Dienstag, 6. Juli 2010

3.7.10 Mestia

Unserer Oma geht es heute nicht gut, sie ist schwindelig, schafft nur mit Mühe uns pünktlich um 7:30 Uhr das Frühstück zu machen. Dann kommt auch schon Sasa mit seinem Lada Niva mit Vierradantrieb, unser Fahrer. Er ist ein kleiner drahtiger, sportlicher Mann mit einem Bürstenhaarschnitt. Er trägt ein T-shirt mit der Aufschrift ARMY und eine Sporthose und Turnschuhe. He is a sportsman, Ringer verstehen wir. Wir können nur wenige, einzelne Worte mit ihm wechseln aus den bekannten Gründen. Im Laufe des Tages verstehen wir aber doch einiges, z.B. dass er in Mestia wohnt und in Kutaisi seine Schwester besucht hat, er fährt also sowieso heim in die Berge zu seiner Familie. Da sind Mine und ich doch ein schönes Zubrot. Wir fahren zügig bis Zugdidi, das nur wenige Kilometer von der Abchasischen Grenze liegt. In Zugdidi befindet sich auch eines der Hauptquartiere der UNOMIG (United Nations Organisation Mission in Georgia), die die Einhaltung des Waffenstillstandsvertrages zwischen Georgien und Abchasien überwachen. Dort hält Sasa an, kauft ein paar Kleinigkeiten und fährt dann zu einer Werkstatt, da der eine hintere Reifen offensichtlich Luft verliert. Vor einer kleinen Bude wird der Wagen einseitig aufgebockt und das Rad abgenommen. Dann wird der Schlauch aus dem Reifen geholt, aufgepumpt und unter Wasser geguckt, wo das Loch ist. Sodann wird die Stelle aufgerauht und mit einem Flicken versehen. Wie beim Fahrrad. Es herrscht reger Betrieb, dauernd kommen Wagen mit ähnlichen Problemen. Kein Wunder bei den Straßen. Nebenan sind zwei rauchende Männer über den Motor eines kleinen Lada mit russischem Kennzeichen gebeugt. Auf der anderen Seite wird, glauben wir, etwas geschweißt, zwei Männer hocken am Boden und Funken fliegen. Ich fotografiere das Schweißgerät, mal zu Hause jemanden fragen. Nach dem Tanken sind wir dann endgültig klar für die Berge und es geht los. Wir fahren aus der Stadt raus und folgen dem Inguri-Fluss. Schon sehr bald fangen die Berge an. Am Wegesrand folgt ein Imker dem anderen. Sie haben kleine Hütten, in denen sie leben und zum Teil dutzende von Bienenvölkern. Wir fahren lange an dem langgestreckten Stausee des Inguri vorbei. Staumauer (750m breit, 271,5m hoch) und Wasserwerk sind das größte Bauwerk im Kaukasus. Es produziert 25% des georgischen Strombedarfs (4,5 Millionen Kilowattstunden). Die europäische Bank für Wiederaufbau und die EU sind erheblich an der Finanzierung beteiligt. 20 Jahre hat man an dem Bauwerk gebaut. Wir begleiten dann später immerzu den Fluss in seinem Lauf. Die Straße ist mäßig, voller Schlaglöcher und für den Fahrer sehr anspruchsvoll. Für die 140km von Zugdidi bis Mestia braucht man ca. 5h. Wir fahren durch tropfende dunkle Tunnel, in denen noch dazu Kühe liegen. Wir sind recht guter Dinge als Sasa an einer kleinen Ansammlung von Häusern hält. Wir sollen aussteigen. Sasa ist dort wie auch sonst auf der Strecke gut bekannt, überall hupt er und grüßt die Leute oder hält kurz an. Wir treten in einen einfache Gaststätte, in der ordentlich was los ist. Er bedeutet uns, uns in ein kleines abgetrenntes Zimmerchen zu setzen und schon steht ein Teller mit der swanetischen Speise Kubdari (mit scharf gewürztem Fleisch gefüllter heißer Fladen) und drei Flaschen Bier auf dem Tisch. Es schmeckt wunderbar. Schnell noch ein Toilettengang in einem kleinen Holzverschlag mit Bodenloch über dem strömenden Flüsschen. Danach bleibt die Strecke schlecht, wir schlängeln uns von einer auf die andere Seite der nicht mehr asphaltierten Straße, zwischen den Schlaglöchern her und fassen uns in Geduld. Man muß ganz locker bleiben und sich nicht versteifen, dann geht es am besten. Mine meint ihr ganzes Inneres würde beben und ihre Wanderniere sei bestimmt nicht mehr auffindbar. Mit Tempo 20km/h kommen wir vorwärts. Als nächstes halten wir, weil die Straße komplett verlegt ist mit Geröll und Erde. Eine klapprige Planierraupe ist dabei, Ordnung zu machen. Nach einem Weilchen geht es weiter. Wir stoppen wieder an zwei Buden, die hier Alkoholika, Zigaretten, Süßes, Limonade verkaufen. Ein Lieferwagen kommt dazu und verkauft Gurken und Waschpulver. Ein paar Männer hocken im Schatten unter einem Betondach. Als nächstes begrüßt Sasa eine Gruppe Polizisten und sonstige Männer, “Brüder”, sie sitzen an einem langen Tisch im Wald und essen Brot, Tomaten und Gurke. Dazu gibt es selbstgebrannten Schnaps und Bier. Er winkt uns dazu und schnell hat Mine den unteren Teil einer abgeschnittene Fantaflasche in der Hand voll mit Bier. Auch ich bin schnell mit Bier versorgt und unser Fahrer hat einen Plastikbecher mit Schnaps in der Hand. Alle sind sehr freundlich und guter Dinge. Die zwei Polizeiwagen stehen am Weg, die Männer haben die Waffen am Gürtel, es ist 2 Uhr nachmittags. Mine kriegt die Krise, guckt sich das ganze kurz an und tippt auf die Uhr, signalisiert unserem Fahrer energisch, dass es jetzt weiter geht. Der stellt seinen Wodka tatsächlich ab und wir brechen auf. Mit dem Holpern wird es nun langsam zu viel. Sasa wird dauernd auf seinem Handy angerufen. Als der nächste Wegweiser kurz vor 3 Uhr zeigt, dass es noch 18km bis Mestia sind, reicht es Mine. “Wohin ich sie wieder schleppen würde?”. Meine Schuld ist es aber auch nicht und immerhin ist die Landschaft grandios. Der Fahrer gibt sein Bestes. Schon bald beginnen die swanetischen Dörfer, mit ihren typischen Wehrtürmen. Vor den schneebedeckten Bergen am Horizont und inmitten dieser üppigen Wälder sieht das toll aus. Unser Ziel ist Mestia, das Verwaltungszentrum des oberen Swanetiens, einer Hochgebirgsregion im großen Kaukasus. Die Swanen haben ihre eigene Sprache, ihre eigenen Traditionen und Bräuche. In einem Swanendorf gruppieren sich die Gehöfte um Wehrtürme, die meist im 11. bis 13. Jh. erbaut wurden, ca. 30m hoch sind und über Schießscharten und Geheimgänge verfügen. Die Swanen haben schon immer von Ackerbau und Weidewirtschaft gelebt. Heidnische Bräuche haben sich hier lange erhalten. Erst im Jahre 1935 hat man eine Straße nach Ober-Swanetien gebaut. Schließlich erreichen wir Mestia. Wir haben unsere Führer in der Hand, denn jetzt geht die leidige Frage nach der Unterkunft ja los. Sasa telefoniert wieder. Irgendwann hält er am Straßenrand und begrüßt eine junge Frau. Die öffnet die Tür und sagt auf Englisch “I am Eka, I welcome you, you will be my guests.” Ich kriege die Krise und sage “I am not sure.” Es beginnt eine kleine Debatte über ihr hübsches Guesthaus, flankiert von unserem Blättern in unseren Führern, wo sie nicht erwähnt ist. Wir sagen wir wollten eigentlich zu Soja. Die sei verreist (was wir nicht glauben). Schließlich einigen wir uns darauf ihr Haus wenigstens anzugucken. Da ist eine nette Familie, ein ordentliches Bad, nette Räume und wir lassen dem Schicksal nicht ungern seinen Lauf und vereinbaren zu bleiben. Mit Essen 45 Lari pro Person und Tag. Gleich wird aufgetischt, Nudelsuppe, ein Gericht mit Huhn in köstlicher Soße, frisches selbstgebackenes Brot, Katschapuri ganz frisch und warm, Yogurt, Tee. Sasa, der Vater von Eka und Eka essen mit. Der Vater hat selbstgebrannten Schnaps aufgetischt. Er macht den alljährlich selber aus Äpfeln, die dunkle Farbe kommt durch Walnußschalen zustande. Der Vater ist ein wunderbar ruhiger, freundlicher, warmer Mann, der für alle in nicht zu kleine Gläser einschenkt. Er bringt einen Tost aus, auf die Gäste, auf Sasa, auf Mestia und lehrt dann sein Glas in einem langen, langsamen, genußvollen Zug. Das ist schön anzusehen. Sasa und er tuen das viele viele Male, wir klinken uns irgendwann aus. Aber köstlich ist der Schnaps. Der Vater hat in der Sowjetzeit die Viehwirtschaft im oberen Swanetien koordiniert, war ein wichtiger Mann hier. Die Mutter arbeitet im Krankenhaus von Mestia als leitende OP-Schwester o.ä., sie ist 60 Jahre alt und kocht und bäckt permanent. Sie ist süß, küßt uns immer mal. Ansonsten gibt es im Haushalt zwei Töchter Eka, die als Kuratorin für swanetische Kunst im hiesigen bedeutenden (!) Museum arbeitet und die recht gut Englisch spricht. Ihre Schwester hat zwei süße Töchter im Alter von 7 und 9 Jahren. Wir leben, glauben wir, in der guten Stube der Familie, wo auch zwei Betten stehen. Unser erster Gang durch das Dorf ernüchtert uns etwas, viel ist verfallen, überall wird gebaut, die Straßen sind staubige Pisten, die Müllbeseitigung findet wohl ganz überwiegend über die Flüsse statt, es gibt einige kleine Läden, zwei Hotels. Wir sind wahnsinnig froh, dass wir hier nicht auf eigene Faust versucht haben, eine Unterkunft zu finden. Bestimmt wären wir sofort ins Hotel gegangen und so haben wir es schöner. Wir duschen dann und danach steht ein Teller mit frisch gebackenem Kuchen für uns auf dem Tisch und wir trinken Tee. Schlafen wunderbar neben dem Klavier in der guten Stube.

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