Sonntag, 11. Juli 2010

9.7.10 Tbilisi

Spätes Frühstück auf der Terrasse mit Steve und den Tschechen. Unterhalten uns nett. Nehmen gegen 11:30 Uhr ein Taxi zum Bahnhof. Der Taxifahrer fährt vor und bekommt von unserer Oma das Ziel gesagt, damit wir uns nicht so abmühen müssen. Er steigt weder aus, um uns mit dem Gepäck zu helfen, noch öffnet er den Kofferraum, noch sagt er ein Wort oder schaut uns an. Der Motor wird nicht ausgestellt. Das ging uns schon öfters so, ein Mangel an Charme ist recht weit verbreitet bei den georgischen Männern. Auch die Frauen haben nicht selten einen wenig verbindlichen, wenig liebenswürdigen und verbindlichen Ton, wirken auf den ersten Blick irgendwie harsch und sowjetisch streng, geben kurze, knappe Anweisungen ohne ein Lächeln. “Nähern Sie sich!” sagte die Führerin im Nationalmuseum immer in strengem Ton, damit wir betrachten, was sie erklärt und man dann auch weiter konnte zur nächsten Vitrine und “Was ist da los?” als Mine der Führerin im Tschawtschawadse Palst nicht schnell genug folgt. Die Liebenswürdigkeit ist oft erst auf den zweiten Blick da. Wir buggsieren die großen Rucksäcke also auf den Rücksitz und er fährt uns zügig zum Bahnhof. Der macht einen modernen und leeren Eindruck. Lösen ein Ticket nach Tbilisi für 5 Lari pro Person. Die Dame vom Schalter kommt aus ihrem Häuschen und achtet darauf, dass wir in den richtigen Zug steigen. Ansagen und aktuelle Anzeigen auf dem Bahnsteig gibt es nicht. Wir fahren sechs Stunden für die 220km. Der Wagon ist -sagen wir- abgewohnt, die Stoffe speckig, die Scheiben ergraut, die Rahmen mit einem groben Pinsel übergestrichen. Alle Fenster sind auf, um für Kühlung zu sorgen, die Nylonvorhänge wehen aus den Fenstern und umflattern den Zug. Wir schwitzen vor uns hin, essen Tomaten und kaufen ab und zu etwas von den Frauen, die an den Bahnhöfen etwas anbieten und durchs Abteil gehen. Wir sind froh, hier etwas mehr Beinfreiheit zu haben als in den Minibussen und ab und zu mal ein paar Schritte gehen zu können. Jeder Wagon wird von einer Zugbegleiterin betreut, die die Toilette auf- und zuschließt und die Bahnhöfe ansagt, die Tickets kontrolliert. Auch der Bahnhof in Tbilisi macht gerade eine Verjüngungskur durch, überall wird gebaut und modernisiert. Wenn er fertig ist, wird er sich kaum von einem anderen modernen europäischen Bahnhof unterscheiden. Wir nehmen ein Taxi und fahren gleich zu unserem alten Hotel. Bekommen unser altes Zimmer wieder. Komisch, es ist immer ein besonders schönes Gefühl an bekannte und geschätzte Plätze und Orte zurückzukehren, das Gefühl gekannt zu werden und zu kennen wärmt einem irgendwie das Herz. Vielleicht gibt es einem auch nochmals ein anderes Maß für die Zeit, die vergangen ist seitdem letzten Besuch und für unser Wandern über diese Erde und durch unsere Tage. Es ist unbeschreiblich drückend und heiß. Während wir in unserem Zimmer die Blogs der letzten Tage aufgeben (wir haben hier ein Internetkabel im Zimmer), rinnt uns im Sitzen der Schweiß runter. Wir wissen nicht, ob wir die Fenster aufmachen sollen oder sie besser zu lassen. Wir haben hier sogar eine Klimaanlage, merken aber nur einen marginalen Effekt auf die Zimmertemperatur, obwohl sie irgendwas arbeitet. Machen uns frisch und fahren dann noch ein letztes Mal in die Stadt. Die Stadt kommt uns schön und lebendig und bunt vor, prächtig fast. Hatten wir sie beim ersten Besuch auch so gesehen? Vielleicht sind wir auch nur gelassener, sehen nicht mehr in allem diese Aufforderung zu betrachten und zu erlaufen und zu besichtigen. So läßt sich besser genießen. Wir freuen uns an dem Wiedererkennen und dass wir orientiert sind. Trinken Weißwein und essen klare Champignonsuppe mit Korianderkraut, Salat (Tomate und Gurke) und Kinkali mit Kartoffel- und Pilzfüllung, Soße Tkemali aus säuerlichen Pflaumen, danach großes Eis (jetzt kann uns nichts mehr umwerfen, oder?) und türkischen Kaffee (sonst gibt es sowieso nur Nescafe). Bei einem kleinen Stand kaufen wir noch eine gestickte Kappe für Mine als Andenken (10 Lari). Dann geht es zack zack nach Hause, um wenigstens noch ein paar Stunden zu liegen. Um 2 Uhr kommt der Fahrer und bringt uns zum Flughafen. Es ist immer noch ungemein heiß. Als wir um zwei Aufstehen sitzen die Leute noch vor den Häusern und unterhalten sich. Über Istanbul geht es nach Hause. Auf dem Flughafen sehen wir ein paar junge Inder, alle mit Laptop. IT-Spezialisten denken wir. Sie sprechen uns an als sie in der Reihe hinter uns stehen. Sie waren zu Studienzwecken in Georgien. Ein junger hagerer Inder, fragt wie uns Georgien gefallen hat. Wir haben es gemocht. Er antwortet in seinem harten Englisch: “I don’t like. This country is so poor. India’s better”. Er fliegt nach Dehli. Wir wundern uns, so viel besser hatten wir es uns dort nicht vorgestellt.

P.S.
Papierarm ist Georgien, man sieht kaum lesende Menschen -weder Bücher noch Zeitungen oder Zeitschriften lesend. Tageszeitungen an Kiosken gibt es natürlich. Bücherläden haben wir nicht gesehen, wohl aber Orte an denen Menschen mit Büchern handeln. Sie kommen mit kleinen Handwagen an ihren Platz und räumen aus Kartons morgens die Bücher auf Holzgestelle und bauen abends alles wieder ab. Jedes Buch ist eingepackt in eine Plastikhülle als Schutz gegen Staub und Vergilben. Auch die Haushalte sind bucharm. Wir erwarten bei jemandem, der von sich sagt er sei Kurator für swanetische Kunst an einem nicht unbedeutenden Museum des Landes und habe hierfür in Tbilisi studiert (Kunstgeschichte oder Archäologie oder was auch immer), dass sich in seinem häuslichen Umfeld mehr greifbare Stimuli wie Bücher, Bilder, Bildbände, Zeitschriften, Computer befinden. Dem ist oft nicht so und man fragt sich, ob die Menschen dasselbe meinen wie wir, wenn sie sagen “ich bin...”.Oft haben wir den Eindruck, dass die Georgier nicht zum Understatement neigen.
Wir haben Eka gefragt, wie sie im Winter, dass große Haus warm bekommen hier in den Bergen. “No problem, it is very warm”. Sie heizen mit Holz, sagt sie. Wir haben nur einen Ofen gesehen und der stand in der fensterlosen Küche, in der auch der Fernseher und das Sofa stehen. In unserem Zimmer hatten wir vier Fenster, es gelang uns nicht, eines zu öffnen. Offensichtlich hatte man Mühe darauf verwenden müssen, sie zu schließen, z.B. mit Nägeln und sie wirken so zerbrechlich, dass man nicht mit Kraft arbeiten will. Ein Fensterflügel/-rahmen war nicht selten durch drei kleinere Scheiben dünnen Glases gefüllt, die man nebeneinander eingepaßt hatte, um die Füllung zu decken. Nun stießen die Scheiben aber gar nicht bündig aneinander und überall dazwischen waren Spalte. Wir gehen also davon aus, das warm überhaupt nur ein Raum -nämlich die Küche- wird oder ok, sogar “very warm”. Irgendwie spricht man manchmal von verschiedenen Dingen oder die Antwort streift die Frage nur da, wo man eine gute Antwort auf sie hat. Die Georgier sind stolz.
Wir haben oft gedacht, wenn wir in 20 Jahren nochmals nach Georgien kämen, würden wir es wahrscheinlich kaum wiedererkennen. Es hätte gute Straßen, klimatisierte Busse, keine klapprigen Ladas als Taxis, Skigebiete und markierte Wanderwege in allen in Frage kommenden Ortschaften des Kaukasus, es wäre erobert von den großen Ketten (bisher nur ein Mc Donald in Tbilisi, ein Vorreiter), und in den Regalen der Supermärkte (gibt es bisher fast gar nicht, nur ein erster Versuch namens “Populi”) gäbe es anstatt der wenigen einheimischen Käsesorten wie Sulguni auch französischen Camenbert und holländischen Gouda. Ob es uns besser gefallen würde? Ob es noch interessant wäre?
Georgien ein Land am Tropf: die Türkei scheint der entscheidende Partner, von dem importiert wird, ohne den wahrscheinlich nix mehr ginge. Putzt sich ein Georgier die Nase so verdient die Türkei daran. Ob Taschentücher, Zement, Fliesen, Schulhefte, Knabberzeug, Hefe für den Katschapuri - vieles, vieles kommt aus der Türkei, die Produkte von dort sind allgegenwärtig. Rußland straft Georgien ab, von hier scheint verglichen mit früher alles eingebrochen an Kontakt und Austausch, In- und Export. Importiert wird in absteigender Wichtigkeit aus Rußland, Türkei, Aserbaidschan, Ukraine, Deutschland, USA. Georgien hat wahrscheinlich auch heute noch, 20 Jahre nach der Unabhängigkeit, Probleme ohne Ende: die Energieversorgung (Georgien hat nur Wasserkraft, bekommt Gas aus Rußland und Erdöl aus Kasachstan), ein hoher Bevölkerungsanteil, der unterhalb der Armutsgrenze lebt, die schwache Infrastruktur, die hohen Schulden, die anhaltend instabile Situation mit Süd-Ossetien und Abchasien, Probleme in der Landwirtschaft rentabel zu arbeiten (zudem weggebrochene Absatzmärkte in Rußland). Wie wird sich das alles entwickeln? Die Menschen hoffen auf Saakaschwili, sprechen nur gut von ihm.

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