleischgericht und natürlich Tee. Essen mit großem Appetit. Danach rufe ich meine Eltern an, allen geht es gut. Sie essen gleich mit Evchen Erdbeertorte mit Sahne. Mine und ich sind gedanklich für das Projekt auch gleich eingenommen, wollen auch Erdbeertorte haben. Gleich spielt England gegen Deutschland im Rahmen der WM in Südafrika. Ob wir irgendwo eine Übertragung finden? In unserem Fernseher im Zimmer finden wir nichts Geeignetes. Erster Gang durch den Ort, verschiedene Grade des Verfalls der Gebäude von “völlig verfallen und verlassen”, “bald verfallen”, “vielleicht geht es noch ein Weilchen” bis zu “das sieht noch ganz gut aus” und “da müssen sie aber unbedingt bald mal...” und “gehört bestimmt der Mafia” bei auffallend luxuriösen Häusern. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 50%. Alkoholismus ist ein riesiges Problem. Gehen in einen kleinen Park und dort in ein Restaurant mit Dachterrasse, trinken türkisch Mokka und Borjomi-Mineralwasser. Am Nebentisch sind englisch sprechende Menschen, die das Restaurant schon bald verlassen. Nach kurzer Zeit kommen sie zurück, fragen, ob sie uns irgendwie behilflich sein können. Es sind Bob und Jill aus New York und London, ein Ehepaar um die 70, die zwei Jahre in Georgien im Rahmen des Peace Corps verbringen (von Kennedy ins Leben gerufen). Sie haben hier Englisch unterrichtet und mitgeholfen hier einige Tourismusprojekte mit zu organisieren/strukturieren. Für Unterbringung und Krankenversicherung lassen sich diese Rentner von der Organisation in ein Land zu einer vermittelnden Friedensarbeit im weitesten Sinne schicken und stellen ihre Erfahrung und Kenntnisse dort (in selbstgewählten Projekten?) zur Verfügung. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch und gehen mit ihnen zu ihren georgischen Gasteltern, wo sie uns Material geben zur Orientierung hier. Sie sind sehr interessante und nette Leute, wir trinken Tee und erfahren dabei das ein oder andere, z. B. das Saakaschwili (der in Amerika Jura studiert hat) mit einer Holländerin verheiratet ist, die Sandra heißt. Die Holländer unterstützen Georgien mit (gebrauchten?) Nutzfahrzeugen, die hier z.B. Sandrabuses heißen. Ganz ,ganz viele Nutzfahrzeuge, Laster, Transporter haben hier noch ihre holländische oder deutsche Aufschrift, Reklame, das haben wir ja schon berichtet. Türkische Produkte vom Kühlschrank, über den Boiler, bis zur Schokolade sind in Georgien auch stark vertreten. Wir wollen Bob und Jill nicht zu lange auf die Nerven gehen, da sie gerade erst wieder angekommen sind aus London, die Koffer stehen noch im Flur. Gerne hätten wir noch mehr von ihnen gehört. Nach diesem unverhofften Zusammentreffen mit diesen positiven und mutigen Menschen sind wir bester Stimmung und sehen alles mit neuen Augen. Natürlich überlegen wir, ob so eine Arbeit nicht auch für uns später eine Option wäre. Wir gehen nochmals zur Touristinformation und bekommen gute Infos von Arthur zu den vielfältigen (!) Unternehmungsmöglichkeiten in der Region. Erfahren auch wo ein Internetcafe ist und gehen mit dem neuen Stadtplan, den Bob uns ausgedruckt hat, zu einem Restaurant, essen Forelle und Salat. Das Restaurant liegt neben und hinter dem völlig verfallenen mehrstöckigen Betonklotz, der ehedem die Post war. Am Nebentisch sitzen junge Männer und trinken in aller ruhe Wodka und Bier. Vor ihnen große Mengen Essen von Maultaschen über Gegrilltes und Chatschapuri und Chebureki. Berge bleiben liegen als sie mit dem Auto davonfahren. Mine gibt kritische Bemerkungen: so ein armes Land mit armen Menschen und so ein Verhalten von vielen jungen Männer. Frauen dagegen erleben wir hier oft als schaffend und unauffälliger. Die Männer träumen von dicken BMWs, Mercedes und wirken oft sehr angeberisch. Vieles in diesem System erinnert Mine an die Türkei der 70er Jahre.

26.6.10 Signagi

Zum Frühstück: Warmer (Hafer)Brei, Maultaschen mit Fleischfüllung, warme angedünstete Auberginen mit Knoblauch und Kerbel, Käse, Apfelmarmelade, Brot, Butter, Marmorkuchen.
Danach fahren wir mit Nanas Mann Sasa in seinem Lada mit Vierradantrieb los. Wir haben heute viel vor. Er ist Polizist in Lagodegi und kommt nur zum Wochenende nach Hause. Man kann ihn sich nur schwer in einem Großraumbüro vorstellen. Wie viele georgische Männer hat er ungemein kräftige Unterarme und große breite Hände. Er trägt eine Sonnenbrille, die er nie abnimmt und versteht es zu schweigen, seine Stimme ist rauchig. Dazu kommt, dass´er “nur” georgisch und sicher russisch spricht, wie die meisten hier. Er erweist sich den ganzen Tag als geduldiger und guter Fahrer und ist uns gegenüber aufmerksam, dennoch guckt er uns weder bei der Begrüßung noch bei der Verabschiedung an. Er nimmt einen jungen ruhigen Mann mit, der offensichtlich schon bei Fahrtantritt schwer alkoholisiert ist. Wir denken, dass er ihm einfach mal was anderes zeigen wollte. Der junge Mann unterhält sich mit ihm, so daß es im Auto nicht so still ist, ansonsten kämpft er fast die ganze Zeit mit dem Schlaf, er ist ein Blatt im Wind, das sieht man. Wir fahren durch diese schöne, schöne, abwechslungsreiche, immer grüne Landschaft, immer hat man Berge am Horizont, die bis weit nach oben dicht bewaldet oder bewachsen sind. Überall ist es grün, üppig und voll. Wir fahren durch Alleen mit wunderbar alten Bäumen (Walnüsse und Schwarzpappeln meist), überall wächst hier Wein, ansonsten Granatapfelbäume, Feigen, Obstbäume aller Art. Die Nektarinen und Pfirsiche sind reif und überall an den Straßen werden sie eimerweise oder direkt aus dem randvollen Kofferraum heraus verkauft. In den wasserreichen Ebenen kreuzen wir immer wieder breite Flußläufe und ihr Schwemmland rechts und links davon. Georgien ist fast überall dörflich, Industrie und Gewerbegebiete sieht man kaum und wenn dann sind es Industrieruinen oder -brachen aus der Postsovjetzeit. Hohe Gebäude oder riesige Anlagen stören den Blick nicht. Reklame in Form von großen Plakatierungen gibt es kaum, wenn dann sind es Handyanbieter oder hier in dem Weinanbaugebiet Vertreter (Monopolisten?) landwirtschaftlicher Dünge- und Spritzmittel. Ab und zu sieht man einen Polizeiwagen (Skoda), auch die Polizisten scheinen viel rumzulungern, hier und da mit einem der vielen Bekannten zu plaudern. Der Eindruck ist insgesamt friedlich und ausgeglichen, manchmal gelangweilt.
Wir fahren zunächst zu der Wehrkirche Gremi, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört (zu Recht). In wunderbarer Lage besteht sie aus einer Festungsanlage mit kleinem Königspalast (15. Jh.), Glockenturm, Erzengelkirche (1565) mit gut erhaltenen Fresken, Weinkeller (Marani). Wieder begegnet uns eine Schlange, die panisch flieht. Kaufen vor der Kirche von einer Oma ein gehäkeltes Kreuz. Wir betrachten die Investition als Spende.
Danach fahren wir nach Alawerdi, dem religiösen Zentrum Kachetiens. Es besteht aus der imposanten Georgskathedrale (11.Jh.) mit Kloster. Der ganze Komplex ist von einer wehrhaften Mauer umgeben. Beim Eintritt bekommen wir einen Wickelrock in dunkler Farbe, den wir noch über unsere lange Hose anlegen müssen. Unser Kopftuch haben wir sowieso immer griffbereit. Die Kathedrale zeigt nur noch wenige Fresken, die meisten wurden im 19. Jh. mit weisser Farbe übertüncht.
Danach geht es ins Kloster Ikalto. Senon, einer der 13 syrischen Missionare soll im 6. Jh. das Kloster Ikalto gegründet haben. Im 12. Jh. hat König Dawit eine Akademie angeschlossen. Drei Kirchen sind zu besichtigen: die Hauptkirche Periszwaleba ist aus dem 8./9. Jh. und soll über dem Grab des heiligen Senon erbaut worden sein. Die Kirche sieht von außen sehr schön aus, ist umgeben von hohen alten Zypressen und Buchsbäumen. Innen bietet sie einen traurigen Anblick. Bauarbeiten sind im Gange.
Danach geht es weiter in die Stadt Telawi, wo wir zunächst eine 900 Jahre alte Ahornplatane bewundern. Danach besichtigen wir Schloss Batonisziche: eine Mauer umschließt den Palast im persischen Stil, die Überreste zweier Kirchen und persischer Bäder. Im Palast befindet sich das Geburtszimmer König Erekles II. Drei Zimmer des Palastes, auch der ehemalige Empfangssaal sind zu besichtigen. Vor dem Schloß steht ein Reiterstandbild des Königs.
Danach geht es nach Zinandali, dem wunderschönen (!) Landsitz des Fürsten Alexander Tschawtschawadse in einem herrlichen Landschaftspark. Der Landsitz mutet ein bißchen persisch im Stil an. Wir kaufen Eintrittskarten und bekommen selbstverständlich eine Führung in deutsch nur für Mine und mich. Die Dame spricht perfekt deutsch und klärt uns über alle Exponate (Geschirr, Gemälde, Möbel, Instrumente) auf. Tschawtschawdse war in Georgien mit der erste, der eine deutliche kulturelle Öffnung nach Europa praktizierte. Auf dem Grundstück sehen wir noch einen alten riesigen Weinkeller mit Weinflaschen von 1840 und später auf hohen Regalen. Als wir unserer Führerin ein Trinkgeld geben wollen, ist sie peinlich berührt und nimmt nicht an. Kaufen eine Kleinigkeit im Museumsshop und trinken eine Tasse Kaffee und essen einen Käsekuchen (nicht so lecker) im Museumscafe.
Wir halten nochmals auf einem Markt, damit Mine Nektarinen kaufen kann, dann geht es heim. Rüsten uns innerlich für den morgigen Tag mit Abreise. Nana ist uns schon sehr lieb geworden. Sasa lebt gegen abend immer mehr auf, erreicht langsam den Zustand schwerer Trunkenheit und wir schlafen zu seinem Poltern und Schimpfen unter uns ein. Arme Nana.

Anmerkung: Wir versuchen uns drei Personen aus der Geschichte Georgiens zu merken, die immer wieder auftauchen:
Dawit der Erbauer: befreite Georgien von den Seldschuken Anfang des 12. Jh., Beginn der Blütezeit des mittelalterlichen Georgiens, Aufstieg zum christlichen Großreich, Dawit ließ Klöster, Kathedralen, Akademien, Straßen und Brücken bauen.
Königin Tamar: Sie ist sehr beliebt und verehrt von den Georgiern, sie markierte Anfang des 13. Jh. Höhepunkt und Ausklang der georgischen Blütezeit. Nie wieder wird Georgien territorial größer sein als unter ihrer Herrschaft (große Teile des heutigen Aserbaidschan und Armenien + Teile der Türkei + Teile Südrusslands gehörten dazu). Das goldene Zeitalter Georgiens endet mit dem Einfall der Mongolen 1220.
Erekle II.: Ende des 18. Jh. unterstellte er Georgien der Schutzherrschaft der russischen Zarin Katharina II, da das Reich immer wieder sehr bedrängt wurde von Türken und Persern.

Samstag, 26. Juni 2010

25.6.10 Signagi

Frühstück um 7:30 Uhr: Gebratene Nudeln, Mini-Maultaschen mit Fleischfüllung, Rührei, dicker süßer Schmand, Apfelmarmelade, Käse, Brot, Tee. Kurz nach acht geht es los, unser Fahrer holt uns ab. Es geht in den Klosterkomplex Dawit Garedscha an der aserbaidschanischen Grenze. Wir haben die Bergstiefel an, da vor giftigen Vipern gewarnt wird. Wir haben einen jungen, sehr netten Fahrer (wie sich im Verlauf des Tages herausstellt) mit dem wir aber in keiner gemeinsam gesprochenen Sprache Worte wechseln können. In zügigem Tempo geht es bergab. Beim Verlassen von Signagi wunderbarer Blick in das unter uns gelegene Alasani-Tal, eine weite Ebene mit den dahinter gelegenen schneebedeckten Bergen des großen Kaukasus. Wir fahren runter von dem Höhenzug, der Kachetien längs durchzieht und kommen in die Ebene, die der Lori durchzieht, dann geht es durch eine fast menschenleere Landschaft leicht bergan in Richtung der Halbwüste an der aserbaidschanischen Grenze. Die Landschaft ist toll. Grüne Hügel ohne Baum und mit wenig Sträuchern, als habe die Erde gekocht und sich grün aufgeworfen. Überall blühen zu dieser Jahreszeit Blumen in der Graslandschaft. Irgendwann steht man vor einem zunächst unspektakulär wirkenden Kloster: der Klosterteil Lavra wurde von Dawit Garedscha gegründet, einem der 13 syrischen Christen, die im 6. Jahrhundert nach Georgien kamen, um hier zu missionieren. In der Region wurden dann nach und nach mehr und mehr Klöster gegründet und auch eine Malschule für Fresken. Die Mongolen zerstörten das Kloster 1265, Timur im 14. Jh. und 1615 wurden hier 6000 Mönche von den Truppen von Schah Abbas ermordet. Später war das Areal Übungsgelände der Sovietarmee, was große Proteste der georgischen Bevölkerung verursachte (zu Zeiten der Perestroika). Nachdem die Sovietarmee abgezogen war, zogen widersinnigerweise die georgischen Streitkräfte ein. Seit 1990 wird Dawit Garedscha wieder als Kloster benutzt. Natürlich ist es superwichtig für die Georgier. Aber die Aserbaidschanis stellen auch Ansprüche an dieses Fleckchen Land (warum?). Wir gingen dann den Hügel hoch, an den das Kloster gebaut ist, um auf der anderen Seite der Kuppe zu dem Klosterteil Udabno zu kommen. Der Ausblick nach Aserbaidschan ist auch grandios, eine weite Ebene dann wieder hohe Berge im Hintergrund. Wir sehen in den Felsen gehauene Kapellen und Kirchen mit Resten von Fresken. Leider ist viel zerstört durch Witterung und Menschenhand, Dennoch ist man erstaunt wie viel Ausdruck man in den dargestellten Szenen erkennt, obwohl nur noch Schemen vorhanden sind. Wir sehen zwei der erwähnten Schlangen (live), die über den Weg huschen, eine ist ziemlich dick und lang und wir erschrecken uns jedes mal sehr, wie auch die Schlangen, die natürlich immer flüchten. Wir lassen uns auf dem Rückweg schon vor Signagi absetzen und laufen in den Ort, genießen nochmals den Ausblick. Trinken Kaffee in unserem bekannten Restaurant. Mine wird wieder geküsst von der netten Frau im Restaurant, weil sie immer wieder versucht georgische Brocken zu produzieren. Sie kündigt uns auf diese Weise für den Abend an. Wir gehen in das sehr schöne ethnographische Museum der Stadt mit archäologischen Funden der Umgebung und schöner Beschriftung auf englisch, einer Abteilung für europäische Malerei mit einem echten Lucas Cranach (der Ältere) und einem Honore Daumier sowie einer Abteilung des georgischen hochverehrten naiven Künstlers Nikolos Pirosmanischwili (Picasso hat ihn gezeichnet). Alles ist wunderbar aufbereitet und ansprechend drapiert. Danach gehen wir heim, duschen, waschen Wäsche und gehen dann essen. Wir bestellen Fisch (leider kalt) mit Essig und Koriander und Kerbel angemacht, dann Fleisch mit kleinen Kartoffeln gebacken im Tontopf, dann Kaschapuri mit massiver Käsefüllung. Dazu gibt es ein großes Glas lieblichen (leider!) Rotwein, den ich unvorsichtigerweise rasch leere, der Mine auf den Magen schlägt, was wiederum ihren Kopf schont. Das Essen in Georgien ist meist - so auch heute - mächtig, fettreich, fleischlastig und leider auch sehr lecker, so dass wir alles aufessen. Wir hoffen diese Cholesterinkur einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Sind guter Stimmung und haben für morgen wieder eine Tour organisiert.
Anmerkung: wir haben bisher keine Süßspeisen in den Restaurants entdeckt (und wir gucken wirklich), keine Konditoreien oder Bäckereien mit süßen Teilchen, Kuchen, Torten. Man kann in den kleinen Läden, in denen es alles gibt (Seife, getrockneten Fisch, Tee, Pralinen, Nudeln...), immer eine größere Ansammlung von offenen, nicht kleinen Kartons finden, mit Keksen, Waffeln etc., die kaufen die Leute und essen sie zum Tee zu Hause.

24.6.10 Signagi

Um neun Uhr gibt es Frühstück: kalte Getreidegrütze (Gerste?), warme Pellkartoffeln mit Dill und Butter, Spiegeleier in einer Brotrinde gebacken, Apfelmarmelade, Käse, Butter, Brot, Salat mit Gurke und Tomate. Wir frühstücken mit den zwei Holländern und einem französischen Pärchen.
Danach beginnt das Käsefestival mit Käseproben aus allen Teilen Georgiens, Ständen die allerlei Handarbeiten (Gefilztes, gestrickte Socken, gestickte Mützen, Fellmützen, emallierten Schmuck, Messingrepliken von alten georgischen Motiven, Glaskunst) verkaufen, georgischen Wein, georgischen Tee. Dazu gibt es Musik- und Tanzvorführungen aller Art. Wir probieren viel Käse und verbringen einige nette Stunden dort. Gehen dann durch die Stadt und durch eines der Stadttore hinaus, folgen der Straße wahrscheinlich Richtung Lagodegi inmitten von undurchdringlichem Grün, ohne das wir einen Abzweig der Straße sehen. Nach einer ganzen Zeit des Laufens halten wir ein Marschrutki in die Gegenrichtung an und fahren wieder bergauf nach Signagi. Trinken dort türkischen Mokka und knabbern dazu kleine getrocknete salzige Fische, ein russisches Produkt, sehr lecker. Schauen danach die kleine St. Stephan Kirche in einem der Wachtürme der Stadtmauer an und danach die St. Georgs Kirche (von außen schöner als von innen). Finden danach einen Internetladen und geben schweißnaß in dem warmen Raum unseren Blog auf. Essen dann unser erstes (abgepacktes) Eis und gehen zu dem kleinen völlig unspektakulären ethnographischen Museum (das war es gar nicht wie sich später herausstellt). Danach gehen wir in unser Zimmer, duschen, waschen Wäsche und trinken dann Tee mit Nana und ihrer Freundin Mzia, die Leiterin der Kunstakademie in Tbilisi ist (?). Die zwei sind sehr selbstbewußte, energische, witzige Frauen und wir lachen bei gebrochenem Englisch viel. Mzia läd uns zu sich ein, wenn wir in Tbilisi sind. Inzwischen bricht wieder ein Höllengewitter los.
Wir gehen essen: Bohnensuppe, georgischer Salat (Erbsen, Möhren, Kartoffeln in weißer Soße), Brot und ich bekomme Khaslama. Letzteres ist ein Haufen gekochter Knochen mit etwas Fleisch dran, sonst ohne alles. Ich beginne mit Messer und Gabel, mir eßbar Erscheinendes (natürlich ist das extrem subjektiv) von Fett, Knochen und anderem zu trennen. Schmeckt ok. Mine lacht sich tot (wir wollten eigentlich kein Fleisch und solches schon gar nicht). Ich soll nie mehr an ihrem Fleisch zu Hause rumfitzkeln.
Morgen machen wir eine Tour nach Dawit Garedscha. Nana hat uns einen Fahrer organisiert. Man kann nur mit einem Taxi dahin kommen, es liegt sehr entlegen und es gibt keinen öffentlichen Transport dorthin.

23.6.10 Signagi

Heute morgen herzliche Verabschiedung von Luise und Kacha. Vorher noch ein kurzes Frühstück in der Morgensonne, der Tisch wird für uns in die richtige Position gerückt. Wir bekommen noch ein Glas selbst gemachten Marmelade mit auf den Weg. Dankbar erinnern wir uns, wie großzügig und familiär uns dieser Ort aufgenommen hat.

Angesicht des langen Tages unterwegs wagen wir nicht, Tee nach Herzenslust zu trinken (richtige Rentnerallüren). Toiletten sind unterwegs rar.
Im 10Uhr-Marschrutki sitzen wir neben einem Paar aus Estland, die permanent schlafen . Wir sitzen wieder in der letzten Sitzreihe und die Schlaglöcher halten uns auf dem Weg in Bewegung.Je tiefer wir von den Bergen runter kommen, desto wärmer wird es. Für die 140 km brauchen wir gut 3 Stunden, kommen in der Mittagshitze in Tbilisi an. Auf den mehrspurigen Straßen in und um Tbilisis spürt man erst so richtig wie wild die Georgier Auto fahren, die Verkehrsregeln werden grosszügig ausgelegt. Es vergeht einem schnell jegliche Lust, selber ein Auto zu mieten. Wir kommen am Busbahnhof Didube an. Hier sieht man ganz überwiegend recht betagte Marschrutkis,keine großen Überlandbusse, nichts Klimatisiertes, viel Rost und Gespachteltes, viele gerissene Windschutzscheiben. Zwischen den dicht an dicht stehenden Maschrutkis sind große Pfützen, Schlamm und Schlaglöcher sowie unzählige Marktstände. Fahrpläne, Nummerierungen von irgendwas, Bahnsteige, für uns lesbare Beschriftungen; Fehlanzeige. Unser Führer hat folgerichtig hier von Rollenkoffern abgeraten. Recht hat er. Wir arbeiten uns über den Platz zur Metrostation vor und fahren in Richtung des anderen Stadtendes zu einem weiteren Busbahnhof an der Metrostation Sangori. Eine Horde bettelnder (Roma?)Kinder zieht durch die Wagons. Die russischen Wagen werden zwischen den Schienen hin- und hergeworfen, es rumpelt mächtig, man hat den Eindruck in hohem Tempo zu fahren. Der Busbahnhof in Sangori ähnelt dem ersten sehr. Das gleiche Chaos. Wir fragen uns durch. Gott sei Dank haben wir die Aussprache unseres neuen Zieles mit Luisa geübt, sodaß man uns wenigestens versteht. Es dauert nicht lange, da haben wir dank vieler Fingerzeige in die richtige Richtung unseren Marschrutki errreicht. Er startet in nur 1 1/2 Stunden und steht sogar teilweise im Schatten. Zeit genug, um doch einmal die hiesigen Toiletten aufzusuchen. Eine Frau führt uns hin, alleine wäre sie für uns unauffindbar gewesen. Mine traut sich zuerst in den finsteren Raum. Bei beißendem Uringeruch sitzen mehrere Frauen dort hinter einem rostigen Drehkreuz und geben an Bedürftige kleine Mengen Klopapier ab. Links herum haben wir die Frauenabteilung: die Toiletten für Frauen bestehen aus einem kleinen Raum mit vier Abtritten - das trifft die Sache wohl am besten. Die einzelnen Örtchen im orientalischen Stil - ohne Spülung allerdings -sind alles andere als still. Sie haben keine Türen und sind auch zu den jeweiligen Nachbarn nur durch Glasbausteine in Kniehöhe getrennt. Privatssphäre null. Jeder kruschelt vor den anderen an seinen Hosen und Röcken rum, hockt sich hin, putzt sich, bringt sich in Ordnung. Wahnsinn. Ich wasche mir die Hände nur weil ein Wasserhahn schon läuft, sonst hätte ich nichts angefaßt. Wir gehen zu unserem Marschrutki zurück, in dem schon unsere großen Rucksäcke liegen. Wir verbringen die 1 1/2 Stunden in dem Kleinbus, da wir uns nicht allzu weit wegtrauen von unserem Gepäck. Essen eine Kleinigkeit von unseren Broten. Wir schauen dem Treiben auf dem Platz zu. Alle sind geduldig trotz der Hitze, es fällt kein lautes Wort, es wird nicht gerufen. Zwischen den leicht demoliert und heruntergekommen wirkenden Wagen schweift unser Blick auf und ab. Gegenüber versuchen zwei Männer ein Sofa und eine Anrichte mit Schnüren auf dem blanken Dach eines Kleinbusses zu verschnüren. Sie geben sich alle Mühe, ziehen die Schnüre durch die offenen Fenster. Einige Motorhauben stehen offen, man widmet sich. Die Männer unterhalten sich im Schatten. Dutzende von Frauen gehen zwischen den Wagen her und bieten Taschentücher, Kaugummi, Eis, riesige Tüten von Flips, Fächer, Haarschmuck, Kinderspielzeug aus buntem Plastik, Gebäck aller Art und Bananen an. Ein nicht enden wollender Strom von Versuchen etwas zu verkaufen flaniert an unserer offenen Wagentür vorbei. Die immer gleichen Frauen kommen an die Tür des Wagens und animieren mit leiernder Stimmen, ziehen nach kurzer Zeit mit schwerem Schritt und geschwollenen Beinen weiter. Die meisten sind ausgesprochen gepflegt angezogen, zum Teil mit blondierten Haaren, hochhackigen Schuhen, Schmuck, Schirm oder Hut gegen die Sonne. Jede hat ihren ganz speziellen Warenaufbau auf ihren zwei Armen. Der Gang der meisten ist eine Mischung aus sich schleppen und stolzieren, hin und her in dieser Hitze ohne dass sich viele Abnehmer finden. Nach anderthalb Stunden geht es endlich los. Das Schaumgummi auf dem Fahrersitz ist zum Teil schon weggesessen und durch eine Plastikauflage ersetzt, von den Anzeigen des Amaturenbrettes funktioniert nur die Uhr. Wir halten nach begonnener Fahrt noch einmal. Auf einem Holzgerüst am Straßenrand hat jemand Motoröl (Sorte?) in alte Limonadenflaschen abgefüllt, der Fahrer kauft einen Liter und füllt ihn vor Ort ein. Im Laufe der Fahrt werden an Ständen am Fahrbahnrand Melonen, Käse, Tomaten aus dem eigenen Garten und die Süßspeise Tschurtschkella (lange braune Süßigkeiten aus dickem Traubensirup und Walnüssen) aufgehängt. Die Gestelle sind mit Gardinen abgedeckt gegen Staub und Fliegen. Geduldig sitzen die Menschen an der Straße.

Wir kommen gegen fünf Uhr in Signagi an. Die Stadt liegt wunderschön, erhöht, zwischen grünen, waldreichen Hügeln. Sie wird für ihren italienischen Flair gerühmt, was stimmt und sicher durch die hohen Zypressen, die überall stehen, unterstützt wird. Die Stadt ist auf den ersten und zweiten Blick herausgeputzt, frisch renoviert durch und durch, alles ist wie aus einem Guß, wie aus einer Zeit, wie frisch gepudert. Andere Touristen sprachen davon es sei hier wie in Disneyland und das stimmt. Vielleicht ist dies ja der erfüllte Traum, den die Georgier selber von ihrem Land haben und der sich wenigstens an einer Ecke realisiert hat. Es gibt hier in diesem kleinen Ort mehrere kleine Restaurants, sogar Bankautomaten, Mülleimer, Springbrunnen, einen Kinderspielplatz, erstaunlich viele Hotels, Bürgersteige, eine Kutsche für Rundfahrten, WLAN-Internet an einem zentral gelegenen Brunnen. Dieser Ort teilt sich einige wenige Touristen. Angesichts der Bettenkapazitäten ist es als habe man sich auf eine zukünftige Zeit vorbereitet.
Wir gehen los und finden rasch, die private Unterkunft von Nana, in der wir uns angekündigt haben. In ihrem alten Haus - frisch renoviert - vermietet sie vier Zimmer. Wir bekommen ein dunkles Zimmer mit vier Betten und einer Tür, in der eine Scheibe fehlt, was aber durch einen Vorhang verdeckt ist. Bad ist auf dem Flur. Wir sind fertig von der Reise und schlagartig deprimiert. Gott sei Dank sagt Mine nicht sofort: “Hier bleibe ich nicht”, denken tuen wir es sicher im gleichen Moment. Während Nana kraftvoll die Betten bezieht, “no problem”, sammeln wir uns und fragen schließlich, ob es auch ein anderes Zimmer gäbe. Eigentlich nein. Sie zeigt uns dennoch eins und wir greifen sofort zu, die Optik ist besser, es gibt ein Bad und einen Balkon. Dennoch ist Mine von den Mißlichkeiten des Tages total unterminiert und sieht vorerst keinen Sinn in unseren derzeitigen und möglicherweise auch zukünftigen Reiseaktivitäten in Georgien und Armenien sowieso. Das macht mich wiederum ratlos und so sind wir beide kurzfristig ein Häuflein.
Nana Kokiaschwili, unsere Vermieterin, ist ein echtes Energiebündel, ihre Hand rührt in allen Töpfen. Sie rennt immer hin uns her, versucht alles im Blick zu behalten. Sie ist für die Tourismusentwicklung im Ort zuständig/wichtig und morgen ist das Käsefestival des Ortes. Noch viel ist zu tun. Zwei junge Holländer verweisen auf irgendeine Homepage von Signagi, auf der stand, man könne hier Paragliding machen. Sie hätten E-mail Kontakt mit jemandem gehabt. Wie es damit stünde? Nana lacht nur, so etwas gibt es hier nicht. Vielleicht ist sie auch ein Schlitzohr?
Wir duschen und gehen essen. Kaum angekommen in dem Restaurant, fängt es an zu hageln (aber wie) und danach regnet es sintflutartig (ehrlich). Der Strom fällt aus und bei Kerzenlicht essen wir wieder Aubergine mit Walnussfüllung, Khinkali mit Pilzfüllung, Kharcho-Suppe, Brot Bier, Kaffee. Die Frauen in dem Restaurant sind rührend bemüht, Mine wird zum Abschied geküsst (weil es ihr geschmeckt hat?). Wir zahlen für alles 24 Lari.

Donnerstag, 24. Juni 2010

22.6.10 Kasbegi

Nicht erst heute fällt es uns schwer, zu sehen wie sich Luisa bemüht, es uns gut zu machen. Trotzdem sie noch nicht sehr alt ist, wirkt sie doch sehr erschöpft und krank. Dennoch kocht und macht sie den ganzen Tag, bereitet immer mehrere Gerichte zum essen vor. Wir sind ja ihr Broterwerb, das ist nicht schwer zu verstehen und jeder Tag, den wir länger bleiben, weil es uns so gut gefällt, ist für sie und die Ihren ein Gewinn. Wir machen es ihr so leicht wie möglich, aber dennoch sehen wir wie müde sie ist und wie erschöpft dort zwischen ihren vielen Töpfen und Pfannen und Tigeln. Das Wetter ist weiter wechselhaft, zum abend regnet es immer, tagsüber ist es bewölkt und dann wieder kurz sonnig, bisher sind wir mit einigem Glück nie naß geworden. Dennoch haben die Landschaft und die Dörfer etwas vergessenes, unerwecktes, träges, unerfülltes. Viele Menschen (besonders Männer) haben keine Arbeit, Alkohol spielt eine große Rolle, schon vormittags trifft man viele Männer mit schwerer Fahne. Wir sehen hier wenig Gärten außer denen unmittelbar am Haus, die den Menschen ja eine Möglichkeit zu Initiative und Broterwerb wären. Das Land scheint sehr fruchtbar. Wir fantasieren, dass die Menschen die Versorgung durch Rußland im Kleinen wie im Großen gewohnt waren und den Sprung weg vom Nabel nicht gut überstanden haben. Gas war früher hier scheinbar in Hülle und Fülle zu billligen Preisen zu haben. Man sieht in der Landschaft immer wieder eine Pipeline, die wir für eine Gasleitung (aus Rußland) halten. Luisa hat hinter dem Haus ein großes Gewächshaus, das sie immer schön mit Gas beiheizt hat und dort alles mögliche aufziehen konnte. Jetzt ist das nicht mehr möglich, da die Gaspreise so in die Höhe gegangen sind. Sie kocht mit Gas in Flaschen, die sie immer im Nachbarort befüllen muß. Von Heizen spricht hier leider keiner, obwohl es abends frisch wird. Wir haben verstanden, dass hier Warmwasser und Heizung mit Strom aus der Steckdose funktionieren. Vieles reimen wir uns so zusammen und nicht alles wird stimmen, manches schon.
Mine ist heute nicht so gut mit Kopf- und Rückenschmerzen und wir wollen es langsam angehen lassen. Man muß sich immer wieder bremsen und besinnen und nicht zu viel erwarten vom Tag.
Wir gehen über die Brücke und wandern entlang des brausenden Tergi durch die breite Flußlandschaft in Richtung Sioni. Ohne Auto oder Taxi hat man nicht so sehr viele Möglichkeiten zu Touren. Es gibt auch fast keine ausgeschilderten oder markierten Wanderwege. So laufen wir wieder parallel zur Heerstraße, heute in die entgegengesetzte Richtung von gestern. Wir sehen ungemein viele prächtig blühende Wiesen mit einer Vielzahl von wunderbaren Wildblumen. Viele dieser üppigen Wiesen sind umzäunt und wir fragen uns, ob sie geerntet werden und wofür. Wir passieren viele Pfützen auf unserem Weg, in denen munter Kaulquappen schwimmen. Ihr gesamter Entwicklungszyklus scheint in den Pfützen gewährleistet bei dem reichlichen Niederschlag hier in der Gegend und der Größe der Pfützen. Die Kaulquappen müssen im schlechtesten Fall ein bißchen zusammenrücken. Wir sehen einige Wehrtürme, die hier in den Dörfern früher als Unterschlupf und sicherer Ort dienten. In den Orten und Dörfern treffen wir umherlaufende Hühner und robust wirkende kleine Schweine (nicht rosa), viele Rinder. Vor den Hunden hüten wir uns ein bißchen, man will sie nicht beim Bewachen stören. Unterwegs trinken wir in einer unspektakulären Gaststätte Kaffee und Tee. Ein kleiner Lada mit russischem Kennzeichen und drei Männern und einem kleineren Jungen fahren vor. Zwei der Männer spielen wüst mit dem Kind, man sieht nur wie die Körper zwischen Rückbank und Vordersitzen rasch hin- und herwechseln wie beim Fangenspielen. Das Spiel sieht derb aus, aber das Kind lacht. Wir würden uns nicht wundern, wenn der Lada gleich auf der Seite liegt, es ist als wenn Riesen spielen. Irgendwann endet unser Weg zwischen hüfthohen Blumen auf einem kleinen Friedhof. Wir kehren um. Machen ein Picknick und kehren unter trübem Himmel heim.
Können zur Zeit keinen Blog aufgeben, da es hier kein Internetcafe gibt. Wir sehen nur wenige Touristen (bisher ein Kleinbus Japaner/Chinesen, zwei Slowenen, zwei Engländer, zwei Franzosen, einige Südafrikaner, Azeris). Ob die Saison erst noch kommt? Einige Buden scheinen sich zu rüsten so etwas wie ein Cafe zu werden.
Zum Abendessen haben wir heute Suppe mit Huhn, gebratenen Fisch mit Reis, Brot und Bratlinge mit Möhren geraspelt, Fleisch, Kümmel und Fenchel.
Wir rüsten uns für die Abreise morgen. Haben es Luisa schon gesagt (“Könnt Ihr nicht noch einen Tag bleiben”?). Morgen geht es nach Signagi, haben dort schon eine Unterkunft arrangiert.

21.6.10 Kasbegi

Werden auf dem Dorfplatz von Wassili angesprochen, der mit seinem Lada neben uns hält und gleich die Karte auf der Kühlerhaube ausbreitet. Wir möchten die Karte kaufen, er will eine Tour verkaufen mit sich als Fahrer. Wir versuchen uns als Fußgänger durchzusetzen, was schließlich gelingt. Wir laufen heute auf der georgischen Heerstraße in Richtung russische Grenze, gehen dabei durch die immer enger werdende Gariali Schlucht (entlang des Tergi Flusses). Es ist so gut wie kein Verkehr auf der Straße, ab und an kommt ein einzelnes Auto in gemessenem Tempo wegen der mäßigen Straßenverhältnisse. Einen Tunnel (nicht mehr als ein Loch im Berg, ohne Licht, von dessen Wänden und Decke es tropft) umgehen wir, da er uns unheimlich ist. Die Landschaft ist grandios. Die Straße ist oft direkt in den Fels gehauen, schlängelt sich an den Wänden der Berge entlang. Die Brücken sehen erbärmlich aus, an einer Stelle versucht man ein weiteres Abrutschen der Straße zu verhindern und die Böschung zu stabilisieren. Der Tergi zu unserer rechten tobt durch die Schlucht und man ist ganz taub von dem Geräusch. Wir kommen vorbei am Wasserfall in Geveleti, sehen von weitem den Gletscher an der Ostflanke des Kasbek (Devdoraki Glacier). Kurz vor der Grenze kommen uns vier ukrainische Laster entgegen, die gerade die Grenze passiert haben. Was für eine Strecke sie noch vor sich haben. Wir gehen bis zur Grenze, die unspektakulär ist. Dort sieht man auf der einen Seite Überreste von Tamars Castle auf der anderen Seite den aufwändigen Neubau einer großen Kirche (warum da?), zudem ein paar verlassene Buden, wo zu Zeiten als die Grenze belebter und frequentierter war, Essen und Trinken und Allerlei verkauft wurde. Schade, wir haben nix mehr davon. Nach einem Picknick geht es zurück. Ein Polizeiwagen hält neben uns und bietet an, uns mit zurück nach Kasbegi zu nehmen. Wir steigen zu und holpern bei lauter italienischer Musik die kurvige Strecke in Windeseile (Macho) zurück.
Im Ort gibt es eine “Bude”, wo ein paar Frauen Tee und Kaffee und Essen kochen. Wir trinken guten türkischen Kaffee und Mine hört am Nebentisch, dass einige Worte türkisch gesprochen werden. Im Vorübergehen wünscht sie den Leuten “Afiyet olsun”, “Guten Appetit” auf türkisch. Der Mann identifiziert Mine nach dem folgenden kurzen Dialog sofort als Türkin (er ist Azeri), springt auf, macht Anstalten Stühle für uns an den üppig gedeckten Tisch zu rücken und läd uns sofort zum Mitessen ein. So eine offene Freude eine(n) andere(n) Türken/in zu treffen. Ich bin echt beeindruckt von dieser überschwenglichen Liebenswürdigkeit, die ich besonders von den Türken kenne. Da war sie wieder. Im nächsten Urlaub geht es nach Azerbaidschan, es ist unübertrefflich, sich verständigen zu können (und das geht ja in Azerbaidschan mit türkisch)! Gehen noch ein bißchen durch den Ort und dann heim. Zum Abendessen gibt es: Suppe mit Walnußkernen, gebratene rohe Kartoffeln mit Soße aus saurer Sahne, kaltes Huhn, Brot, Rotwein. Trinken den geschenkten Wein mit Kacha und später mit Luisa. Singen noch ein bißchen für Luisa auf deutsch und türkisch.

20.6.10 Kasbegi

Der Tag beginnt mit einem Blick auf die umliegenden Berge. Wie mag das Wetter sein heute? Der majästetische schneebedeckte Kasbek ist wie immer nicht ganz enthüllt, meist trägt er auf der ein oder anderen Seite ein Wolkenhemd. Ist er ganz frei sieht, man einen Kopf mit zwei Augen, Stirn, einer kräftigen Nase, Lippen, ohne dass man es sich allzusehr einbilden muß. Jeder wartet also darauf, dass der Blick frei wird. Man sieht den kräftigen Gletscher, der sich den Berg hinunterschiebt. Bis dahin werden wir es aber wohl nicht schaffen. Der Kasbek ist 5047 m hoch und ein erloschener Vulkan. Der Sage nach wurde Prometheus an ihn gekettet nachdem er den Göttern das Feuer stahl, um es den Menschen zu bringen. Dort angekettet erschien jeden Tag ein Adler und hackte ihm die Leber aus, die nachts nachwuchs. Viele haben fasziniert über den Kaukasus und den Kasbeck geschrieben u.a. Alexander Puschkin, Michail Lemontow, Andrej Belyi und Fridjof Nansen.
Zum Frühstück gibt es dick geschnittene Weißbrotscheiben, Margarine, Salat aus Gurken und Tomaten, Lauch, sehr salzigen Käse, selbst gemachte Marmelade aus mit Cornellkirschen und Waldfrüchten und grobem Zucker, der zwischen den Zähnen knirscht (wie auch in der Türkei so gibt es auch hier sicher keinen Gelierzucker), Spiegeleier, Honig. Trinken tun wir natürlich Tee, bisher haben wir hier in Georgien nur Beuteltee gesehen, keinen losen Tee, schon gar keinen Samovar. Schade. Was man überall bekommt ist türkischer Kaffee so wie man ihn kennt. Nach dem Frühstück machen wir uns auf. Auf dem Dorfplatz wird man gleich angesprochen, ob man ein Taxi braucht. Wir wollen zu der berühmten Zminda-Sameba- Kirche und nicht wenige lassen sich auf den holprigen Wegen mit einem vierradgetriebnen Auto hochbuggsieren. Heute ist ja Sonntag und viele Einheimische sind mit uns zu Fuß unterwegs. Alle Keuchen und Schwitzen den steilen Weg hoch und man sieht immer die gleichen Gesichter, wenn man verschnauft, was auch die anderen in einem ähnlichen Rhythmus tun. Oben angekommen ist man voll entschädigt für die Mühen. Vor einem wunderbaren Bergpanorama steht diese kleine Kirche scheinbar völlig allein. Kein anderes Haus ist zusehen. Sie steht an einem Abgrund, hinter ihr ragt der Kasbek auf. Wir schauen die Kirche ersteinmal aus einiger Entfernung (aber nun schon auf gleicher Höhe mit ihr) an, weitläufige Almwiesen mit zahllosen bunten Blumen umgeben sie. Die Russen hatten von Kasbegi nach hier oben eine Seilbahn gebaut, die die Einheimischen nach kurzer Zeit zerstört haben, weil sie ihnen als dem Ort ungemäß erschien (kleine Mißverständnisse). Innen ist die kleine Kirche sehr schön, ein paar alte Fresken und Ikonen. Wir kaufen zum Sonntag eine etwas kräftigere Bienenwachskerze und stellen sie zu den vielen anderen. Draußen in der Sonne sitzen wir noch ein Weilchen mit den anderen “Pilgern”, steigen dann noch ein bißchen und finden ein gutes Plätzchen für unseren Apfel und unser Käsebrot. Steigen noch ein bißchen weiter dem Kasbek entgegen, vorbei an einer einzigen Blütenpracht, u.a. einer großen Fläche weiß blühender Azalen zwischen jungen Birken und Schneeresten. Wir gehen fast zwei Stunden zurück nach Kasbek immer bergab. Mir läuft die Nase wie verrückt, die Heuschnupfentablette hilft nicht und ich komme mehr und mehr zu dem Schluß, dass es eine Erkältung ist, Mine siehr ziemlich verbrannt aus. In Kasbegi setzen wir uns in eine Art Cafe. Einige Frauen kochen hier, Männer grillen, es gibt Bier und ein paar Sonnenschirme. Einige Leute sind bei selbstgemachtem Wein schon sehr guter Stimmung. Auch wir bekommen eine Kostprobe des Rotweins, der sehr gut ist. Wir loben ihn angemessen mit allen zur Verfügung stehenden Verständigungsmitteln, ein französisches Pärchen neben uns auch. Mine und ich bekommen aber den Zuschlag für den noch halb vollen Kanister bevor alle in den Kleinbus steigen. Wir sind etwas zögerlich mit unserem groß geratenen Geschenk schleppen es aber nach einigem Abwägen wie zu verfahren sei (stehenlassen? mitnehmen?) heim. Unterwegs kaufen wir am Kiosk noch ein bißchen Knaberzeug. Überall in den Läden rechnen die Menschen noch mit wunderbar abgegriffenen, gedunkelten großen Abakus.
Zum Abendessen gibt es Suppe mit Kartoffeln und Rindfleisch, Chebureki (Teigtaschen gefüllt mit Käse und roher geriebener Kartoffel in Pfanne gebacken), eingelegte Gurken, Salat mit Erbsen und Möhren und Kartoffeln und Ei, Aubergine mit Kartoffeln und Zwiebeln und Kerbel, Brot. Sitzen am Abend auf dem Sofa im Wohnzimmer und schreiben ein bißchen im Blog.

19.6.10 Kasbegi

Der Tag beginnt heute früher als sonst. Wir wissen nicht, wie schwierig oder leicht es am Busbahnhof Didube sein wird, ein Marschrutki oder einen Bus nach Kazbegi zu finden und starten daher eher als sonst. Wir nehmen nach dem Frühstück ein Taxi. Mine hat die Essentials in Georgisch parat und müht sich redlich. Wie so oft bei den Georgiern, sieht man bei unserem Taxifahrer kaum eine erkennbare Regung in seinem Gesicht, die Verstehen, Skepsis, Mißfallen, Gefallen o.ä. andeutet. Stumm fahren wir durch die Stadt. Am Busbahnhof bemüht sich aber der Fahrer sehr uns in diesem Wahnsinnsgewirr an die richtige Stelle zu bringen, immer wieder fragt er selber nach und schlängelt sich in der Enge mit dem Taxi durch. Endlich finden wir den Maschrutki. Mit knappen Gesten werden wir von einem sonnenbebrillten Mann wortlos angewiesen zu zahlen, den großen Rucksack in den Kofferraum zu legen und einzusteigen. Schon bald geht es los. Ich sitze neben einer großen Teppichrolle und einem netten Usbeken aus Samarkant. Mine hat Platz für eine Pobacke neben einem XXL Georgier. Über den kleinen Gang sitzt eine gut deutsch sprechende Anthropologin von der Uni, die ihren Bruder besuchen will. Sie hat promoviert über alte deutschsprachige Reiseberichte über den Kaukasus und spricht daher sehr gut Deutsch. Leider erschöpft sich das Gespräch rasch. Mine versucht sie über politische Themen wie zum Beisspiel das derzeitige Verhältnis zu Rußland zu befragen und man merkt ihr Befangenheit und Zurückhaltung an. Ob man so etwas in der Öffentlichkeit besser nicht bespricht? Die Georgier kommen uns oft (im Vergleich zu den Türken) sehr europäisch, etwas distinguiert, zurückhaltend vor. Kein Vergleich mit den immer neugierigen, offenherzigen Türken. Unser Usbeke ist aber ein Gewinn, mit pantomimischer Gabe ausgestattet, munter und mitteilsam verkürzt er uns die Zeit. Er ist LKW-Fahrer, kennt unsere heutige Strecke gut, denn er fährt Aprikosen von Armenien (Ararattal) über Georgien nach Moskau. Er braucht jeweils 2 1/2 Tage für eine Strecke, währenddessen nur “Kaffee, Kaffee, Kaffee” dazu deutet er einen wilden Herzschlag auf der Brust an und lacht. Von Moskau fährt er dann mit Bier zurück nach Armenien. Jetzt steht sein LKW an der georgisch-russischen Grenze und er hatte Probleme mit Papieren, mußte seinen LKW stehenlassen und mit dem Bus nach Tbilisi fahren, um dort seine Papiere zu ergänzen. Jetzt war er auf dem Weg zurück zu seinem LKW. Es ist immer wieder erstaunlich, aber von den gebrochenen Verständigungsversuchen anderer versteht Mine oft viel mehr als ich, für mich müßte man “ordentlich” sprechen, meint sie. Wir fahren entlang der georgischen Heerstraße immer Richtung Norden und entlang des Flusses Aragvi und später des Tergi. Die Straße wurde u.a. mit Hilfe vieler deutscher Kriegsgefangener aus dem zweiten Weltkrieg ausgebaut. Sie geht von Tbilisi über den Kaukasus nach Vladikavkaz in Russland. Schon vor Urzeiten ein Karavanenweg, wurde er seit Ende des 18.Jhds bis Mitte des 19.Jhds unter unsäglichen Mühen erbaut und hatte immer wieder große strategische Bedeutung. Man überquert den Jvari Pass auf 2379m nach endlosen Serpentinen und dann geht es leicht bergab in das hoch gelegene Tergi-Tal. Mühsam windet sich die Straße hoch in die Berge und entlang der Hänge, ist über einige Kilometer nur eine Schotterpiste voller Schlaglöcher, sonst eine asphaltierte, relativ schmale Straße wechselnder Qualität. Die Fahrt geht durch eine tolle Bergwelt. Von unserer Sitzposition in dem vollen Kleinbus sehen wir aber nur kleine Ausschnitte davon, kein Panoramablick. 20km entfernt von der Grenze liegt Kazbegi (oder auch Stepantsminda) welches in wunderbarem Bergpanorama auf ca. 1750m Höhe liegt. Die Grenze zu Rußland war drei Jahre geschlossen, wurde jetzt aber kürzlich wieder geöffnet. Die Georgier bekommen aber kaum ein Visum (alle anderen schon) und können daher in Russland nicht arbeiten und die Arbeitsmöglichkeiten in Kazbegi und Umgebung sind verschwindend gering. Der Verlust Georgiens muß die Russen besonders geschmerzt und gekränkt haben und sie zeigen sich in vielem weiterhin beleidigt. Wir treffen bei Regen in Kazbegi ein und wie versprochen holt uns Kacha, der Sohn von Luisa, ab. Wir werden freundlich und herzlich empfangen im Haus von Luisa und ihren beiden erwachsenen Söhnen. Luisa hat die rechte Hand noch voll Teig für die Khachapuri (mit einer Mischung aus Unmengen von Käse und Margarine gefüllter Teigfladen, gebacken) als sie aus ihrer Sommerküche im Hof tritt, zeigt uns aber alles in ihrem Haus und sagt wir sollen uns wie zu Hause fühlen. Ihr Haus ist eine für uns etwas ungewohnte Aneinanderreihung von Zimmern. Hinein kommt man von außen direkt ins Wohnzimmer. Darin steht ein riesiges Sofa vor einem Wandteppich, ein alter geschnitzter Schrank ihres Vaters, ein Kamin, der leider rußt und nicht benutzt werden kann, Eßtisch und Stühle und ein Anrichte mit Geschirr und Gläsern in einer Vitrine. Von dort geht man in einen kleinen Flur mit Klavier und zahlreichenHeiligenbildern und kommt von dort in drei Schlafräume mit vielen Betten. Vom Wohnzimmer kommt man auf der anderen Seite in ein kleines Durchgangszimmer mit einer riesigen Truhe und zwei Betten hinter einem Vorhang. Von dort gelangt man in einen kleinen Vorraum, der wieder nach draußen führt und zum anderen in ein kleines Badezimmer mit Wanne, Toilette (bitte kein Papier reinwerfen, die Marke hier geht nie unter) und Waschbecken. Vom Flur geht es auch in die Winterküche. Überall sind rot gestrichene Bodendielen. Die Sommerküche ist eine kleine Holzhütte auf dem Hof. Hier pulsiert immer Leben und Tätigsein. Nacheinander werden hier in einem nicht enden wollenden Reigen Mahlzeiten bereitet. Luisa macht alles mir Ruhe und Unermüdlichkeit. Humpelt mit ihren geschwollenen Beinen von einer Ecke in die andere. Sie ist 66 Jahre, hat bis letztes Jahr als Lehrerin hier im Ort gearbeitet. Sie hat in Vladikavkas studiert und dort neben einem älteren deutschen Mann gewohnt, der ihre Schuldeutschkenntnisse erweitert und gefördert hat. Ihr Sohn Kacha hat leider keine Arbeit hilft ihr in Haus und Hof. Der andere Sohn Pitchiko lebt mit Frau und Kind eigentlich in Tbilisi ist aber zur Zeit auf Besuch hier. Beide Männer versuchen zwei Badezimmer an zwei der Schlafräume des Hauses anzubauen und werkeln viel.
Bei unserer Ankunft regnet es wie gesagt und wir frösteln schon bald. Holen die lange Unterhose raus und dicke Socken und den Pullover.
Schon bald wird aufgetischt: gebratene kleine Forellen mit Brot, kräftige Stücke Kuchen, Salat aus Gurken und Tomaten, Chatschapuri mit reichlich Käse und Margarine in der Füllung. Es ist köstlich und wir fühlen uns wie die König. Nebenbei blättern wir in Fritz Pleitgens Buch “Duch den wilden Kaukasus” und lesen was er über Luisa und Kasbegi schreibt. Irgendwann hört es auf zu regnen und wir machen einen Gang durch den Ort, besuchen das Museum des Schriftstellers Alexander Kasbegi in seinem Elternhaus und die Kirche nebenan. Die Wohnhäuser finden wir ziemlich russisch im Baustil, die Straßen sind breit, überall sind man die kleinen kräfigen vierradgetriebenen Ladas und andere geländegängige Fahrzeuge (anders geht es hier auch nicht). Im Zentrum gibt es ein Hotel, eine Polizeistation, einige kleine Läden, mehrere Kioske, die dies und das verkaufen. Es muß schwer sein für die jungen Menschen, ihr Leben hier zu organisieren und eine entwicklungsfähige Beschäftigung zu finden. Wir kommen pünktlich zum Abendessen und bekommen Borscht, gekochtes Huhn in schmackhafter Soße (kalt, als Salat), Salat aus Weißkohl und Gurke mit Petersilie. Dazu natürlich Tee und eine Probe des selbstgemachten Weißweins von Kacha (herb und stark). Die Brüder haben Besuch von Freunden und leeren zusammen sieben Liter Wein in nur wenigen Stunden. Wir unterhalten uns währenddessen im Wohnzimmer mit Luisa und gehen zeitig in unser gemütliches, blitzsauberes Bett.

Freitag, 18. Juni 2010

18.6.2010 Tbilisi

Eigentlich wollten wir Euch schon gestern vom 17.610 erzählen, aber dann war uns gar nicht mehr danach zumute. Es ist abend, wir hatten geduscht und Wäsche gewaschen. Draußen, in unserer Sackgasse spielt lauthals eine Horde Kinder, sie lachen und kreischen und sind vergnügt. Mine steht am weit geöffneten Fenster und ruft plötzlich “Oh nein, jetzt hat jemand ein Kind übergefahren”. Man kann nicht sagen, ob es nach diesem Ereignis ganz laut wurde oder ganz leise. Wir springen in die Kleider und laufen runter auf die Straße, drängen uns in den Hof der Familie gegenüber, sind ein Teil der zitternden, schockierten Menge aus Kindern und Erwachsenen. Gott sei Dank ist nicht unmittelbar was zu tun, denn die Mutter hat das schreiende Kind auf dem Arm. Das Kind ist etwa zwei Jahre alt, hatte mitten auf der Straße auf einem Stühlchen gesessen und ein Auto hatte beim Zurücksetzen das Kind erfaßt.. Man sieht Spuren des Reifens auf Bauch und Bein. Die Familie sind Azeris und Mine kann sich türkisch unterhalten. Alle sind aufgeregt. Die Oma zeigt immer wieder zwei Finger ihrer Hand, nur zwei Minuten hatte sie das Kind aus den Augen gelassen. Der junge Fahrer des Unglückswagens, ein Nachbar und Arzt, ist ganz blaß. Nach einer ganzen Weile steigt die Mutter mit dem Kind in einen Wagen und läßt sich mit dem weiter schreienden Kind ins Krankenhaus fahren. Alle zerstreuen sich mit zitternden Knien. Nur wenig später kommt der Krankenwagen, zieht wieder ab. Am nächsten Tag erfahren wir von der Nachbarin, die bei uns putzt, dass das Kind keine inneren Verletzungen hatte aber ein gebrochenes Bein und einen gebrochenen Arm. Alle bedauern den jungen Mann, dem das passiert ist. Sein Vater und er sind Ärzte und betreuen oft unentgeltlich die Menschen der Nachbarschaft, sind ganz verdiente und honorige Leute. Das ist wirklich der Horror, dass einem so etwas passiert.

Mine wollte gestern Postkarten aufgeben. Wir sahen auf dem Rustaveli Boulevard, dem Zentrum der Stadt, einen Hinweis auf eine Poststelle. Wir gehen durch einen Durchgang in einen großen Hinterhof, umstanden von Wohnhäusern, Frauen hängten Wäsche auf, Männer schraubten an Autos rum, Kinder spielten. Unsere Augen suchen. Tatsächlich, rechts von uns, ein paar Stufen hoch, eine Tür mit einem DIN 4 Zettel “Post” hinter die Vergitterung des Fensters geschoben. Wir gehen in den Raum. Wir sind geblendet, unsere Augen können sich nicht sattsehen. Hinter einem hohen Tresen eine Frau, eine Waage, ein Taschenrechner, sehr viel Papier. Bitte vier Postkarten nach Deutschland. Sie öffnet einen Pappkarton, in dem verschiedene Briefmarken lagern. Sie kramt und überlegt. Sie macht nach einigem Suchen Anstalten für unsere vier Karten 20 Marken abzureißen (für 14 Lari, eine stattliche Summe für hiesige Verhältnisse). Mine auf Zehenspitzen, um über den tresen wegzusehen, pocht auf den Platz links oben auf ihren Karten. Die Frau versteht sofort. Erneutes Kramen. Tiefer. Schließlich werden alle vier Karten von ihr beklebt, die Marken eingepaßt. Wie lange werden die Karten brauchen bis Deutschland? 10 Tage. Mine will, dass ich die Frau nach einer Quittung frage. Ich bin entsetzt. Tue ihr das nicht an. Für jene Glücklichen, die eine Karte erhalten, bitten wir um Rückmeldung.

Schauen die Kashveti-Kirche gegenüber vom Parlament und der Schule Nummer 1 an. Am Eingang wieder bettelnde Mütterchen. Mit unseren Kopftüchern (muß sein!) gehen wir durch die Kirche, zünden auch ein paar Kerzen an. Immer sind Menschen in den Kirchen, nie ist man allein, es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Eine Bestuhlung gibt es nicht, nur ein paar Bänke hier und da an der Wand, die Menschen stehen vor den Bildern und Ikonen. Die georgischen Männer sind meist stämmig und untersetzt, mit breitem Gesicht und Bürstenhaarschnitt. Nicht selten sind die Hemden weit aufgeknöpft und man sieht eine lange Goldkette mit Kreuz zwischen den Brusthaaren glänzen. Auch sie bekreuzigen sich und küssen die Ikonen und Wände, zünden Kerzen an. Es scheint ihnen selbstverständlich zu sein. Auch die Taxifahrer bekreuzigen sich bei Fahrtantritt (schnallen sich aber nicht an) und manche nochmal an jeder Kirche, die sie fahrend passieren. Die Frauen haben in der Kirche fast immer Röcke (nicht selten lange) an und tragen ein Kopftuch. Auf der Straße sieht man oft ausgesprochen elegant und modisch gekleidete Frauen, gerne mit extrem hochhackigen Schuhen, geschminkt und gut frisiert. Unsere Kirche ist angeblich aus den Steinen gebaut, mit denen der Missionar Davit Gareja, der aus Syrien gekommen war, um in Georgien zu missionieren gesteinigt werden sollte. Eine zoroastrische Frau hatte behauptet, sie sei schwanger von ihm. Er sagte, wenn das stimme, würde sie ein Baby gebären, wenn nicht einen Stein. Letzteres passierte. Kashveti heißt “Steingeburt”.
Danach gehts zum “Museum of Georgia”, was leider geschlossen ist. Wir finden das mit Hilfe eines jungen Jurastudenten heraus, der uns hilft. Man kann ja meist wenig lesen wegen der anderen Schrift.
Wir gehen in den Botanischen Garten oben auf dem Hügel. Überall stehen und sitzen junge Pärchen, Handy und Sonnenbrille neben sich. Öffentliches Küssen und Kuscheln sieht man nicht. Zwar macht die Stadt und die Menschen einen aufgeschlossenen, modernen Eindruck, auch was die Kleidung angeht, aber die Grundhaltung scheint äußerst konservativ. Voreheliches Zusammenleben ist undenkbar oder zumindest äußerst selten. Den Hügel entlang gehen wir mit Blick auf die Stadt langsam weiter, schließlich über den Stadtteil Sololaki ins Zentrum. Essen klare Champignonsuppe und Chikhirtma. Suchen länger nach einem Geldautomaten. Es gibt sehr viele, die meisten aber nur für Inlandsverkehr.

Wieder sind wir viel durch die Stadt gelaufen. Und? Die Bausubstanz, die Bausubstanz....Die Häuser im Zentrum sind eigentlich sehr ästhetisch, mit schmiedeeisernen Balkonen, kleinen glasumbauten Veranden, sich in den Innenhöfen hochwindenden Stiegen, schönen Holzarbeiten an den Balkonen, Stützpfeilern, Dachüberständen. Aber alles sinkt und bricht und verblasst, hält nur noch mühsam die Form. Es blättert ab, hängt durch, wird rissig. An den Fassaden windt sich hinauf und hinab: Ofenrohre, Abwasserleitungen, Dachrinnen, Stromkabel, Wäscheleinen, Telefonkabel. Bürgersteige gibt es selten und wenn sind sie oft unvermittelt unterbrochen durch Senken, Löcher, Höchstände, Abstände. Mine kann mit ihren erfahrenen und breiten Füßen sonst so einiges ausgleichen, braucht jetzt aber doch immer häufiger Blickkontakt. Die taktil-kinästhetische Wahrnehmnung kommt hier an ihre Grenzen. Man sieht die Behelfskonstruktionen, um die Funktionalität zu erhalten. Das ist alles nicht unsympathisch, nicht verkommen, nicht ungepflegt. Man sieht die ordnenden Hände dahinter. Man sieht noch die Schönheit dieser Stadt, “gerade noch” denkt man. Dann gibt es mehr und mehr Restaurationsarbeiten und dass was sich dann herausschält ist irgendwie oftmals zuviel des Guten, es überstrahlt irgendwie, ist wie dazwischen gehauen und wirft einen zurück. Man weiß nicht, ob der Verfall schrecklicher ist oder der oft unsensible Wiederaufbau.

In den Straßen sehen wir immer wieder Kleintransporter und Lkws mit deutscher Aufschrift “Obst und Gemüse”, “Kleinschmidt Malerarbeiten und Parkett”, “Becker Kanalreinigung”. Die Kennzeichen sind georgisch. Jetzt fragen wir uns natürlich: wie kommen die hier hin? Verschoben über Polen, die Ukraine, Rußland nach Georgien?

Heute, am 18.6., ging es das erste Mal heraus aus der Stadt. Unser Ziel war das 25km entfernte Mzcheta, die alte Hauptstadt Iberiens, noch heute ein geistiges Zentrum Georgiens. Zunächst ging es in die Metro. Man zahlt an einem Schalter den Einheitspreis von ca. 20 Cent, geht dann mit einem Plastikchip durch ein Drehkreuz. Weit unter die Erde fährt man auf einer nicht enden wollenden Rolltreppe. Der Wind weht einem um die Ohren. Wegen der Beschilderung in georgisch müssen wir fragen welches unser Bahnsteig ist. Erst später lernen wir, wo auch wir das lesen können. In der U-Bahn wirbt ein Plakat für einen “deutschen Metzker” mit vielen schönen Würsten. Wir steigen an der Haltestelle Didube aus und finden uns schon bald zwischen unzähligen Kleinhändlern, Marktständen und dazwischen parkenden dutzenden von Marschrutkis wieder. Wir fragen hartnäckig nach dem Kleinbus in unsere Richtung. Unsere Betonung von Mzcheta ist aber mangelhaft und schafft zunächst keine Klarheit. Irgendwie geht es insgesamt aber doch in die Richtung und schon fahren wir los. Mzcheta liegt malerisch zwischen bewaldeten Hügeln am Zusammenfluß zweier Flüsse ( Mtkvari und Aragvi). Wir sehen die beeindruckende Svetitskhoveli Kathedrale und die Samtavro Kirche. In letzterer spricht uns eine junge Lehrerin an, die gut Deutsch spricht und ein bißchen mit uns plaudert. Sie hätte gerne eine Freundin in Lübeck besucht, aber ihr Vater war dagegen. Sie ergänzt von sich aus “So ist das hier, die Tradition”. Wir verhandeln wegen eines Taxis zu der auf dem Berg wunderschön gelegenen Jvari Kirche. Es ist eine einfache Kreuzkirche vom Ende des sechsten Jahrhunderts. Sie gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Das muß aber Bestechung gewesen sein. Nein, im Ernst, sie ist wahnsinnig heilig für die Georgier. Sie steht da, wo die heilige, wundertätige Syrerin Nino, die wichtig war bei der Christianisierung Georgiens, ein Holzkreuz errichtet hat. Wie identitätsspendend ihr Christsein für die Georgier als Nation ist. Wahnsinn. Zurück mit Marschrutki und Metro. Essen in der Stadt: Bohnen mit Walnuß, Gurke, Tomate, Kräuter, dann Maultaschen mit Champignon- und Kartoffelfüllung.

Für morgen haben wir unsere Unterkunft hier in Tbilisi bezahlt und uns bei Luisa Ziklauri in Kasbegi in den Bergen angekündigt. Schon Fritz Pleitgen hat während seiner Dreharbeiten zu seiner Kaukasusreportage hier genächtigt. Wir wollen sein Zimmer. Logisch. Sie wird wohl was Gutes kochen für morgen. Ihr Sohn Kacha holt uns vom Bus ab, damit wir nicht an andere Vermieter verloren gehen.

Mittwoch, 16. Juni 2010

16.6.2010 Tbilisi

Wir spazieren durch die Straßen Richtung Nationalmuseum. Treffen am Hang auf eine ehemals russisch orthodoxe Kirche sind zunächst in dem Glauben, daß es sich um die Mamadaviti Kirche weiter oben am Berg handelt, was nicht stimmt. Vor der Kirche putzt eine Frau Kräuter, sie wird später für den Priester kochen. Eine andere junge Frau macht hier und da Ordnung in der Kirche, verkauft Kerzen, fegt, sorgt für den Ort. Alle Kirchen haben eine abgetrennte Nische oder ein Räumchen voller Heiligenbilder zum Verkauf und Kerzen in allen Größen und so diesem und jenem. Dort sitzt meist ein Mütterchen. Man sieht viele helfende Hände in und um die Kirchen, Frauen und Männer, die die ewig brennenden Kerzenhalter wieder vom Wachs reinigen, in und um die Kirche wischen oder fegen. Die Kirchen sind ja über Tag und bis weit in den Abend offen und immer ist jemand da, der sich verantwortlich fühlt für den Ort, ihn begleitet und umsorgt. Gottesdienste sind Lesungen aus der Bibel, Sprechgesänge, Gebete, Liturgie, Küssen der Ikonen, Segnen, Weihrauchfaßschwenken, keine Exegese von der Kanzel herab mit langen Erklärungen und Auslegungen und Erörterungen des Wortes. Die junge Frau in der ehemals russisch-orthodoxen Kirche hat einen Freund in Nürnberg. Scheinbar gehen nicht wenige junge Georgier als Aupair nach Deutschland und versuchen anschließend dort zu studieren. Wir haben so etwas nun schon einige Male gehört u.a. von unserer Freundin Barbara, die einem fassungslosen jungen Georgier bat die Wäsche aufzuhängen. Viele Georgier sind echte Machos, wir staunen nicht schlecht darüber.
Wir erreichen verschwitzt das Nationalmuseum. Auch hier ist links vom Eingang eine Nische mit Heiligenbildern und Buchsbaumkreuz und Kerzen für die kleine Andacht zwischendurch. Drinnen langweilen sich mehrere Wachleute. Eine Frau kommt auf uns zu, fragt aus welchem Land wir kommen und entscheidet nach der Antwort, dass sie uns gleich eine Führung machen wird. Wir sind ein wenig perplex. Wir hatten noch nicht um etwas gebeten. Wir sehen in einem Aufenthaltsraum einen ganzen Pulk schnatternder Frauen, die hier Führungen machen. Wir fügen uns. Ein anderer Deutscher gesellt sich noch dazu, er reist mit georgischem Führer. Wir sehen einen fantastischen Schatz an alten Ikonen, getiebenen Silberarbeiten, Schmuck, Emaillearbeiten, Schnitzkunst, Fresken aus allen Teilen Georgiens. Immer wieder sieht man den heiligen Georg, der hier oftmals nicht mit dem zu tötenden Drachen sondern - speziell für die Georgier - mit dem seinem Pferd und ihm zu Füßen liegenden Kaiser Diokletian gezeigt wird. Nach der Führung schauen wir den Rest des Museums an, der sich in bedauernswertem Zustand befindet. Das Gebäude scheint überaus angegriffen. Die Toiletten liegen unten im Hof. Man geht dorthin vorbei an gestapelten alten und rostigen Heizkörpern, ein paar Autowracks, Krempel aller Art, einigen kunstvoll bearbeiteten Steinen, Ausstellungsobjekte, die man ausgelagert hat.
Wir gehen etwas essen im Restaurant von gestern. Mine bekommt Chikhirtma, eine Hühnersuppe mit Milch und Dill und Essig, ich bekomme Kharcho, eine rote Suppe mit Rindfleisch und Reis, sehr würzig mit viel Kerbel. Alles sehr lecker.
Danach gehen wir die uralte Antißchati-Kirche (6. Jh.) anschauen mit ihrem Torhäuschen und einem Glockenturm, danach zur Zionskirche (werden heute nicht rausgebeten wie am Vortag). Am Gorgassali-Platz gehen wir in die armenische St. Georgskirche. In allen Kirchen ahnt man schöne Fresken, die aber ein wahres Schattendasein fristen, so dunkel geworden sind, daß man sie nurmehr erahnt. In den Kirchen ist es nicht hell, es gibt kaum Fenster, dafür Kerzen in Mengen und kleine Windlichter/Hängelampen (auch mit Kerzen) vor jedem Heiligenbild. Letztere sind meist in einer Art Vitrinenschrank aus dunklem Holz untergebracht. Dieses Land muß wirklich einen sehr umfangreichen Kunstschatz haben, aber der Bedarf ihn zu erhalten ist ungestillt. 1801 hat Zar Alexander I. Georgien gleich in seinem ersten Amtsjahr zum russischen Protektorat erklärt, es folgte die Angliederung an Russland. Unter der Zarenherrschaft wurden die Fresken in vielen Kirchen einfach weiß übertüncht und die Schatzkammern der Klöster erbarmungslos geplündert. Nachdem 1917 die Februarrevolution in Russland den Zaren gestürzt hatte, folgte für Georgien eine kurze Zeit der Unabhängigkeit, die erste georgische Republik von 1918-21. In diesen wenigen Jahren wurden wichtige Schritte für die wissenschaftliche Erforschung der Altertümer getan. 1921 maschierte die Rote Armee in Georgien ein. Viele Kirchen fielen der antireligiösen Kampagne zum Opfer. Dennoch flossen im Vergleich zu anderen Sowjetrepubliken noch relativ viele Mittel in die Restauration der Kulturdenkmäler. Die Unabhängigkeit von der UdSSR brachte dann neue - auch wirtschaftliche - Probleme mit sich. Alles in allem keine Blütezeit für den Erhalt der Kulturgüter Georgiens in den letzten 100 Jahren.
Wir wandern rüber zum Bäderviertel Abanotubani mit seinen vielen Schfefelbädern. Ein besonders schönes ist das an eine schiitische Moschee erinnernde, oberirdisch angelegte Orbeliani-Bad. Die meisten Bäder sind unterirdisch angelegt und man sieht von ihnen nur die Licht spendenden Kuppeln. Danach geht es den Berg hoch, an der Moschee der Stadt vorbei und dem Botanischen Garten zu den Ruinen der Burg Narikala. Dort sitzen fünf junge Männer in einer Laube und singen. Wir hören wunderbaren polyphonen Gesang. Letzterer ist auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes in der Rubrik “Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit” aufgenommen. Die kirchliche Polyphonie und die Volkspolyphonie haben Wurzeln bis in vorchristliche Jahrhunderte und sind etwas sehr besonderes für Georgien. Die europäische und die georgische Musikkultur unterscheiden sich offensichtlich ganz prinzipiell. “Das musikalische Denken ist ein anderes, die Melodien, die Tonsysteme, die Polyphonien, die Intonationen - alles unterscheidet sich von Grund auf.” Der polyphone Gesang scheint in unserem Notensystem auch nur schwer zu fassen zu sein. Es gibt anders als man denkt übrigens auch Frauenensembles. Dieser mehrstimmige Gesang (ohne instrumentale Begleitung) ist ernst, getragen, kunstfertig, tiefgründig, sonor. Lange sitzen wir auf der Bank und hören den probenden Männern zu. Danach treten wir den Heimweg an, nehmen ein Taxi. Kehren noch in einer französischen Bäckerei (Entree) ein und essen vier wunderbare (!) Teilchen und trinken Kaffee. Kaufen dann noch ein Kilo Kirschen an der Ecke. Mine probiert mit unserem Kauderwelsch-Führer in der Hand ein “nachwamdiß” (Auf Wiedersehen) und wird verstanden!

Dienstag, 15. Juni 2010

15.6.10 Tbilisi

Das Frühstück findet verspätet statt, wir sind erschlagen von der Hitze und die Müdigkeit der Reise steckt noch in uns. Wir bekommen: Baguette, Butter, zwei Sorten Käse in dicken Scheiben, Braten und Salami als Aufschnitt, Hüttenkäse (süß), Himbeermarmelade, vier heiße Würstchen, Orangensaft, Tee und Kaffee. Das alles hilft, verhindert aber nicht, dass wir uns danach wieder hinlegen. Irgendwann geht es dann und wir beschließen eine erste Erkundung unserer neuen Umgebung. Wir maschieren los, es ist drückend warm und der Himmel ist grau. Wir sehen wenig Touristen und auch von uns wird wenig Notiz genommen, was angenehm ist. Die Stadt ist sehr lebendig, viele junge, modern gekleidete Menschen, viele kleine Händler am Wegesrand in Bodennähe, die Kleinigkeiten verkaufen (Sonnenblumenkerne, Erdnüsse, Tempotaschentücher, grüne Pflaumen, Tomaten, Gurken, Kräuter). Nicht wenige scheinen hier ein Zubrot zu verdienen, meist sind es ältere Frauen. Viele bettelnde alte Menschen am Wegesrand, die Rente muß furchtbar niedrig sein (keine 50 Lari pro Monat, so liest man im Führer). Sie werden auch in den Kirchen geduldet, wo sie oft am Eingang hocken und um eine Gabe bitten. Wir sehen wie ein alter Mann in einer Kirche vom Priester ein Brot und eine Flasche Öl und noch ein paar andere essbare Kleinigkeiten auf den Arm gelegt bekommt, dafür dass er den Hof gefegt hat. Auch Kinder betteln einen an (Zigeuner), wobei die absolute Mehrheit der Menschen nicht verarmt wirkt. Wir streifen betäubt durch die Straßen, entlang des prächtigen Rustaweli-Boulevard gesäumt von alten Platanen, Geschäften, Prachtbauten. Wir kommen zum Freiheitsplatz (Tawisubleibis Moedani) mit seinem schönen Rathaus und dem riesigen heiligen Georg, der den Drachen tötet, in Gold oben auf einer großen Säule. Wir finden, die berühmte Zionskirche aus dem 6. Jahrhundert, die Hauptkirche des Patriarchen der georgischen Kirche. Sie ist wunderschön, nicht groß, erleuchtet von Kerzen und voller Ikonen und anderen Heiligenbildern. Wir stehen mit Kopftuch ganz im Hintergrund an der Tür, um den Gottesdienst nicht zu stören. Eine junge Frau kommt dennoch auf uns zu und bittet uns herauszugehen, da wir Hosen (lange!) tragen und keine Röcke. Wir sind ein bißchen sprachlos und gehen raus. Noch nie bin ich aus einer Kirche geschickt worden. Die meisten Menschen in Georgien gehören zur Georgisch-Orthodoxen Apostelkirche (75%), der Rest ist muslimisch, armenisch-gregorianisch und katholisch. Die Menschen wirken inbrünstig fromm, viele junge Leute gehen zur Kirche, küssen die Wände und Bilder und den Boden, bekreuzigen sich, knien sich hin, zünden Kerzen an. Es riecht nach Weihrauch in den Kirchen. Wir gehen noch in die recht schöne Synagoge und die Dschwarimama Kirche aus dem 16. Jahrhundert und schlendern an der nicht mehr benutzen armenische Norischani-Kirche entlang (alles in der Altstadt). Man sieht in der Altstadt viele Läden, die Devotionalien verkaufen, Heiligenbilder mit ohne Silberbeschläge, Ikonen, Kelche, Priestergewänder, Kerzen, Weihrauchgefäße zum Schwenken (auch in unserem Hotel ist ein Hausaltar). Nach Erlangung der Unabhängigkeit Georgiens 1991 wollte man die georgische Liturgie wieder einführen, was zunächst schwierig war, da es keine darin ausgebildeten Priester gab. Inzwischen gibt es in Tibilisi aber wieder ein Priesterseminar. Auf dem Berg sieht man die Narikala, die erhöht liegenden Ruinen der Festung, die hier einen alten Handelsweg an einer besonders schmalen Stelle des Flusses Mtkwari schützte. Sie wurde erbaut von den persischen Sassaniden und wurde danach zerstört und wieder aufgebaut von den Arabern (7. Und 10. Jh.), den Mongolen (13. Jh.), den Türken (16. Jh.), von den Persern (18. Jh.). Nicht weit entfernt sieht man ebenfalls auf dem Berg die große Statue der Mutter Georgiens (20m hoch). In der rechten Hand hält sie ein Schwert zur Verteidigung gegen die Feinde und in der linken eine Schale Wein für den Freund und Gast. Danach bekommen wir einen Tip, wo man gut essen kann. Wir sitzen schon bald in einer Shemoikhede (kleines Restaurant) und essen wunderbare Maultaschen (Khinkali), ganz frisch und weich, gefüllt mit würzigen Pilzen oder Kartoffeln, außerdem die beliebte Vorspeise Aubergine mit Walnüssen und danach Chebureki, frittierte Teigtaschen mit Käse und Pilzfüllung. Alles ist wirklich sehr köstlich und wir sehen was für dampfende Berge von Maultaschen hier über den Tresen gehen. Dazu trinken die Menschen Efes-Bier aus der Türkei. Wir genießen die klimatisierte Kühle des Raumes und leben sichtlich auf unter den neuen Bedingungen. Die Verständigung mit Englisch und Türkisch klappt ganz gut. Danach wollen wir nach Hause schlendern. Nach kaum 100m fielen dicke Tropfen vom Himmel, die bald schon immer dichter wurden und sich zu einem Wolkenbruch/Gewitter auswachsen. Beschließen ein Taxi zunehmen. Der Fahrer schafft uns gegen die Fluten den Berg hoch, das Auto flankiert von zwei kräftigen Fontänen rechts und links, der Scheibenwischer tut was er kann, Sturzbäche rauschen den steilen Hügel hinab und man hat echte Bedenken, ob das Auto es hoch schafft. Heil setzt uns das Taxi aber wenig später vor unserem Hotel ab. Der ehrliche Fahrer nimmt nur den normalen Preis, nämlich fünf Lari von uns. Wir sind gerührt. Verbringen einen ruhigen Abend teetrinkend mit dem Blog, mit Duschen und Liegen.

14.6.10 Reisetag

Heute hat meine und Mines Georgiengeschichte begonnen. Moni hat uns zum 11:06-Zug an den Bahnhof Lemgo gebracht. Von dort ging es über Bielefeld nach Düsseldorf. Um 17:25haben wir den Turkish Airlines Flug nach Istanbul genommen. Wie oft wir jetzt schon dort gelandet sind. Der Landeanflug über die Küstenlinie und der Flughafen, alles ist vertraut. Um 23:30 ging es weiter nach Tibilisi. Ich hatte furchtbar unruhige Beine und habe mich zwei Stunden auf den engen Sitzen gequält und Mine war auch schon ganz still geworden. Während des Fluges kam natürlich nochmals die Frage auf, wie es um 2:30 Ortszeit in Tibilisi mit unserem müden Haupt weitergehen würde. Mine hatte ja Gott sei Dank das Hotel Edelweiss, das jetzt Hotel Edem heißt, angerufen und für uns reserviert. Eine Abholung vom Flughafen konnten sie für uns nicht organisieren und überhaupt sei man ab 5:00 in der Früh da, um uns in Empfang zu nehmen. Bis dahin...Mine geht sicherheitshalber zu den türkischen Stewadessen in den hinteren Teil der Maschine um vorzufühlen, wo sie denn übernachten - leider übernachten sie nicht in Tibilisi. Schade, kein Tip. Es gibt ja jede Menge Luxushotels (Radisson, Sheraton, Mariott), aber die kleineren haben scheinbar nicht rund um die Uhr jemanden an der Rezeption sitzen (täte ich auch nicht). Wir entschließen uns weiter auf das Hotel Edem zu setzen, was uns vielleicht ja doch schon früher als 5 Uhr erwartet (die Flüge landen fast alle zu dieser schrecklichen Zeit). Schnell haben wir unsern Einreisestempel im Paß, ein Visum bräuchten wir nur für längere Aufenthalte und bald schon das Gepäck in der Hand. Auf dem modernen Flughafen ist noch mächtig Betrieb, die Nacht deutet sich hier nicht durch Gemächlichkeit an. Wir ziehen am Automaten mit unserer mirakulösen Sparkassenkarte 300 GEL (GEL = Lari), die wir erstmal neugierig betrachten. 1 Euro = 2,27 Lari. Die Scheine sind sehr geschmackvoll gestaltet, relativ klein, auf jedem Schein findet man Fabelwesen und Menschenköpfe, die man nicht kennt. Die Zahlen sind in arabischen Ziffern angegeben, der Rest ist nicht zu entziffern. Die Schrift ist voller Rundungen, ohne Striche und Ecken, wirkt irgendwie füllig. Wir kommen auf den grandiosen Einfall an die Information zu gehen und bitten die Dame dort für uns in dem Hotel anzurufen (stimmt der Name, den Mine am Telefon verstanden hat, stimmt die Adresse, ist jemand dort?). Jemand ist da - Gott sei Dank. Wir nehmen ein Taxi und fahren mit einem kurdischen Taxifahrer durch das heiße, menschenleere nächtliche Tibilisi. Wir sehen breite Straßen und einige beeindruckende, schöne Gebäude und Plätze, Oper, Philharmonie, Museen und das Parlament. Der Taxifahrer nimmt knapp das Doppelte vom üblichen Preis (wie sich später herausstellt), was wir ihm zögernd aber irgendwie doch freimütig überreichen. Jemand macht das große Hoftor auf, vor dem wir gehalten haben nimmt unsere zwei großen Rucksäcke, schleppt sie wie zwei tote Hasen durchs Treppenhaus hoch. Hinter zwei stattlichen hohen Flügeltüren haben wir ein riesiges Zimmer mit wunderbarem Parkettboden, zwei breiten Betten und weißen Möbeln in echtem gelsenkirchener Barock (endlich kann ich Mine zeigen, was das ist) - original. Das Zimmer und das herrschaftliche Gebäude erinnern mich am ehesten an Budapest. Die Wohngegend ist eher bescheiden, ein opulentes Durcheinander von alten heruntergekommenen Häusern mit kleinem Garten hinter hohen Mauern und verschachtelten Anbauten, wenig entfernt sozialistisch anmutende Hochhäuser, fehlende Bürgersteige, kleine Läden, verwirrende Oberleitungen. Ruhig haben wir es. Eine Vorliebe scheinen die Georgier zu pflegen: große deutsche Wagen (BMW, Mercedes, Audi, Opel), gerne große Geländewagen. Wir duschen und sind überglücklich uns auf unseren schönen Betten ausstrecken zu können.

24.5.10 Lemgo

Zur Sprache:
Tschchik’wi (Eichelhäher), gweltewsa (Aal) und kariqlap’ia (Hecht) scheinen entbehrliche Vokabeln.
ßanamde? (Bis wann?),
ßadaa? (Wo ist...?)
Gakwt...? (Haben Sie...?)
K’argad brdsandebodet! (Bleiben Sie gesund!)
Ar wizi (Ich weiß nicht.)
Mischwelet (Hilfe!)
ßadaa rk’inigsiß ßadguri? (Wo ist der Bahnhof?)
Lamasad (schön), dsalian lamasi (sehr schön)
k’argi (gut)
ßausme (Frühstück), ßadili (Mittagessen), wachschwami (Abendessen)
Verstehen müssen wir bei Tisch “miirtwit” (Greifen Sie zu!)
Gwelaperi dsalian gemrielia, magram met’i ag’ar schemitslia (Es schmeckt alles sehr gut, aber ich kann nicht mehr.)
Bodischi (Entschuldigung!)
Ich bin...germaneli (Deutsche). Ich bin... turki (Türkin). Ich bin...kartweli (Georgier).
ßakartwelo (Georgien)
dila mschwidobißa (Guten Morgen)
ßag’amo mschwidobißa (Guten Abend)
g’ame mschwidobißa (Gute Nacht)
dsili nebißa (Schlaf gut)
nachwamdiß (Auf Wiedersehen)
iqawit (Tschüß)
k’i oder diach (Ja)
ara (Nein)
madloba (Danke!), didi madloba (Vielen Dank!)

Inzwischen haben wir zwei neue Infoquellen bekommen. “Georgien - Land des goldenen Vlies” eine Artikelsammlung über Georgien aus dem Wostok Verlag. Es wirkte auf den ersten Blick ein bißchen verschossen in den Farben, hatte aber bei näherem Hinsehen schöne Artikel über dies und das “Die nationale Bewegung im 19. Jahrhundert” “Georgien - Europa oder Asien?”, “Wunder der Freskenmalerei im Mittelalter”, “Religiöses Leben und Kirche im heutigen Georgien”, über den polyphonen Gesang Georgiens, die große Bedeutung des Weinbaus für Land und Nation, das Ritual der “Tafel und des Tamada”, über den bedeutenden georgischen Künstler “Niko Pirosmanie” und vieles mehr.
Auch angekommen ist aus der Kauderwelsch-Reihe “Georgisch Wort für Wort” und wir versuchen uns ein paar Worte einzuprägen, was uns schwer fällt. Mine ist die treibende Kraft in dieser Sache “Jeden Tag zwei Worte”. Wir denken an unseren vielgereisten italienischen Bekannten Alberto, der vor jeder seiner vielen Reisen 200 Worte der Landessprache lernte und immer sein Vokalbelheft dabei hatte und wiederholte.

15.5.10 Lemgo

Manche, die es hören finden die Sache mit Georgien idiotisch. Wer von uns beiden eigentlich immer auf solche Ideen käme? Wir wollten sowas gerne nochmal machen...
Mine geht gucken, was die Georgier von den Türken abgeguckt haben beim Kochen und in den Tänzen und wie weit man sich türkisch auch hier Gehör verschaffen kann. Wir werden nach Silberschmuck gucken. Wir wollen sehen, was sich finden läßt, um einem abends nach einem üppigen Mahl schwer im Magen zu liegen. Wir wollen uns das Treiben auf den Busbahnhöfen nicht entgehen lassen, zwischen unzähligen Marschrutkis, deren Ziele hinter der Windschutzscheibe wir nicht lesen können, und wollen doch ankommen. Die Relikte der sozialistischen Vergangenheit werden wir betrachten, den sehr guten georgischen Wein testen und Chinkali (mit Fleisch gefüllte Teigtaschen), Badridschani (Auberginen mit Walnuspaste), Chatschapuri in allen Varianten (Käseteigtasche)
.
Unser Reiseführer wird sich hoffentlich als treuer Begleiter erweisen: In ihm stehen Sätze wie:
“Geht man die Puschkinstraße (in Tbilisi) hinab, trifft man auf das staatliche Kunstmuseum. Das Gebäude ist zwar in einem traurigen Zustand, aber der Besuch lohnt.” An diesem “zwar” und “aber” also sind wir besonders interessiert und bleiben es hoffentlich noch ein Weilchen.
Zu den Privatzimmervermietungen: “Da die privat vermieteten Unterkünfte von außen in keiner Weise zu erkennen sind....”,”Lassen sie sich nicht vom äußeren Eindruck täuschen. Die Wohnungen sind in einem weit besseren Zustand, als der äußere Zustand des Hauses vermuten ließe.” Sie sind also überhaupt nur mit der Beschreibung im Führer zu finden z.B. bei der pensionierten Deutschlehrerin Frau Nasi Gwetadse in Tbilisi, “durch die kleine Tür aus eisernen Stangen, meist offen...rechte Hofseite mit kleinem Holzstaketenzaun davor,...EZ nur mit Vorhang vom Durchgang zum Mehrbettzimmer abgetrennt.”
Wir machen es nach dem Motto ‘Frisch gewagt ist halb gewonnen’, das sich hoffentlich nicht abnutzt.
Ganz überwiegendes Transportmittel sind die Marschrutki (VW- oder Ford-Kleinbusse, georgische Variante des türkischen Dolmus) für Nah- und Fernverkehr. Die Marschrutki sind nur auf Georgisch beschriftet, “...was (laut Führer) vor allem am Anfang der Reise irritieren kann”. Und später?
Versucht man auf der Strecke zuzusteigen hält nicht jeder Fahrer trotz freier Plätze, “...ein System ist hier nicht zu erkennen”. Wenn man aussteigen will soll man “Gaadscheret” rufen.

Wir lernen:
Der Kaukasus wurde schon im Altertum als “Berg der Sprachen” bezeichnet, da hier etwa 40 Sprachen beheimatet sind. Es gibt im Wesentlichen drei große Sprachfamilien, das Abchasisch-Adygeische, das Dagestanische und das Kartwelische. Sie gehören weder zur arabischen noch zur indogermanischen Sprachfamilie. Zu den Kartwelischen Sprachen gehört das Georgische (und auch das Swanische und die San-Sprachen).
Die georgische Schrift, die weitgehend verwendet wird, ist die Mchedruli (Reiterschrift, auch Kriegerschrift), von links nach rechts geschrieben. Sie wird uns einige Probleme machen. Die einzelnen Buchstaben wecken bei uns keine Assoziationen. Es handelt sich auch nicht um Kyrillisch.
Kati Melua und Eduard Schewardnadse sind Georgier. Während erstere sich um unsere Ohren verdient gemacht hat, hat letzterer Verdienste um die deutsche Wiedervereinigung errungen. Stalin war natürlich auch Georgier.

Etwas Historisches:
Zwischen 1817 und 1819 wanderten ein paar hundert schwäbische Familien (Pietisten) auf Genehmigung von Zar Alexander I. nach Georgien aus. 1941 lebten 24.000 Deutsche in Georgien und 23.000 in Aserbaidschan, die dann von Stalin in großer Zahl nach Sibirien und Kasachstan umgesiedelt wurden.

2007 zeigte das georgische Nationalmuseum in Berlin seine wertvollen Exponate “Medeas Gold”.

Nicht reisen soll man nach Abchasien (gehört völkerrechtlich zu Georgien, unterliegt aber nicht dem Einfluß der Regierung in Tbilisi), Westmingrelien (viele Flüchtlinge aus Abchasien), Südossetien, Pankisi-Tal nahe der tschetschenischen Grenze.
Georgien grenzt im Uhrzeigersinn gesehen an: Abchasien, Russland, Nord- und Südossetien, Inguschetien, Tschetschenien, Dagestan, Aserbaidschan, Iran, Armenien, Türkei.
Im Norden liegt der große Kaukasus (junges Gebirge, erst 2 Millionen Jahre alt, höchster Gipfel ist der Elbrus in Rußland mit 5642m Höhe), die Grenze zu Armenien und Aserbaidschan wird gebildet durch den kleinen Kaukasus (gehört zum nordanatolisch-nordiranischen Kettengebirge, viel älter als der große Kaukasus mit 150 Millionen Jahren). Georgien gehört wohl am ehesten zu Europa. Der Transkaukasus meint den Landkorridor zwischen Scharzem Meer und Kaspischem Meer, dazu gehören Georgien, Armenien und Aserbaidschan.

11.5.10 Lemgo

Endlich haben wir eine Wahl getroffen und einen Flug gebucht. Bis zuletzt haben wir gezögert, ob wir nach Jerevan oder nach Tiflis fliegen sollen. Voller Verheißung war weder das eine noch das andere. Wir haben nur sehr ungenaue Vorstellungen von dem einen und dem anderen. Armenien mit dem kleinen Kaukasus und Georgien mit dem großen Kaukasus. Die farbigen Bilder in unsrem deutschsprachigen Georgienführer sind alle ein bißchen flau in den Farben, mit einem Stich ins blau und grau. Dann haben wir noch den Führer der lonely planet Reihe Georgia/Armenia/Azerbaijan in Englisch mit nur wenigen Bildern.
Jedenfalls heißt Georgien Sakartvelo, die Hauptstadt Tibilisi, der Schutzheilige ist der heilige Georg, 4,7 Mill. Einwohner, Präsident ist Michail Saakaschwili, Unabhängig seit dem 9. April 1991, Währung Lari (GEL), ein Lari gleich 100 Tetri, 1 Euro gleich 2,5 Lari.