Sonntag, 11. Juli 2010

11.7.10 Lemgo

Schon drei Maschinen Wäsche gewaschen. Die Blumen wieder im Zimmer verteilt. Die Wohnung gekühlt. Das Taschenmesser liegt in jeder Hinsicht aufgeklappt zum Trocknen da, befreit von Pfirsichresten in den Ritzen. Die Brillen endlich mal wieder richtig geputzt. Die Füße fast abgeschwollen. Den Rucksack erstmals in seiner Geschichte in der Badewanne gewaschen und gerubbelt und geseift, hängt zum Trocknen draußen. Seit 23 Jahren reise ich mit ihm und nie hat er dergleichen erlebt. Manchmal fürchte ich mich, dass ich ihn nicht mehr brauchen werde eines Tages. Auch auf dieser Reise haben wir immer mal überlegt, ob das alles für uns noch zeitgemäß ist, ob man nicht etwas anderes braucht. Aber mir ist es doch noch lieb so zu reisen. Ich will es noch nicht lassen. Mine dazu: diese Art des Reisens hat ihre verdammten Schwierigkeiten, aber hat auch einen Wahnsinnsreiz. Besser kann man keinen Eindruck von einem Land bekommen als sich auf diese Weise zu konfrontieren. Dass wir ab und zu Sehnsucht nach Deutschland hatten, werten wir als Gutes. Wir wissen auch, dass dort die Sehnsucht nach der Ferne wieder kommt. Die Freiheit zu reisen, ist ein Genuss und macht süchtig. Wir freuen uns schon wieder darauf.

10.7.10 Lemgo

Deutschland ist furchtbar heiß und drückend. Der Rasen fast überall verbrannt und gelb. Keine echte Verbesserung in klimatischer Hinsicht zu Tbilisi. Wir fahren mit dem Zug und brennenden Augen und dicken Füßen nach Bielefeld und werden dort -Gott sei Dank- von meinen Eltern empfangen. Fotos am Bahnhof. Zitronentee und Wasser im Auto - an alles gedacht. Zu Hause Erdbeerkuchen mit Sahne und interessierte Zuhörer für unsere Erzählungen. Wir freuen uns sehr sehr über den schönen, warmen Empfang. Was ist das toll. Und hier: Wulff inzwischen Bundespräsident und die oder der Krake Paul sagt alle Ergebnisse der Deutschen Fußballmannschaft bei der WM richtig voraus. Dann bringen die Eltern uns nach Lemgo. Die Wohnung dort unbeschreiblich warm, wir ratlos auf der Suche nach Kühlung und ganz kaputt. Später vom Balkon aus kleines Finale der WM geguckt, die Füße in einem Eimer mit kaltem Wasser. Deutschland auf 3. Platz, gewinnt das Spiel. Super. Mine schläft auf dem Balkon.

9.7.10 Tbilisi

Spätes Frühstück auf der Terrasse mit Steve und den Tschechen. Unterhalten uns nett. Nehmen gegen 11:30 Uhr ein Taxi zum Bahnhof. Der Taxifahrer fährt vor und bekommt von unserer Oma das Ziel gesagt, damit wir uns nicht so abmühen müssen. Er steigt weder aus, um uns mit dem Gepäck zu helfen, noch öffnet er den Kofferraum, noch sagt er ein Wort oder schaut uns an. Der Motor wird nicht ausgestellt. Das ging uns schon öfters so, ein Mangel an Charme ist recht weit verbreitet bei den georgischen Männern. Auch die Frauen haben nicht selten einen wenig verbindlichen, wenig liebenswürdigen und verbindlichen Ton, wirken auf den ersten Blick irgendwie harsch und sowjetisch streng, geben kurze, knappe Anweisungen ohne ein Lächeln. “Nähern Sie sich!” sagte die Führerin im Nationalmuseum immer in strengem Ton, damit wir betrachten, was sie erklärt und man dann auch weiter konnte zur nächsten Vitrine und “Was ist da los?” als Mine der Führerin im Tschawtschawadse Palst nicht schnell genug folgt. Die Liebenswürdigkeit ist oft erst auf den zweiten Blick da. Wir buggsieren die großen Rucksäcke also auf den Rücksitz und er fährt uns zügig zum Bahnhof. Der macht einen modernen und leeren Eindruck. Lösen ein Ticket nach Tbilisi für 5 Lari pro Person. Die Dame vom Schalter kommt aus ihrem Häuschen und achtet darauf, dass wir in den richtigen Zug steigen. Ansagen und aktuelle Anzeigen auf dem Bahnsteig gibt es nicht. Wir fahren sechs Stunden für die 220km. Der Wagon ist -sagen wir- abgewohnt, die Stoffe speckig, die Scheiben ergraut, die Rahmen mit einem groben Pinsel übergestrichen. Alle Fenster sind auf, um für Kühlung zu sorgen, die Nylonvorhänge wehen aus den Fenstern und umflattern den Zug. Wir schwitzen vor uns hin, essen Tomaten und kaufen ab und zu etwas von den Frauen, die an den Bahnhöfen etwas anbieten und durchs Abteil gehen. Wir sind froh, hier etwas mehr Beinfreiheit zu haben als in den Minibussen und ab und zu mal ein paar Schritte gehen zu können. Jeder Wagon wird von einer Zugbegleiterin betreut, die die Toilette auf- und zuschließt und die Bahnhöfe ansagt, die Tickets kontrolliert. Auch der Bahnhof in Tbilisi macht gerade eine Verjüngungskur durch, überall wird gebaut und modernisiert. Wenn er fertig ist, wird er sich kaum von einem anderen modernen europäischen Bahnhof unterscheiden. Wir nehmen ein Taxi und fahren gleich zu unserem alten Hotel. Bekommen unser altes Zimmer wieder. Komisch, es ist immer ein besonders schönes Gefühl an bekannte und geschätzte Plätze und Orte zurückzukehren, das Gefühl gekannt zu werden und zu kennen wärmt einem irgendwie das Herz. Vielleicht gibt es einem auch nochmals ein anderes Maß für die Zeit, die vergangen ist seitdem letzten Besuch und für unser Wandern über diese Erde und durch unsere Tage. Es ist unbeschreiblich drückend und heiß. Während wir in unserem Zimmer die Blogs der letzten Tage aufgeben (wir haben hier ein Internetkabel im Zimmer), rinnt uns im Sitzen der Schweiß runter. Wir wissen nicht, ob wir die Fenster aufmachen sollen oder sie besser zu lassen. Wir haben hier sogar eine Klimaanlage, merken aber nur einen marginalen Effekt auf die Zimmertemperatur, obwohl sie irgendwas arbeitet. Machen uns frisch und fahren dann noch ein letztes Mal in die Stadt. Die Stadt kommt uns schön und lebendig und bunt vor, prächtig fast. Hatten wir sie beim ersten Besuch auch so gesehen? Vielleicht sind wir auch nur gelassener, sehen nicht mehr in allem diese Aufforderung zu betrachten und zu erlaufen und zu besichtigen. So läßt sich besser genießen. Wir freuen uns an dem Wiedererkennen und dass wir orientiert sind. Trinken Weißwein und essen klare Champignonsuppe mit Korianderkraut, Salat (Tomate und Gurke) und Kinkali mit Kartoffel- und Pilzfüllung, Soße Tkemali aus säuerlichen Pflaumen, danach großes Eis (jetzt kann uns nichts mehr umwerfen, oder?) und türkischen Kaffee (sonst gibt es sowieso nur Nescafe). Bei einem kleinen Stand kaufen wir noch eine gestickte Kappe für Mine als Andenken (10 Lari). Dann geht es zack zack nach Hause, um wenigstens noch ein paar Stunden zu liegen. Um 2 Uhr kommt der Fahrer und bringt uns zum Flughafen. Es ist immer noch ungemein heiß. Als wir um zwei Aufstehen sitzen die Leute noch vor den Häusern und unterhalten sich. Über Istanbul geht es nach Hause. Auf dem Flughafen sehen wir ein paar junge Inder, alle mit Laptop. IT-Spezialisten denken wir. Sie sprechen uns an als sie in der Reihe hinter uns stehen. Sie waren zu Studienzwecken in Georgien. Ein junger hagerer Inder, fragt wie uns Georgien gefallen hat. Wir haben es gemocht. Er antwortet in seinem harten Englisch: “I don’t like. This country is so poor. India’s better”. Er fliegt nach Dehli. Wir wundern uns, so viel besser hatten wir es uns dort nicht vorgestellt.

P.S.
Papierarm ist Georgien, man sieht kaum lesende Menschen -weder Bücher noch Zeitungen oder Zeitschriften lesend. Tageszeitungen an Kiosken gibt es natürlich. Bücherläden haben wir nicht gesehen, wohl aber Orte an denen Menschen mit Büchern handeln. Sie kommen mit kleinen Handwagen an ihren Platz und räumen aus Kartons morgens die Bücher auf Holzgestelle und bauen abends alles wieder ab. Jedes Buch ist eingepackt in eine Plastikhülle als Schutz gegen Staub und Vergilben. Auch die Haushalte sind bucharm. Wir erwarten bei jemandem, der von sich sagt er sei Kurator für swanetische Kunst an einem nicht unbedeutenden Museum des Landes und habe hierfür in Tbilisi studiert (Kunstgeschichte oder Archäologie oder was auch immer), dass sich in seinem häuslichen Umfeld mehr greifbare Stimuli wie Bücher, Bilder, Bildbände, Zeitschriften, Computer befinden. Dem ist oft nicht so und man fragt sich, ob die Menschen dasselbe meinen wie wir, wenn sie sagen “ich bin...”.Oft haben wir den Eindruck, dass die Georgier nicht zum Understatement neigen.
Wir haben Eka gefragt, wie sie im Winter, dass große Haus warm bekommen hier in den Bergen. “No problem, it is very warm”. Sie heizen mit Holz, sagt sie. Wir haben nur einen Ofen gesehen und der stand in der fensterlosen Küche, in der auch der Fernseher und das Sofa stehen. In unserem Zimmer hatten wir vier Fenster, es gelang uns nicht, eines zu öffnen. Offensichtlich hatte man Mühe darauf verwenden müssen, sie zu schließen, z.B. mit Nägeln und sie wirken so zerbrechlich, dass man nicht mit Kraft arbeiten will. Ein Fensterflügel/-rahmen war nicht selten durch drei kleinere Scheiben dünnen Glases gefüllt, die man nebeneinander eingepaßt hatte, um die Füllung zu decken. Nun stießen die Scheiben aber gar nicht bündig aneinander und überall dazwischen waren Spalte. Wir gehen also davon aus, das warm überhaupt nur ein Raum -nämlich die Küche- wird oder ok, sogar “very warm”. Irgendwie spricht man manchmal von verschiedenen Dingen oder die Antwort streift die Frage nur da, wo man eine gute Antwort auf sie hat. Die Georgier sind stolz.
Wir haben oft gedacht, wenn wir in 20 Jahren nochmals nach Georgien kämen, würden wir es wahrscheinlich kaum wiedererkennen. Es hätte gute Straßen, klimatisierte Busse, keine klapprigen Ladas als Taxis, Skigebiete und markierte Wanderwege in allen in Frage kommenden Ortschaften des Kaukasus, es wäre erobert von den großen Ketten (bisher nur ein Mc Donald in Tbilisi, ein Vorreiter), und in den Regalen der Supermärkte (gibt es bisher fast gar nicht, nur ein erster Versuch namens “Populi”) gäbe es anstatt der wenigen einheimischen Käsesorten wie Sulguni auch französischen Camenbert und holländischen Gouda. Ob es uns besser gefallen würde? Ob es noch interessant wäre?
Georgien ein Land am Tropf: die Türkei scheint der entscheidende Partner, von dem importiert wird, ohne den wahrscheinlich nix mehr ginge. Putzt sich ein Georgier die Nase so verdient die Türkei daran. Ob Taschentücher, Zement, Fliesen, Schulhefte, Knabberzeug, Hefe für den Katschapuri - vieles, vieles kommt aus der Türkei, die Produkte von dort sind allgegenwärtig. Rußland straft Georgien ab, von hier scheint verglichen mit früher alles eingebrochen an Kontakt und Austausch, In- und Export. Importiert wird in absteigender Wichtigkeit aus Rußland, Türkei, Aserbaidschan, Ukraine, Deutschland, USA. Georgien hat wahrscheinlich auch heute noch, 20 Jahre nach der Unabhängigkeit, Probleme ohne Ende: die Energieversorgung (Georgien hat nur Wasserkraft, bekommt Gas aus Rußland und Erdöl aus Kasachstan), ein hoher Bevölkerungsanteil, der unterhalb der Armutsgrenze lebt, die schwache Infrastruktur, die hohen Schulden, die anhaltend instabile Situation mit Süd-Ossetien und Abchasien, Probleme in der Landwirtschaft rentabel zu arbeiten (zudem weggebrochene Absatzmärkte in Rußland). Wie wird sich das alles entwickeln? Die Menschen hoffen auf Saakaschwili, sprechen nur gut von ihm.

Freitag, 9. Juli 2010

8.7.10 Kutaisi

Wir haben unseren Fahrer um neun Uhr bestellt. Mikel betet auf der Terrasse. Am rechten Arm vom Zeigefinger über Hand, Unterarm bis zum Oberarm hat er die Gebetsriemen gebunden. An der Oberarminnenseite sitzt die Kapsel mit Zitaten der heiligen Schrift. Auf dem Kopf sitzt auch eine Kapsel mit vier Kammern und in jeder steht etwas aus der heiligen Schrift. Die Kapsel ist auf den Kopf gebunden, der Knoten sitzt im Nacken. Dazu trägt er einen weißen, feierlichen Umhang. Er sieht wirklich bemerkenswert aus. Er hat die Bibel in den Händen. Er wirkte unverkrampft, es störte ihn nicht, wenn man an im Vorbeigehen grüßt oder guckt. Dreimal täglich betet er. Wir frühstücken mit den netten Briten, die gleich los wollen, um Vögel zu beobachten, obwohl ihnen die Füße von gestern noch schmerzen und dem Päarchen aus Israel, die heute nach Ushguli fahren wollen und von dort in vier Tagen zurückwandern wollen nach Mestia. “You can also do it”. Ok. Es gibt: Katschapuri (gibt es fast immer), Brot, Küchlein, Spiegeleier, Yogurt, dünnen schwarzen Tee. Danach herzlicher Abschied von der ganzen Familie (Eka Chartolani, Vittorio Sella Street 8). Wir und sie bringen zum Ausdruck, wie lieb wir einander geworden sind und das stimmt. Wir sollen wiederkommen. Der Fahrer kommt und Eka begleitet uns runter an die Straße, wo der große Hilux steht. Das Auto hat das Lenkrad rechts. Nervtötende 4 Stunden rumpeln wir über die Straße, von Schlagloch zu Schlagloch und Pfütze zu Pfütze, vorbei an so manchem kleinen Hindernis aus Stein und Geröll und Wasser, mehrere Autos stehen mit geplatzten Reifen oder Pannen am Straßenrand und werden repariert. Die Wassermengen von den Bergen haben hier und da zu kleinen Erdrutschen geführt, im Stausee treibt massenhaft Holz. Unser Mann wischt sich immer wieder den Schweiß ab. Einmal halten wir und trinken Kaffee und essen Katschapuri, von Mücken zerstochene Kinder spielen am Haus und fast zahnlose, aber erst mittelalte Frauen schmeißen den Laden. In Zugdidi bringt uns unser Mann zum Marschrutki nach Kutaisi und fährt dann wieder zurück nach Mestia - der Arme. Wir zahlen ihm die 200 Lari, was die Sache allemal wert war. In dem Marschrutki ist es wie immer fast unerträglich eng und warm und voll und langsam. Die 95 km wollen nicht enden. Dauernd hält der Wagen und Leute steigen zu und aus. Georgien wirkt bis auf wenige Ausnahmen dörflich, überall recht schöne alleinstehende Häuser in großen üppigen Gärten mit blühendem Oleander, Bananen, Palmen, Walnuß-, Feigen-, Maulbeer-, Granatapfelbäumen. Die Häuser sind meist ein bißchen renovierungsbedürftig, aber irgendwie luftig, hell, gepflegt, großzügig, mediteran und schön fürs Auge mit großen Veranden und schmiedeeisernen Balkonen und Dachverzierungen. Schweißklebend und dösend vergehen mehr als zwei Stunden, bevor uns der Marschrutki wieder entläßt. Bedrängt von Taxifahrern, die ihre Hilfe anbieten, ziehen wir mit unserem Gepäck zunächst zur Bank und ziehen Geld. In der kühlen Bank kann man wieder einen klaren Gedanken fassen und wir planen, das Hotel Gelati zu versuchen. Nur mit Hilfe eines Bankbeamten, der herauskommt und ein bißchen Englisch spricht und unserem Stadtplan können wir dem Taxifahrer klar machen, wohin wir wollen. Weder gelesen in unserem Führer, noch ausgesprochen von uns, versteht er wohin die Reise gehen soll, dabei haben wir die komplette Adresse. Er fährt schließlich in die richtige Richtung, entlang trostloser Wohnblocks auf zerstörten Straßen und bietet uns als erstes Ziel Lias Guesthouse an. Wir zahlen das Taxi und schauen uns die Sache an, die von außen recht ansprechend wirkt. Das Zimmer ist indiskutabel, wir weigern uns, Zimmer ohne Fenster (zugebaut) zu nehmen. Das Hotel Gelati soll in der Nähe sein und wir ziehen durch die Straßen und fragen hier und da. Nach einigem Suchen finden wir das Hotel in einer Nebenstraße. Es wirkt akzeptabel, wenn auch dunkel, ist aber leider voll. Es scheint so zu sein, dass es in der zweitgrößten georgischen Stadt nur eine kleine handvoll Hotels mittlerer Größe (ca. 10 Zimmer) gibt, von Sternen ganz zu schweigen, ansonsten nur eine Art Pensionen. Wir entscheiden schweißnaß wieder zu unserem bewährten Hotel Beka zu gehen. Mine tropft der Schweiß aus dem Haar als wir erneut einem Taxifahrer versuchen zu erklären, wohin wir wollen. Schließlich fahren wir einfach los und erklären ihm per Handzeichen, wo entlang er fahren soll. Wir kennen ja den Weg. Er lacht über die ungewöhnliche Situation. Wir werden freundlich im Hotel Beka empfangen und stehen schon bald auf der luftigen Terrasse und unter der Dusche. Essen ganz in Ruhe und trinken hausgemachten Wein. Steve aus Florida unterhält uns und ein tschechisches Paar mit Kindern sind auch hier. Nebenan probt ein toller kleiner Chor polyphon. Mit Hilfe der Oma des Hauses finden wir heraus wann morgen der Zug nach Tbilisi geht. Es sind nur 220km, aber wir wollen uns den Kleinbus ersparen. Der Abend ist wunderbar.

7.7.10 Mestia

Gletschertour zum Chaladi Glacier unter dem 4700m hohen Ushba und dem 4411 Chatintau, 20km zu Fuß, auch Steigung. Auf dem staubigen Dorfplatz, am Beginn der Tour, läuft uns plötzlich “unser” Hund entgegen, verrückt vor Freude springt er an uns hoch und beißt in unsere Hosenbeine und wedelt mit dem Schwanz. Er folgt uns wieder auf unserem Weg. Wir verlieren ihn zeitweise an andere Futtergeber, ein Deutsch/Israelisches Paar, die wir treffen und die viel Proviant dabei haben, den sie mit uns und mit ihm teilen. Wir schlagen uns gut und enden erschöpft und glücklich auf unserer Hotelterrasse, die wir ja vor einigen Tagen entdeckt haben. Trinken und essen bei gutem Ausblick bis zum Sonnenuntergang. Sind heute wieder Königinnen auf unserer schönen Reise. Wie sich die Dinge ändern in kurzer Zeit. Übrigens: von Mestia selber gibt es keine Fotos (außer von den Wehrtürmen und der umgebenden Landschaft), nichts scheint von dem Staub, den stattfindenden Bautätigkeiten, den schlichten fensterlosen Läden, dem kleinen Flugplatz und den grausigen mehretagigen Wohnblocks außhalb zwingend festhaltenswert.
Wir machen uns abends auf den Weg zu unserer Familie, die schon vor der Tür auf uns wartet. Eka hat bereits bei der Touristinformation angerufen, um zu fragen, wohin wir wollten. Sie alle haben sich Gedanken um uns gemacht, die Mutter fand auch wir hätten zum Frühstück nicht gut gegessen. Bestimmt hätte es uns nicht gut geschmeckt. Sehr aufmerksam alle. Wir essen nochmals in unserer Familie mit den anderen Gästen (gefüllte Paprika und Suppe mit Nudeln und Kartoffel) und schlafen dann rasch ein. Wir verzichten sogar darauf, das WM-Spiel Deutschland - Spanien zu sehen. Zum ersten Mal regnet es heute Nacht nicht. Auch Blitzen und Donnern bleiben aus. Das Haus ist inzwischen voller Gäste, über uns hat das englische Paar ihr Zimmer, mitten in der Nacht kracht es und knallt es über uns, der Holzboden überträgt den Lärm ungefiltert.

6.7.10 Mestia

Es regnete in der Nacht lange und heftig und wir machen uns ein bißchen Sorgen wegen des Weges, den wir für heute planen. Beim Aufstehen scheint aber die Sonne und pünktlich um halb neun erwarten wir unseren Fahrer. Tatsächlich handelt es sich um den Mann aus dem Laden von gestern abend mit seinem Lada Niva, der aber heute aufgeräumt und geklärt wirkt. Der Sohn des Bruders aus Tbilisi ist mit dabei, er besucht gerade Mestia. Wir hatten gesagt, dass er gerne mitkommen kann. Er kommt aus Tbilisi und sucht einen Job in der IT-Branche. Wir fahren los und sprechen über Georgien und seine Probleme. Ausländische Investoren beginnen scheinbar hier in der Region Land anzukaufen und bestimmt kommen irgendwann die ersten Lifte und mehren sich die Hotels. Wir fragen, was sie dazu meinen? Unser Mann spricht gut Englisch. Irgendwann - wir trauen unseren Ohren nicht - sagt er, man solle sich mehr an der Anthroposophie orientieren, wenn es um Ideen für die Entwicklung des Landes ginge. “You heard from Rudolf Steiner?” Die Anthroposophie ist in Georgien durchaus bekannt, es gibt in Tbilisi auch eine anthroposophische Christengemeinschaft und man kann hier WALA und WELEDA-Medikamente beziehen. Er selber nähme Avena sativa gegen seine Schlafstörung mit gutem Erfolg. Wir sind ganz sprachlos, hier auf Rudolf Steiner angesprochen zu werden.
Wir fahren auf dem holprigen, pfützenreichen Weg bergauf und bergab, durchqueren einen stattlichen Fluss. Irgendwann kommt uns das erste Auto entgegen, das berichtet, dass die Straße verlegt sei und man sie nicht passieren könne. Als auch ein Militärwagen sagt, sie würden erst auf Gerät aus Mestia warten, kehren wir traurigen Herzens 10km vor Ushguli um. Also kein archaisches Dorf auf 2200m Höhe mit zahlreichen Wehrtürmen und Kirchen aus dem 7. bis 12. Jh. (zum Teil mit Fresken), malerisch unter dem Schchara-Massiv (über 5000m) gelegen, UNESCO-Weltkulturerbe mit schönem kleinen Museum. Fast die ganze Strecke fahren wir entlang des Inguri-Flusses. Unser Fahrer sagt, dass er den Fluss so gefüllt und reißend nie gesehen habe. Tatsächlich sieht man, dass die Straße auf Dauer an der ein oder anderen Stelle gefährdet ist, so nagt das Wasser an der Böschung und könnte sie in Bälde unterspülen. Sehen ein totes Pferd in den reißenden Fluten. Versuchen auf dem Rückweg noch die Kirche in dem Dorf Ipari aus dem 12. Jh. anzusehen, die alte Fresken haben soll, aber zu ist. Schauen den kleinen Friedhof um die Kirche herum an. Die meisten Toten haben das 60. Lebensjahr noch nicht erreicht. Auf den Grabsteinen befinden sich richtige porträtartige Bilder (Ätzungen in den Stein?) der Toten. Um manche Gräber sind Lauben gebaut mit Dach und Bänken und Tisch zum gemütlichen Sitzen. Auf dem Weg zurück nach Mestia sieht man ab und an schlichte Metallkreuze am Wegesrand. Daran sind immer kleine Kästen geschweißt, mit und ohne Törchen, nach vorne offen oder zu öffnen. Wir hatten schon auf dem Weg von Zugdidi nach Mestia diese Konstruktionen gesehen. Die Kreuze zeigen an, dass hier jemand auf der Straße ums Leben gekommen ist. Nicht selten (!!) ist dabei Alkohol am Steuer im Spiel gewesen. Bezeichnenderweise stellt man in die Kästchen oftmals eine Flasche Hochprozentigen und ein Glas, da kann - wer will - zum Gedenken des Toten einen heben, ein letzter Toast auf ihn. Ist das nicht Wahnsinn? Kommen wieder an in Mestia. Unser Mann will 120 Lari für die Tour. Nun gut, gutmütig wie wir sind...
Wir gehen ins kleine fensterlose Internetcafe, das wir erstmals offen sehen, um unseren Blog aufzugeben und nach E-mails zu schauen. Letzteres klappt bei mir hier nie, da in meinem Kennwort ein “ö” ist, das es auf den hiesigen Tastaturen nicht gibt.
Sodann heißt es Geld tauschen in der örtlichen Liberty-Bank. Hinter einem Eingang im Zwielicht folgt ein schummriger Flur, hier steht eine Tür offen, es ist die Bank. Hinter einem selbstgezimmert wirkenden Tresen findet alles in einem Raum statt. Mehrere Herrschaften sitzen eng an eng hinter dem Tresen an ihren Computern, hinter ihnen Regale mit Unmengen von Papierbündeln, vor dem Tresen im Pulk viele Wartende. Wir wollen 300 Euro tauschen. Eine Dame zeigt uns den Kurs und macht einen Auszahlungsschein fertig, schickt uns dann zwei Schritte weiter nach links zur Kasse. Dort sitzt eine Dame mit fehlenden Zähnen im Frontbereich. Die hält unsere Euro in Richtung Fenster und identifiziert sie dadurch als echt (Wasserzeichen?). Wir sollen 680 Lari bekommen. Sie nimmt Geld aus einer vor ihr stehenden Keksdose und beginnt, es zu sortieren, erstmal in Häufchen zu 20, 10 und 5 Lari. Rasch merkt sie, daß die erforderliche Summe so nicht zustande kommt. Sie geht an einen Schrank und holt ein Bündel 20er, zählt alles dann flink und richtig ab und schon haben wir unser Geld. Danach gehen wir eine Kleinigkeit essen und trinken in der Kneipe Uschba. Am Nachbartisch haben vier Männer in Ruhe und Eintracht zum Essen schon eine große Flasche Wodka geleert. Ganz normal hier.
Wir suchen lange das kleine Matschubi- Familienmuseum. Ein Mädchen, von einer aus dem Fenster gelehnten Frau lange herbeigerufen, besorgt den Schlüssel, nachdem wir schließlich an einem Haus nach dem Museum fragen. Das Mädchen führt uns zu einem Nachbarhaus und schließt für uns auf. Hier kann man einen Wehrturm besteigen und ein dazugehöriges altes Haus mit der hölzernen und geschnitzten Originaleinrichtung für Mensch und Tier sehen. Danach haben Mine und ich ein kleines Formtief mit Sinnkrise. Sitzen im Schatten und debattieren über die Freuden und Schattenseiten des Reisens in Ländern wie Georgien und unsere Probleme unsere beider Bedürfnisse hier aufeinander abzustimmen. Für den Moment vermissen wir eine Terrasse mit Liegestühlen in unserem Guesthouse, einen Schaufensterbummel, einen Eisbecher und Cappucino in gepflegter Umgebung, Stöbern in einem Buchladen .... Überlegen ernsthaft, was wir als Souvenir aus Georgien mitnehmen können? Unser geliebter Schmuckkauf kann hier überhaupt nicht gepflegt werden. Was uns interessiert (älterer Silberschmuck) gibt es nur im Museum. Wir haben auch noch nie einen Schmuckladen gesehen in Georgien (oder doch vielleicht in Tbilisi?). Mine will eine Fellmütze kaufen, das wird auch klappen. Auch traditionelle Kleidung, etwas Gesticktes o.ä., findet man nirgends so richtig. Als ultima ratio gehen wir zu dem neuen Hotel und setzen uns da auf die Terrasse, trinken Bier und Kaffee und Tee und Wasser und essen Obst. Die Stimmung hebt sich und wir gehen heim. Zwei neue Engländer (ca. 65 Jahre alt) sind angereist, unsere Israelis kommen vom Berg. Man plaudert ein bißchen. Heute haben wir nach dem Löschen des Lichtes drei unserer Leuchtkäfer oder -falter im Zimmer. Sie brummen ein bißchen, wenn sie über unser Bett fliegen. Toll. Wir schauen ihnen länger zu, wie sie durchs Zimmer irrlichtern.

5.7.10 Mestia

Schon vor dem Frühstück schauen wir im Garten dem Opa zu, der Schnaps destilliert. Unter dem Kessel mit Überlauf brennt ein Feuer und dann geht alles wassergekühlt durch ein zweites Gefäß (Spirale innen?) und am Ende rinnt es ununterbrochen in eine riesige Flasche. Bekommen eine noch lauwarme Kostprobe und schauen uns seine Technik an. Dann gibt es Früstück: Brot, Spiegeleier, ein warmes Auberginengericht mit Tomaten, Paprika und Zwiebeln, frisch gebackene Chvishdari (Swanetische Nationalspeise: gebackene Püfferchen aus Maismehl gemischt mit Käse), Kuchen, Marmelade, Kaffee. Es schmeckt wunderbar. Danach gehen wir zum kleinen “Swaneti Tourism Center” in unserer Straße (gefördert von der Friedrich Ebert Stiftung). Sie geben uns Flyer von den Touren, die wir in den Bergen gerne gehen möchten und organisieren bei Bedarf einen Bergführer, Pferde oder einen Fahrer. Für heute besteigen wir den Hausberg, gehen bis zum Kreuz auf dem Berg (Tskhakvagari). Irgendwo beginnt ein junger Hund uns zu folgen, der den ganzen Tag nicht von unserer Seite weicht. Er geht mit uns die ganze Strecke, rastet mit uns. Er bellt die wenigen Fremden an, die an uns vorbeigehen, verteidigt uns und irgndwann beginnen wir auch die großen Hunde mit Steinen zu verjagen, die mit ihm die Rangordnung in einer Rangelei und Beißerei klarstellen wollen. Gerne hätten wir immer so einen Gefährten. Wenn wir hier nur im Allgäu wären, würden wir ihn vielleicht mitnehmen. Er gehört hier niemandem. Wir steigen auf steilen Pfaden ca. 800 Höhenmeter und sind schweißnaß als wir oben am Kreuz ankommen. Die Aussicht ist entlohnend. Wir machen ein kleines Picknick und auch der Hund bekommt seinen Teil Kuchen und Nationalspeise Chvishdari und Wasser (aus der Flasche). Danach steigen wir auf einem anderen Weg wieder ab. Von unterwegs rufen wir im Tourist Center an und sagen, dass sie uns für morgen einen Fahrer für die Fahrt nach Ushguli besorgen sollen (150 Lari), gerne jemanden der ein paar Worte Englisch spricht. Auch wir wollen in das weiter entlegene Swanetien und über die Dörfer fahren. Die Straße nach Ushguli muß furchtbar sein. Für die 48km brauch man 2,5 bis 3h. Von unserer Tour unten angekommen in Mestia gehen wir einen Kaffe trinken und treffen die netten Spanier wieder, die wir schon am Vortag getroffen hatten. Sie wollen morgen mit Kind und Kegel zu einem Gletscher reiten. Wir müssen noch Geld tauschen, damit wir morgen den Fahrer bezahlen können, gehen daher in einen Laden und fragen, ob sie bereit sind, das für uns zu machen. Sind sie, allerdings zu einem schlechten Kurs. Aus dem Geldautomaten hier in Mestia kriegen wir kein Geld heraus. Im Laden spricht uns etwas ungelenk ein angetrunkener Mann mit Bier in der Hand auf Englisch an. Ob wir die beiden deutschen Frauen wären, die morgen nach Ushguli fahren wollen? Ja. Dann wäre er unser Fahrer, die Tourist Information hätte ihn angerufen. Ich spüre wie sich Mines Nackenhaare aufstellen und wir hoffen gemeinsam, dass es sich um eine Verwechslung handelt und gehen heim. Als wir zu unseren Gasteltern kommen, sind vier Israelis angereist. Unser familiäres Miteinander hat sich damit aufgelöst, unsere Gastfamilie ist fast gar nicht mehr zu sehen. Zwei von den Israelis (sie sind eigentlich Amerikaner aus New York, leben aber zur Zeit in Israel) ernähren sich koscher. Wir treffen Mikel das erste Mal mit einem Plastikbeutel, in dem ca. lose 20 Eier sind. Was er vor hätte, fragen wir. “Proteins, you know” und dann erzählt er ein bißchen. Sie haben also neben ihrem Rucksack eine große Tasche dabei mit einem Topf, Plastikgeschirr und -besteck, Kochlöffel und koscheren Lebensmitteln für 4 Wochen. Gemüse und Eier kaufen sie hier in den Läden. Schlachten tut hier ja keiner koscher, Brot bäckt hier keiner koscher und Listen mit koscheren Lebensmitteln gibt es für Georgien im Internet nicht (für Deutschland und Amerika schon). Sie bekochen sich selber und wachen über ihre Kochutensilien. Wenn nur einmal etwas unkoscheres damit passiert, ist es nicht mehr zu retten. Der nette junge Mikel mit Kipa träumt von Katschapuri, das hier überall duftet, darf es aber nicht essen, da es nicht koscher ist. Essen gemeinsam zu abend und unterhalten uns nett. Später winkt der Opa des Hauses Mine nochmals zu sich ran und gießt uns aus einem großen Schraubdeckelglas von seiner neuen Tagesproduktion an Wodka nochmals ein Gläschen ein. Trotz dessen Konsums sind wir nach der körperlichen Anstrengung des Tages noch lange putzmunter. Als wir das Licht löschen schwirrt ein leuchtender, genaugenommen blinkender, kleiner Lichtball durch unser Zimmer, von rechts nach links, von oben nach unten, kreuz und quer. Er ist viel viel größer als ein Glühwürmchen und leuchtet nicht kontinuierlich, aber es muß irgend ein phosphorisierender (oder luminiszierender?) Falter sein. Lange schauen wir zu.

4.7.10 Mestia

Nachts beginnt es zu regnen und das hält fast den ganzen Vormittag an. Die Leute hier berichten von den auffallend vielen Niederschlägen, die es sonst in dieser Form in dieser Jahreszeit nicht gab. Seit Jahren beobachten sie diese Klimaveränderung. Besonders gerne reisen Israelis hier nach Swanetien, sie können das üppige Grün und das überreiche Angebot an Wasser nicht fassen.
Von drei Seiten umgeben uns Berge von 4000 - 5000m Höhe, schneebedeckt, die meisten mit großen Gletschern (meist sieht man die aber von Mestia nicht). Das Panorama ist fantastisch, dazu die vielen (42) Wehrtürme von Mestia, die eine besondere Kulisse schaffen. Wir frühstücken mit Kaffee und Brot, Butter, Yogurt, Spiegeleiern, Sulguni-Käse, Marmelade, Katschapuri (warm). Wegen des Regens gehen wir danach wieder in unser Gemach und schreiben ein bißchen Blog und ruhen uns aus. Am frühen Nachmittag kommt die Sonne raus und wir gehen zunächst in das wirklich vorzügliche Museum der Stadt. Wir sehen wunderbaren Schmuck, Schwerter, Gürtel, Dolche, Sättel, geschnitzte Truhen, Kupferarbeiten, tolle Fotos von Vittorio Sella, der zwischen 1889 bis 1896 dreimal Swanetien bereist hat und sehr schöne Schwarz-weiß-Fotos hinterließ, Höhepunkt sind ein paar bis zu 1100 Jahre alte Bücher und Silberarbeiten aus Kirchen und gemalte Ikonen. Das ganze ist wirklich sehr lohnend. Danach gehen wir in einen kleinen “mineral park” mit einer Mineralwasserquelle. Daraufhin schauen wir uns das vor 14 Tagen eröffnete schone Hotel Tetnuldi an und trinken Kaffee bei bester Aussicht auf Mestia und seine Türme. Von hier beginnt ein von Azaleen gesäumter Weg, der sogar gekennzeichnet ist. Ihm folgen wir mehrere Kilometer in der Nachmittags- und Abendsonne. Es ist wunderschön. Danach gibt es Abendbrot zu Hause: Katschapuri (ganz frisch), Tomatensalat, einen zweiten Salat aus Erbsen und Kartoffeln und Kräutern, dann die Suppe und das Hähnchengericht von gestern. Wir nehmen gerne einen Selbstgebrannten dazu.

Dienstag, 6. Juli 2010

3.7.10 Mestia

Unserer Oma geht es heute nicht gut, sie ist schwindelig, schafft nur mit Mühe uns pünktlich um 7:30 Uhr das Frühstück zu machen. Dann kommt auch schon Sasa mit seinem Lada Niva mit Vierradantrieb, unser Fahrer. Er ist ein kleiner drahtiger, sportlicher Mann mit einem Bürstenhaarschnitt. Er trägt ein T-shirt mit der Aufschrift ARMY und eine Sporthose und Turnschuhe. He is a sportsman, Ringer verstehen wir. Wir können nur wenige, einzelne Worte mit ihm wechseln aus den bekannten Gründen. Im Laufe des Tages verstehen wir aber doch einiges, z.B. dass er in Mestia wohnt und in Kutaisi seine Schwester besucht hat, er fährt also sowieso heim in die Berge zu seiner Familie. Da sind Mine und ich doch ein schönes Zubrot. Wir fahren zügig bis Zugdidi, das nur wenige Kilometer von der Abchasischen Grenze liegt. In Zugdidi befindet sich auch eines der Hauptquartiere der UNOMIG (United Nations Organisation Mission in Georgia), die die Einhaltung des Waffenstillstandsvertrages zwischen Georgien und Abchasien überwachen. Dort hält Sasa an, kauft ein paar Kleinigkeiten und fährt dann zu einer Werkstatt, da der eine hintere Reifen offensichtlich Luft verliert. Vor einer kleinen Bude wird der Wagen einseitig aufgebockt und das Rad abgenommen. Dann wird der Schlauch aus dem Reifen geholt, aufgepumpt und unter Wasser geguckt, wo das Loch ist. Sodann wird die Stelle aufgerauht und mit einem Flicken versehen. Wie beim Fahrrad. Es herrscht reger Betrieb, dauernd kommen Wagen mit ähnlichen Problemen. Kein Wunder bei den Straßen. Nebenan sind zwei rauchende Männer über den Motor eines kleinen Lada mit russischem Kennzeichen gebeugt. Auf der anderen Seite wird, glauben wir, etwas geschweißt, zwei Männer hocken am Boden und Funken fliegen. Ich fotografiere das Schweißgerät, mal zu Hause jemanden fragen. Nach dem Tanken sind wir dann endgültig klar für die Berge und es geht los. Wir fahren aus der Stadt raus und folgen dem Inguri-Fluss. Schon sehr bald fangen die Berge an. Am Wegesrand folgt ein Imker dem anderen. Sie haben kleine Hütten, in denen sie leben und zum Teil dutzende von Bienenvölkern. Wir fahren lange an dem langgestreckten Stausee des Inguri vorbei. Staumauer (750m breit, 271,5m hoch) und Wasserwerk sind das größte Bauwerk im Kaukasus. Es produziert 25% des georgischen Strombedarfs (4,5 Millionen Kilowattstunden). Die europäische Bank für Wiederaufbau und die EU sind erheblich an der Finanzierung beteiligt. 20 Jahre hat man an dem Bauwerk gebaut. Wir begleiten dann später immerzu den Fluss in seinem Lauf. Die Straße ist mäßig, voller Schlaglöcher und für den Fahrer sehr anspruchsvoll. Für die 140km von Zugdidi bis Mestia braucht man ca. 5h. Wir fahren durch tropfende dunkle Tunnel, in denen noch dazu Kühe liegen. Wir sind recht guter Dinge als Sasa an einer kleinen Ansammlung von Häusern hält. Wir sollen aussteigen. Sasa ist dort wie auch sonst auf der Strecke gut bekannt, überall hupt er und grüßt die Leute oder hält kurz an. Wir treten in einen einfache Gaststätte, in der ordentlich was los ist. Er bedeutet uns, uns in ein kleines abgetrenntes Zimmerchen zu setzen und schon steht ein Teller mit der swanetischen Speise Kubdari (mit scharf gewürztem Fleisch gefüllter heißer Fladen) und drei Flaschen Bier auf dem Tisch. Es schmeckt wunderbar. Schnell noch ein Toilettengang in einem kleinen Holzverschlag mit Bodenloch über dem strömenden Flüsschen. Danach bleibt die Strecke schlecht, wir schlängeln uns von einer auf die andere Seite der nicht mehr asphaltierten Straße, zwischen den Schlaglöchern her und fassen uns in Geduld. Man muß ganz locker bleiben und sich nicht versteifen, dann geht es am besten. Mine meint ihr ganzes Inneres würde beben und ihre Wanderniere sei bestimmt nicht mehr auffindbar. Mit Tempo 20km/h kommen wir vorwärts. Als nächstes halten wir, weil die Straße komplett verlegt ist mit Geröll und Erde. Eine klapprige Planierraupe ist dabei, Ordnung zu machen. Nach einem Weilchen geht es weiter. Wir stoppen wieder an zwei Buden, die hier Alkoholika, Zigaretten, Süßes, Limonade verkaufen. Ein Lieferwagen kommt dazu und verkauft Gurken und Waschpulver. Ein paar Männer hocken im Schatten unter einem Betondach. Als nächstes begrüßt Sasa eine Gruppe Polizisten und sonstige Männer, “Brüder”, sie sitzen an einem langen Tisch im Wald und essen Brot, Tomaten und Gurke. Dazu gibt es selbstgebrannten Schnaps und Bier. Er winkt uns dazu und schnell hat Mine den unteren Teil einer abgeschnittene Fantaflasche in der Hand voll mit Bier. Auch ich bin schnell mit Bier versorgt und unser Fahrer hat einen Plastikbecher mit Schnaps in der Hand. Alle sind sehr freundlich und guter Dinge. Die zwei Polizeiwagen stehen am Weg, die Männer haben die Waffen am Gürtel, es ist 2 Uhr nachmittags. Mine kriegt die Krise, guckt sich das ganze kurz an und tippt auf die Uhr, signalisiert unserem Fahrer energisch, dass es jetzt weiter geht. Der stellt seinen Wodka tatsächlich ab und wir brechen auf. Mit dem Holpern wird es nun langsam zu viel. Sasa wird dauernd auf seinem Handy angerufen. Als der nächste Wegweiser kurz vor 3 Uhr zeigt, dass es noch 18km bis Mestia sind, reicht es Mine. “Wohin ich sie wieder schleppen würde?”. Meine Schuld ist es aber auch nicht und immerhin ist die Landschaft grandios. Der Fahrer gibt sein Bestes. Schon bald beginnen die swanetischen Dörfer, mit ihren typischen Wehrtürmen. Vor den schneebedeckten Bergen am Horizont und inmitten dieser üppigen Wälder sieht das toll aus. Unser Ziel ist Mestia, das Verwaltungszentrum des oberen Swanetiens, einer Hochgebirgsregion im großen Kaukasus. Die Swanen haben ihre eigene Sprache, ihre eigenen Traditionen und Bräuche. In einem Swanendorf gruppieren sich die Gehöfte um Wehrtürme, die meist im 11. bis 13. Jh. erbaut wurden, ca. 30m hoch sind und über Schießscharten und Geheimgänge verfügen. Die Swanen haben schon immer von Ackerbau und Weidewirtschaft gelebt. Heidnische Bräuche haben sich hier lange erhalten. Erst im Jahre 1935 hat man eine Straße nach Ober-Swanetien gebaut. Schließlich erreichen wir Mestia. Wir haben unsere Führer in der Hand, denn jetzt geht die leidige Frage nach der Unterkunft ja los. Sasa telefoniert wieder. Irgendwann hält er am Straßenrand und begrüßt eine junge Frau. Die öffnet die Tür und sagt auf Englisch “I am Eka, I welcome you, you will be my guests.” Ich kriege die Krise und sage “I am not sure.” Es beginnt eine kleine Debatte über ihr hübsches Guesthaus, flankiert von unserem Blättern in unseren Führern, wo sie nicht erwähnt ist. Wir sagen wir wollten eigentlich zu Soja. Die sei verreist (was wir nicht glauben). Schließlich einigen wir uns darauf ihr Haus wenigstens anzugucken. Da ist eine nette Familie, ein ordentliches Bad, nette Räume und wir lassen dem Schicksal nicht ungern seinen Lauf und vereinbaren zu bleiben. Mit Essen 45 Lari pro Person und Tag. Gleich wird aufgetischt, Nudelsuppe, ein Gericht mit Huhn in köstlicher Soße, frisches selbstgebackenes Brot, Katschapuri ganz frisch und warm, Yogurt, Tee. Sasa, der Vater von Eka und Eka essen mit. Der Vater hat selbstgebrannten Schnaps aufgetischt. Er macht den alljährlich selber aus Äpfeln, die dunkle Farbe kommt durch Walnußschalen zustande. Der Vater ist ein wunderbar ruhiger, freundlicher, warmer Mann, der für alle in nicht zu kleine Gläser einschenkt. Er bringt einen Tost aus, auf die Gäste, auf Sasa, auf Mestia und lehrt dann sein Glas in einem langen, langsamen, genußvollen Zug. Das ist schön anzusehen. Sasa und er tuen das viele viele Male, wir klinken uns irgendwann aus. Aber köstlich ist der Schnaps. Der Vater hat in der Sowjetzeit die Viehwirtschaft im oberen Swanetien koordiniert, war ein wichtiger Mann hier. Die Mutter arbeitet im Krankenhaus von Mestia als leitende OP-Schwester o.ä., sie ist 60 Jahre alt und kocht und bäckt permanent. Sie ist süß, küßt uns immer mal. Ansonsten gibt es im Haushalt zwei Töchter Eka, die als Kuratorin für swanetische Kunst im hiesigen bedeutenden (!) Museum arbeitet und die recht gut Englisch spricht. Ihre Schwester hat zwei süße Töchter im Alter von 7 und 9 Jahren. Wir leben, glauben wir, in der guten Stube der Familie, wo auch zwei Betten stehen. Unser erster Gang durch das Dorf ernüchtert uns etwas, viel ist verfallen, überall wird gebaut, die Straßen sind staubige Pisten, die Müllbeseitigung findet wohl ganz überwiegend über die Flüsse statt, es gibt einige kleine Läden, zwei Hotels. Wir sind wahnsinnig froh, dass wir hier nicht auf eigene Faust versucht haben, eine Unterkunft zu finden. Bestimmt wären wir sofort ins Hotel gegangen und so haben wir es schöner. Wir duschen dann und danach steht ein Teller mit frisch gebackenem Kuchen für uns auf dem Tisch und wir trinken Tee. Schlafen wunderbar neben dem Klavier in der guten Stube.

2.7.10 Kutaisi

Wir schlafen aus und bekommen dann ein schönes Frühstück: zwei Sorten weißes Brot, Katschapuri von gestern, vier Spiegeleier, dicke saure Sahne, Butter, eingelegter Weißkäse, Kornelkirschenmarmelade, Tee, Yogurt. Wir fragen die Oma, ob sie uns ein Taxi besorgen kann, um nach Gelati und Motsameta zu fahren. Die Oma geht sofort ans Werk und schon bald fährt das Taxi vor. Wir müssen das Frühstück abbrechen und los geht es. Erst fahren wir durch die grünen Hügel in das nicht weit entfernte Gelati, Kloster und Akademie (UNESCO-Weltkulturerbe). Beides wurde 1106-25 von Dawit dem Erbauer errichtet, der hier auch begraben ist. Er lud nahmhafte Gelehrte ein und schon bald hatte die Akademie einen guten Ruf und belebte das georgische Geistesleben. Die Hauptkirche, die Muttergotteskirche, ist die Attraktion mit ihren Fresken aus verschiedenen Jahrhunderten. Sie ist wunderschön und ehrwürdig. Eine weitere, kleinere Kirche (Nikolaikirche) gehört auch noch zu dem Komplex. In Gelati sind wichtige georgische Könige begraben: Dawit der Erbauer, Königin Tamar und König Bagrat III von Imeretien. Das Kloster wurde 1922 von den Kommunisten im Rahmen der antireligiösen Kampagne geschlossen und erst 1988 wieder als Kloster eingeweiht. Sakaschwilli hat hier seine Amtseinführung als Präsident zelebriert. Was für ein Zeichen. Danach geht es ins ebenfalls wunderbar gelegene Kloster Motsameta. Es befindet sich oben an einer Steilklippe über einer Windung des unten fließenden Tskhaltsitela-Flusses gelegen. Im Jahre 642 fielen die Araber hier erstmals und im Jahre 735 erneut ein. Die beiden Fürstensöhne David und Konstantin Mcheidse sammelten Streitkräfte, um gegen die Araber zu kämpfen, verloren aber und wurden beide getötet. Ihr Leichnam wurde hier beigesetzt und zum Gedenker dieser beiden Märtyrer die Kirche erbaut. Ihre beiden Schädel sind hier als Reliquien zu sehen. Das Kloster ist bis auf seine Lage unspektakulär. Danach fahren wir zurück in die Stadt und lassen uns bei der Bagrati-Kathedrale absetzen. Auch sie ist UNESCO-Weltkulturerbe, man versteht aber nicht warum. Es handelt sich um die Ruine einer ehedem großen Kathedrale aus dem 11. Jhd.. Kuppel und Dach wurden 1692 bei einem Angriff der Osmanen zerstört. Das Gebäude ist eingerüstet und wird teilweise restauriert. Dahinter befinden sich Reste der Palast-Zitadelle der Stadt. Von den Überresten hat man einen schönen Blick auf die breite Flußlandschaft mit einem älteren Wasserkraftwerk und den grünen Hügeln. Bei jeder kleinen Anstrengung bricht einem der Schweiß aus. Das liegt an dem subtropischen Klima hier und dem Einfluß der Schwarzmeerküste. Hier wachsen Bananen und Kaki in den Gärten. Gehen noch in die intakte Georgskirche und dann runter in die Stadt. Trinken dort Wasser und türkischen Mokka. Am Nebentisch sitzen vier junge Männer, die uns schließlich ansprechen und fragen, ob sie uns irgendwie behilflich sein können. Sehr nett. Schließlich schlendern wir dann weiter durch die Stadt mit ihren vielen kleinen bis winzigen Läden und Ständen, in denen oft eine sehr übersichtliche Zahl von Artikeln verkauft wird. Eine Unzahl von Broterwerbern hat so scheinbar ihr Auskommen. Große Kaufhäuser, Boutiquen, Supermärkte, Buchläden, so wie wir das kennen, gibt es (fast) gar nicht. Man könnt in der Umgebung noch die Grabungsstätte Wani mit Museum anschauen. Wani war wahrscheinlich eine Tempelstadt, was man aber gar nicht genau weiß. Jedenfalls wurden hier legendäre Goldarbeiten aus dem 8. bis 4. Jh. gefunden. Die Goldschmiedekunst aus Kolchis scheint sehr hoch entwickelt gewesen zu sein und stellt keine Kopie der skytischen Meister oder der Goldschmiedekunst der Griechen und Perser dar. Die prächtigen Funde belebten den Mythos um das Gold von Kolchis und das Goldene Vlies. Nicht gesehen haben wir auch den Saurierfußabdruck im Naturschutzpark Sataplia. Genießen einen Nachmittag und Abend auf der Terasse, waschen Wäsche, beobachten ein Schwalbennest mit drei Jungen über der Tür, gucken dem Treiben vor den Häusern zu. Unsere kluge Oma schlägt uns von sich aus vor, uns mit einem Lada Niva (Vierradantrieb) morgen von Kutaisi nach Mestia im großen Kaukasus bringen zu lassen (für 250 Lari). Bis Zugdidi ist es eine normale Straße, dann geht es 5-6h hoch in die Berge. Wir überlegen ein Weilchen, nehmen aber schließlich an. Zum Abendessen gibt es neben einem 70%igen Obstler Huhn, Bratkartoffeln, Aubergine mit Walnußfüllung, Salat aus Gurke und Tomate, kleine gebratene Würstchen und gefüllte Teigzigarren. Unsrer Oma setzt sich zu uns und eine gebrochene Unterhaltung entspinnt sich. Sie ist 72 Jahre alt und ihr Mann 79 Jahre, sie war Buchhalterin, er Ingenieur. Beide bekommen eine Pension von je 90 Lari pro Monat. Nun werkelt sie von früh bis spät in ihrer kleinen Pension zusammen mit der Tochter. Sie erklärt: gibt es wieder “bum, bum” (Unruhen), dann “no tourists”, bleiben die Touristen weg. Ein sensibles Geschäft in einem Land wie Georgien.

1.7.10 Kutaisi

Der Tag beginnt mit Mines Worten “Ich habe Sehnsucht nach Lemgo”. Kein gutes Ohmen für den Tag. Wir frühstücken um 7:30 und gehen danach zu dem kleinen Busbahnhof an der Hochbrücke. Nehmen dort den Marschrutki um 9:00 Uhr nach Batumi, der Fahrer soll uns in Kutaisi rauslassen. Kutaisi ist die zweitgrößte Stadt Georgiens. Kutaisi war 400 Jahre lang die Hauptstadt des Kolchis-Reiches, das vom 6. bis 1. Jh. vor Christus existierte. Hierhin gehört die Argonautensage, nach der Jason mit dem Schiff Argo nach Kolchis gefahren sein soll, um das goldene Vlies zu rauben. Wir sollen ganz hinten in den Marschrutki, es ist eng und heiß und kein Fenster ist zu öffnen. Immer mehr wird in und auf den Bus geladen und verzurrt. Wir halten das Gefährt für einen umgebauten Lieferwagen, die Sitze scheinen nachträglich einmontiert und die Sitzhöhe ist so hoch, dass man nicht richtig aus dem Fenster gucken und die Fenster auch nicht aufschieben kann. Es ist immer ein wenig gruselig für uns, so zu fahren. Mine schimpft. Die Fahrt (3h) geht irgendwie vorüber und wir werden in dem lebhaften Kutaisi an einer natürlich für uns nicht zu identifizierenden Stelle herausgelassen. Wir gehen zu einem Taxi und lassen uns zu der Pension unserer Wahl von Giorgi Giorgadze (alles laut Führer) fahren. Das Haus ist in einem netten Wohnviertel auf dem Ukmerioni-Berg gebaut, von einem Garten umgeben. Verschwitzt stehen wir vor Giorgi. Die Zimmer der ersten Etage sind leider alle belegt, bleiben noch die dunkleren im Erdgeschoß. Zwei Zimmer zeigt uns der nette Giorgi zur Auswahl. Mine genügt ein Blick auf die vier Bettgestelle in dem düsteren Raum ohne Bad, um zu entscheiden “Niet”. Mine bleibt ganz und gar unmißverständlich. Beide sind wir natürlich nicht begeistert von der Option, aber ich fühle mich manchmal eher aufgefordert als Mine eine Kröte zu schlucken. In diesem Fall hat sie Mine gleich ausgespuckt, während ich noch dachte, ich müßte sie wenigstens probieren. Wir trollen uns und schleppen unser Gepäck wortkarg weiter durch das Viertel auf der Suche nach der beschriebenen Alternative. Der Schweiß rinnt an uns herab, was weder meine noch Mines Stimmung stabilisiert. Wir kommen an das kleine Hotel Beka, treten durch das Gartentor. Ein georgisches älteres Ehepaar zeigt uns die Zimmer. In Ermangelung weiterer Energien zur Fortsetzung der Suche greifen wir zu: ein kleines Doppelzimmer mit Bad und Balkon und einem fantastischen Ausblick über die Stadt, den Fluss und die umgebenden Berge. Mit Halbpension 45 Lari pro Person. Unglücklich und zerstritten sitzen wir auf unserer Bettkante und finden alles ziemlich mäßig. Mine findet unsere Form des Umherreisens heute definitiv zu anstrengend und keiner ist dem anderen heute richtig. Eigentlich kennen wir das gut, diese besorgte und erschöpfte Skepsis des ersten Ankunfttages an einem neuen Ort. Nichts ist richtig, alles befremdend. Ich besorge einen Tee von unserem Ehepaar, der nicht schmeckt. Wir knabbern unsere Brote und wissen nicht richtig weiter. Es ist wirklich anstrengend die Tage immer wieder zu gestalten, sich selber Motor, Organisator, Pfadfinder, Ernährer, Planer zu sein. Irgendwann raffen wir uns auf und gehen los in die Stadt. Erneut schweißgebadet stehen wir schon bald auf dem alten stumpfen Parkett im Museum der Stadt an dem großen Agmaschenebeli-Platz (mit großem Staatstheater, Reiterstandbild von König Dawit dem Erbauer, Museum). Aus dem Heer an Mitarbeiterinnen, deren Tätigkeit über den Tag man nur schwer ermessen kann, erbarmt sich eine, uns durch das Museum zu begleiten. Sie bewacht uns und die Exponate und schweigt, macht vor uns die Raumbeleuchtung an und hinter uns aus. Hinter uns taucht, sobald wir den Raum verlassen, alles in Dunkelheit. Wir sind die einzigen Besucher. Wir sehen einen Raum mit echten Schätzen der Silberschmiedekunst (Kreuze, Ikonen, Altäre), ansonsten Ausgrabungen aus allen Zeiten, Fresken aus verschiedenen Klöstern und Kirchen, alte Münzen, allerlei “Folkloristisches” (Kleider, Waffen, Schmuck, Teppiche, landwirtschaftliche Geräte, eine Kutsche). Danach gehen wir in den Park am Platze, um einen Cafe zu trinken. Mit uns suchen hunderte andere Menschen Schatten unter den Bäumen. Schon bald schlürfen wir türkisch Mokka und trinken Borjomi Mineralwasser. Zwei junge Frauen am Nebentisch beobachten uns und sprechen uns schließlich an. Es sind Ekaterina und Mari. Beide sind mit 18 Jahren als Aupair nach Deutschland gegangen und haben danach versucht, dort Deutsch für Ausländer zu studieren. Neun Jahre waren sie in Deutschland, haben dann kein Visum mehr bekommen und mußten zurück. Das Studium hat auch nicht geklappt, sie haben nicht geschafft gleichzeitig zu studieren und sich selber durch Arbeit zu finanzieren. Nun suchen sie Orientierung in ihrer alten Heimat und vor allem eine Arbeit. Wir unterhalten uns über mehrere Stunden. Eines unserer Probleme lösen sie schnell. Wir wollen von Kutaisi später in den großen Kaukasus nach Mestia und wissen nicht so richtig, wie wir das organisieren können in diese entlegene Bergregion zu kommen. Mari ruft kurzerhand ihren Bruder an, der als Ingenieur in Mestia arbeitet und immer dorthin fliegt. Wir wären von Kutaisi in 40min da. Eine kleine Maschine fliegt dort zweimal pro Woche hin und angeblich kostet es nichts, was uns zudem skeptisch stimmt. Wir entscheiden uns dagegen. Gehen danach mit den beiden über den Markt, lassen uns dies und das erklären (Kräuter, Gewürze, Eingelegtes). Das Gemüse sieht wunderbar aus (Auberginen, dicke Tomaten, saftige und knackige Gurken, Rote Beete, Weißkohl, Rettich, verschiedene Bohnen), viele frische und getrocknete Kräuter werden in der Küche verwendet, große Bündel kauft man davon. Viele ältere Damen sitzen vor großen Eimern mit kleinen Birnen, die scheinen jetzt reif zu sein. Die Leute verkaufen nicht selten aus ihrem Kofferraum heraus, irgendetwas selbst Geerntetes oder selbst Gebranntes, hausgemachten Essig oder aber auch etwas, was sie woanders günstig gekauft haben und nun weiterverkaufen wollen. Die meisten Leute haben Gärten, die sie bewirtschaften zum Eigenbedarf und zum Weiterverkauf. Endlich erfahren wir, daß das Kraut, was so oft in der Küche hier verwendet wird, nicht Kerbel ist sondern Koriander. Wir sollen uns mit ihnen in Tbilisi treffen, wenn wir dahin kommen. Wir verabschieden uns und streifen noch ein bißchen durch die Stadt, die teilweise sehr schön renoviert wird. Die Stadt ist lebendig und irgendwie freundlich, gefällt uns sehr gut. Wir haben Hunger und trauen den Kochkünsten unserer Wirtin nicht so recht und gehen daher eine Kleinigkeit essen, bevor wir nach Hause gehen. Dort steht ein Bus im Hof und auf unserer Panoramaterasse sitzen etwa 20 Japaner, die gerade essen. Wir sind schon satt, bereuen es aber ein bißchen angesichts der leckeren Speisen, die auf dem Tisch stehen. Hätten wir doch ein bißchen Zutrauen gehabt, aber gerade damit haben wir es heute schwer. Das kleine Mädchen des Hauses tanzt für alle mit Ernst und Hingabe zu georgischer Kartili-Musik und alle sind bei Tee und Kaffee ausgelassen und fröhlich. Die Japaner sind ganz süße Leute. Auch wir tanzen noch ein bißchen, unsere georgische Oma bringt alle in Schwung. Wir genießen den großartigen Ausblick von unserer Terrasse und den kühler werdenden Tag. Unsere Wäsche hängen wir heute neben die der Japaner. Aufgehängt haben sie auch weiße Baumwollhandschuhe, die sie scheinbar gerne auf Reisen tragen. Wahnsinn. Das war dann doch noch ein fröhlicher und unbekümmerter Abend.

30.6.10 Borjomi

Ändern unsere Pläne und fahren nicht mit dem Zug/Schmalspurbahn in den Wintersportort Bakuriani, sondern wollen den Tag in Borjomi verbringen. Borjomi und Bakuriani wollten ja 2014 die olympischen Winterspiele ausrichten und haben sich beworben. Wie wollten Sie das nur schaffen? Beginnen mit dem Museum gleich neben dem Hotel. Wir sehen hier Porzellan und Glas aus dem Palast der Romanows in Borjomi, Mineralienfunde der Gegend, Funde von Ausgrabungen (beim Pipelinebau), alte Photos, Dokumentationen, die die Mineralwasserquelle “Borjomi” des Ortes betreffen, ausgestopfte Tiere der Region, alles in allem eine kurzweilige Mischung. Auf Schritt und Tritt werden wir von einer Dame begleitet, die uns zwar nichts erklären kann aus sprachlichen Gründen, uns aber zwischen den Vitrinen den Weg weist und das Licht für uns an- und ausmacht. Gehen danach entlang des Flüßchens Bordshomka bis zum Eingang in den Kurpark. Kommen an dem recht runtergekommenen (das ist nicht übertrieben) ehemaligen Wohnhaus des Großfürsten Michail Nikolajewitsch Romanow vorbei. Der oberste Balkon ist noch eine Ahnung von wunderschön, in persischem Stil mit Spiegelmosaiken, kleinen Wandportraits und Schnitzereien. Auch in diesem Haus waren Flüchtlinge untergebracht. Man zahlt einen halben Lari Eintritt und geht dann durch ein schmiedeeisernes Tor in den schönen Kurpark mit Quelle. Die Menschen kommen mit großen Flaschen und füllen sich Wasser ab. Der ehemalige Kursaal mit Brunnenanlage ist in ein Internetcafe umgewidmet und wir geben hier unseren Blog auf. Mine läßt sich eine CD mit georgischer Musik brennen. Danach wandern wir mehrere Kilometer durch den Park und den angrenzenden Wald bis zu einem kleinen Pool mitten auf einer Lichtung, der von einer natürlichen Quelle gespeist wird. Die Jugend des Dorfes vergnügt sich hier. Nach einem kurzen Picknick gehen wir zurück. Nehmen am Parkeingang die Seilbahn und fahren aus dem Tal in die umgebenden Berge. Haben einen sehr schönen Ausblick von oben und gehen zu Fuß wieder runter durch dichten alten Wald, vorbei an so manchem georgischen Griller im Grünen. Unten angekommen bringen wir in Erfahrung wie es morgen mit dem Bus weiter geht und gehen dann essen. Im Hotel werden wir wie erwartet abgefangen von den Damen, kommen ihnen aber mit der Frage “Lari?” heute zuvor, worauf sie lachen. Holen die Unterlagen, die Bob und Jill uns geliehen haben und gehen nochmals los, um ihnen alles zurückzugeben. Wechseln noch ein paar nette Worte in der Küche mit ihnen und ihrer georgischen Trainerin aus dem Programm und gehen dann heim.
Anmerkung: Wir schätzen uns glücklich, dass wir nicht dieses Land mit unserem Solidaritätszuschlag päppeln müssen. Da hätten wir eine schöne Aufgabe. Haben wir das richtig in Erinnerung, dass auch Georgien in die EU will? Äh, nun ja. Vielleicht warten wir damit noch ein bißchen.

Mittwoch, 30. Juni 2010

29.6.10 Borjomi

Stehen um sieben auf und sollen um 8:30 Uhr an der Touristinformation von einem Marschrutki abgeholt werden. Das klappt auch. Über die Form unserer Reise nach Wardzia wissen wir nicht viel. Wir hatten gehofft andere Touristen zu treffen, was nicht passiert. Bis Achalziche steigen dauernd Leute ein und aus und wir sind wie ein normaler Marschrutki. Hier fahren viele türkische und iranische LKWs zur nahegelegenen türkischen Grenze. Hinter Achalziche sitzen nur noch Mine und ich im Kleinbus und das bleibt so für den Rest der Reise. Hinter Achalziche geht es nochmals ca. 50km bis Wardzia. Wir folgen die ganze Zeit dem Verlauf des Mtkwari (= Kura, fast 1400km langer Fluss, entspringt in der Türkei und fließt in Aserbaidschan ins Kaspische Meer) durch eine sehr schöne Landschaft, ein menschenarmes Tal. Die Straße wird gerade ausgebaut und nur noch zum Teil ist ihr Zustand so schlecht, dass man zwischen den Schlaglöchern hin und hergeworfen wird. Wir halten an der beeindruckenden Khertvisi Festung und klettern hinauf.
Wardzia: In die hoch über dem Mtkwariufer gelegene Felswand ist eine Klosterkomplex in den Tuffstein gehauen. Hier hatte Georgi der Dritte im 12 Jh. eine Festung gebaut. Seine Tochter Königin Tamar etabilierte später hier ein Kloster, in dem wahrscheinlich bis zu 800 Mönche lebten und das zugleich Zufluchtsort für Tausende von Menschen aus den umgebenden Orten bildete. Es sollen 2000 Säle auf 13 Etagen existiert haben. Das Zentrum der Anlage bildet die Kirche zur Himmelfahrt. Der Innenraum ist wunderschön, über und über mit Fresken aus dem 12.Jh. ausgemalt. Besonders schön ist es, wenn alles gefüllt ist mit Bildern (Decke, Wände, Festernischen) wie bei einem Kunstwerk, das das ganze Blatt ausfüllt. Über dem Komplex liegt eine große Hitze und wir kehren erschöpft zu unserem Fahrer zurück. Er fährt uns zurück bis Achalziche, fährt dort zu seiner Tankstelle. Dort dreht er sich zu uns um ” Money for Diesel”. Er bekommt von uns 50 Lari für die Tour. Er tankt 23l für 40 Lari. Kein Wunder, dass er den Wagen rollen läßt, wann immer er kann und dann erst wieder einkuppelt. In Achalziche setzt er uns am Busbahnhof wieder in einen öffentlichen Marschrutki und mit dem fahren wir dann heim. Mittlerweile fühlen wir uns inmitten der Menschen immer wohler, wir bekommen es trotz fehlender Sprache meist hin, uns zu organisieren, werden nie belästigt oder bedrängt und die Menschen sind unaufgeregt und gutmütig und (ganz überwiegend) ehrlich, was sehr angenehm ist. In Borjomi gehen wir auf den kleinen Markt an der Hochbrücke, kaufen Nektarinen, Maulbeeren und Gurken und essen erstmal in unserem Hotelzimmer. Mittlerweile hat sich unser Blick auf Borjomi sehr verändert. Wir haben uns gut eingerichtet und finden an dem ganzen Ort wenig auszusetzen, die kleinen optischen Mängel und Fehltritte stören uns nicht wirklich. Das Klima ist gut, immer mal fallen ein paar Tropfen und kühlen die Hitze ab, dann steigt Nebel von den Bergen auf. Die Natur ist wunderschön und die Stadt muß einmal prächtig gewesen sein mit vielen Villen und allein stehenden Häusern im russischen Stil und dazwischen die hohen alten Bäume, zwischen denen man oft nur die Dächer ausmachen kann. Nur die Damen in unserem Hotel quälen uns ein bißchen. Es ist alles pieksauber, die Teppiche sind zum Teil mit Folien abgedeckt, die Holzbank vor dem Haus wird bei jedem Regenguß abgedeckt und die Folie mit Wäschklammern gestrafft, vor der Tür liegt ein großer Fußabtreter und der Blick unserer Damen fällt immer gleich auf unser Schuhwerk, wenn wir eintreten. Rund ums Haus wird schon morgens gefegt und der Gehsteig besprengt, damit nicht so viel Staub aufs gelbe (empfindliche Farbwahl) Haus kommt. Gegen das unansehnliche Nachbarhaus wurde der Holzzaun nach oben um eine ca. zwei Meter hohe blaue Plane erweitert, das hält Staub und den häßlichen Anblick fern. Wir sind heute wieder die einzigen Gäste und die Angestellten sind weit in der Überzahl. Wir sollen für die Nacht immer im Voraus zahlen und spätestens ab dem Nachmittag schleichen beide Parteien nur noch in Erwartung des Satzes “Lari!?” verbunden mit dem Fingerzeig aufs Büro der Managerin und einem Lächeln, umeinander herum. Dann geben wir brav unsere 120 Lari pro Nacht ab und haben Ruhe bis zum nächsten Tag. Die Damen haben schon zweimal alle Angaben aus unserem Paß mit viel Mühe in georgische Sprache/Schrift übertragen, wir lassen sie werkeln. Nein, wir fühlen uns hier ganz, ganz wohl und geborgen und die Frauen sind ganz süß. Haben heute abend dann einen Versuch unternommen, ein im Führer genanntes und gelobtes Restaurant im Bahnhof aufzusuchen. Es gibt hier aber zwei Bahnhöfe, die wir der Reihe nach inspiziert haben, letzteren nach längerem Marsch dorthin. Der letzte Bahnhof war von seinem ganzen Ambiente irgendwie abwegig in Bezug auf ein gutes Restaurant, wir waren auf einem staubigen Platz umgeben von abgewohnten Wohnblocks mit einem Markt in der Mitte, der halb im halb außerhalb des Bahnhofsgebäudes stattfand. In dem Bahnhof können wir nichts richtig ausmachen, er wirkt irgendwie provisorisch und zweckentfremdet für allerlei Abzustellendes. Wir werden irritiert von den umherstehenden Männern und Frauen betrachtet und machen einen Versuch eine Frau nach dem Restaurant zu fragen. Die gibt sich alle Mühe, schüttelt aber schließlich den Kopf unseren Führer in der Hand. “Idi madloba”, haben Sie vielen Dank. Dazu kommt wieder, daß wir den Namen eines Restaurants im Straßenbild nicht lesen und erkennen können. Unser Führer gibt uns ja immer so etwas wie die Lautschrift in unserer Buchstabenwelt wieder und das macht zum Beispiel unser englischer Führer anders als unser deutscher (z.B. Bordshomi (deutsch) und Borjomi (engl.) oder Chertwisi (deutsch) und Khertvisi (engl.)). Selbst wenn wir jemandem den Namen in unserem Führer zeigen (um ihn nicht so falsch auszusprechen) kann der andere ihn nur mühevoll entziffern und muß dann lange überlegen, was gemeint sein könnte. Wir geben die Sache auf, nehmen ein Taxi und fahren für 3 Lari wieder zurück zu unserm alten Restaurant, in dem wir auch die letzten beiden Abende schon gegessen haben (heute Aubergine mit Wallnüssen, Kebap, gebratene Kartoffeln, Salat, Brot, Bier und Rotwein, Kaffee für 22 Lari). Die Dame, die die Bestellung im Restaurant aufnimmt setzt sich jetzt schon zu uns, da es immer ein bißchen dauert bis wir alles aus unseren Listen zusammengestellt haben. Fühlen uns schon ein bißchen heimisch und das ist wunderbar. Duschen, Wäsche waschen, Blog und dann das schöne weiß bezogene Bett.

28.6.10 Borjomi

Nach dem Frühstück werden wir aktiv, fahren mit der Marschrutki Richtung Nationalparkverwaltung, um uns dort registrieren zu lassen. Der Nationalpark ist der erste im Kaukasus und er wurde mit Hilfe der deutschen Bundesregierung und des WWF eingerichtet. Er nimmt 1% des Territoriums von Georgien ein. In der Nationalparkverwaltung bekommen wir eine kurze Einführung und eine Routenempfehlung nach unseren Bedürfnissen. Wir wollen mit der kürzesten und einfachsten Route beginnen. Mit einem Taxi fahren wir zum Dorf Kvabiskhevi und zum dortigen Nationalparkeingang. Immer entlang des Kvibis kheve, einem kleinen Fluss, geht es entlang eines lang gezogenen Tales. Unterwegs treffen wir Ranger des Parkes und Waldarbeiter bei der Pause. Nachdem sie uns über den Bach geholfen haben, haben wir schon bald jeder ein volles Glas in der Hand. Hoffentlich keine Wodka denken wir. Gott sei Dank handelte sich nur um eine Kostprobe selbst gemachten Weines. Nachdem unsere Papiere kontrolliert sind verabschieden wir uns schnell von den Herren und laufen und laufen weiter über Wiesen und im Wald, eine wunderbare Wegstrecke bis es nicht mehr weiter geht und sich der Weg verliert. Wir sind völlig verschwitzt , die Natur ist so schön, dass man einfach so weiter laufen möchte. Wir sehen viele Arten Schmetterlinge in allen Farben, die unseren Weg begleiten, viele verschiedene Blumen, besonders schöne Orchideen und sehr alte Bäume, vieles ist uns leider nicht bekannt, hat für uns keinen Namen. Die Natur ist wirklich sehr ursprünglich und unverfälscht, keines Menschen Hand hat hier etwas gemacht. Die Sonne scheint stetig, aber die Bäume geben uns wunderbaren Schatten, so dass das Laufen doch sehr angenehm ist. Wir wandern bis wir müde werden, dann kehren wir zurück. Kaum treffen wir wieder auf die Straße kommt gerade eine Marschrutki, den wir anhalten können. Wir machen für morgen noch die Tour nach Wardzia klar und gehen dann müde heim. Duschen, waschen Wäsche und gehen wieder Forelle essen mit Salat und Brot. Unsere Neuentdeckung sind gebratene Kartoffeln - sehr köstlich. Am nebentisch amüsieren sich junge georgische Frauen bei recht viel Bier und gutem Essen. Sie sind sehr selbstbewußt, modern gekleidet und ungezwungen. Wir sind der türkischen Grenze ja recht nah und wir erinnern uns wie es den Frauen dort in der Osttürkei ergeht, schon ein bißchen anders!

Montag, 28. Juni 2010

27.6.10 Borjomi

27.6.10
Frühstück um acht bei Nana in der Küche. Wir haben uns Haferbrei gewünscht und er schmeckt sehr gut. Nana hat zusätzlich Salat gemacht und so etwas wie “Armer Ritter” (Weißbrot in geschlagenem Ei gewendet und in der Pfanne gebacken, leicht salzig). Wir machen Käsebrote für die Fahrt. Nana begleitet uns noch runter an den Marschrutki und sagt dem Fahrer, wo er uns in Tbilisi rauslassen soll, um uns das Chaos am Busbahnhof Samgori zu ersparen. Als wir das Haus verlassen sehen wir den ungewohnt heiteren Sasa schon mit seinen Kumpeln im Park. Zu unserer Überraschung kommt der gestern so wortkarge Mann lächelnd auf uns zu und verabschiedet uns mit Kuss auf die Wange (wie hier üblich). Wir fahren nach Tbilisi. Auf dem Weg steigt an jeder Ecke noch jemand zu. Immer wieder sortieren sich die Insassen neu, um Platz zu schaffen für die Neulinge, ein großer Dalienstrauß auf dem Schoß einer Frau welkt langsam vor sich hin, ein Kind wird von Schoß zu Schoß gereicht. Immer wieder denkt man, dass nun aber wirklich keiner mehr reingeht, in die dicht gefüllten Reihen. Um eine weitere Frau zusteigen zu lassen, quetscht sich ein Mann schließlich links neben den Fahrer mit auf dessen Sitz, dem bleibt jetzt nur noch ein halber Fahrersitz . Mine und ich protestieren dagegen, daraufhin dreht sich der Fahrer um und sagt “Das ist Georgien!”. In Tbilisi nehmen wir die Metro durch die Stadt von der Haltestelle Isani nach Didube. Dort finden wir in dem Gewimmel unseren Marschrutki nur, weil sich ein Mann erbarmt und uns quer über den Platz in die richtige Ecke führt, alleine ist keine Orientierung möglich, man kann nichts lesen, auch kein Schild mit dem Fahrziel hinter der Windschutzscheibe, alles ist nur in georgischer Schrift. Taxis bieten sich einem an, quälen einen aber auch nicht, wenn man ablehnt. Wir bekommen einen ausgesprochen luxuriösen Kleinbus mit DVD-Anlage und Filmberieselung, er ist wirklich top, Ford Transit. Um 12 Uhr geht es los. Der Fahrer guckt mit einem Auge den Film mit, ist ansonsten bei der Hitze ähnlich schläfrig wie die Mitfahrer. Die Strecke Richtung Kutaisi ist unangenehm, stark befahren, nur zum Teil Autobahn und ansonsten nur zweispurig mit vielen türkischen LKWs und unruhigen Überholmanövern. Zweimal sehen wir auf der Strecke große schachbrettartige Ansammlungen mit hunderten von Minihäusern für georgische Flüchtlinge aus Abchasien und Südossetien. Ein Haus sieht wie das andere aus, dicht an dicht stehen sie, in Reih und Glied, alle in der gleichen Ferbe mit einem roten Dach. Wir zweifeln während der Fahrt, ob wir im richtigen Marschrutki sitzen, was uns etwas streßt. Endlich kommt die Abfahrt nach Bordshomi in Chaschuri und wir können uns entspannen, wir sind doch richtig. Der Bus läßt uns im Zentrum raus und unser erster Eindruck ist der von kleinstädtischer Trostlosigkeit. Bordshomi ist ein alter Kurort, hier gibt es eine berühmte Mineralquelle. Die Stadt liegt im kleinen Kaukasus, im Süden Georgiens und in ihrem Rücken liegt der älteste Nationalpark Georgiens (Nationalpark Bordshomi-Charagauli). Lange Jahre hat sich in diesem Ort die russische Aristokratie erholt, aus ganz Rußland kam man in diesen Ort (das Baden-Baden Georgiens). Der schön restaurierte Bahnhof zeigt den langen alten Fahrplan in georgischer und russischer Schrift, der Ziele in aller Welt anzeigte, zu denen man von hier aus fahren konnte. Jetzt fahren täglich nur noch zwei Züge nach Tbilisi. 1993 mußten dann hier zahlreiche Flüchtlinge in den Sanatorien und Hotels aus Abchasien aufgenommen werden. Wir gehen in das beste Haus am Platze, das Hotel Borjomi, eine schöne Holzvilla aus der Romanow-Zeit. Man spricht nur russisch und georgisch aber irgendwie klappt es. Wir müssen im Voraus zahlen, “Money!” und dazu ein breites Lächeln mit Zahnlücken von der Hotelmanagerin. Danach fragen wir, ob wir Tee trinken können nach der langen Fahrt. Sie nimmt uns mit in den Aufenthaltsraum, wo gerade das Personal gegessen hat. Selbstverständlich bekommen wir Brot, Käse, Chebureki mit Kartoffelfüllung, ein vegetarisches und ein Fleischgericht und natürlich Tee. Essen mit großem Appetit. Danach rufe ich meine Eltern an, allen geht es gut. Sie essen gleich mit Evchen Erdbeertorte mit Sahne. Mine und ich sind gedanklich für das Projekt auch gleich eingenommen, wollen auch Erdbeertorte haben. Gleich spielt England gegen Deutschland im Rahmen der WM in Südafrika. Ob wir irgendwo eine Übertragung finden? In unserem Fernseher im Zimmer finden wir nichts Geeignetes. Erster Gang durch den Ort, verschiedene Grade des Verfalls der Gebäude von “völlig verfallen und verlassen”, “bald verfallen”, “vielleicht geht es noch ein Weilchen” bis zu “das sieht noch ganz gut aus” und “da müssen sie aber unbedingt bald mal...” und “gehört bestimmt der Mafia” bei auffallend luxuriösen Häusern. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 50%. Alkoholismus ist ein riesiges Problem. Gehen in einen kleinen Park und dort in ein Restaurant mit Dachterrasse, trinken türkisch Mokka und Borjomi-Mineralwasser. Am Nebentisch sind englisch sprechende Menschen, die das Restaurant schon bald verlassen. Nach kurzer Zeit kommen sie zurück, fragen, ob sie uns irgendwie behilflich sein können. Es sind Bob und Jill aus New York und London, ein Ehepaar um die 70, die zwei Jahre in Georgien im Rahmen des Peace Corps verbringen (von Kennedy ins Leben gerufen). Sie haben hier Englisch unterrichtet und mitgeholfen hier einige Tourismusprojekte mit zu organisieren/strukturieren. Für Unterbringung und Krankenversicherung lassen sich diese Rentner von der Organisation in ein Land zu einer vermittelnden Friedensarbeit im weitesten Sinne schicken und stellen ihre Erfahrung und Kenntnisse dort (in selbstgewählten Projekten?) zur Verfügung. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch und gehen mit ihnen zu ihren georgischen Gasteltern, wo sie uns Material geben zur Orientierung hier. Sie sind sehr interessante und nette Leute, wir trinken Tee und erfahren dabei das ein oder andere, z. B. das Saakaschwili (der in Amerika Jura studiert hat) mit einer Holländerin verheiratet ist, die Sandra heißt. Die Holländer unterstützen Georgien mit (gebrauchten?) Nutzfahrzeugen, die hier z.B. Sandrabuses heißen. Ganz ,ganz viele Nutzfahrzeuge, Laster, Transporter haben hier noch ihre holländische oder deutsche Aufschrift, Reklame, das haben wir ja schon berichtet. Türkische Produkte vom Kühlschrank, über den Boiler, bis zur Schokolade sind in Georgien auch stark vertreten. Wir wollen Bob und Jill nicht zu lange auf die Nerven gehen, da sie gerade erst wieder angekommen sind aus London, die Koffer stehen noch im Flur. Gerne hätten wir noch mehr von ihnen gehört. Nach diesem unverhofften Zusammentreffen mit diesen positiven und mutigen Menschen sind wir bester Stimmung und sehen alles mit neuen Augen. Natürlich überlegen wir, ob so eine Arbeit nicht auch für uns später eine Option wäre. Wir gehen nochmals zur Touristinformation und bekommen gute Infos von Arthur zu den vielfältigen (!) Unternehmungsmöglichkeiten in der Region. Erfahren auch wo ein Internetcafe ist und gehen mit dem neuen Stadtplan, den Bob uns ausgedruckt hat, zu einem Restaurant, essen Forelle und Salat. Das Restaurant liegt neben und hinter dem völlig verfallenen mehrstöckigen Betonklotz, der ehedem die Post war. Am Nebentisch sitzen junge Männer und trinken in aller ruhe Wodka und Bier. Vor ihnen große Mengen Essen von Maultaschen über Gegrilltes und Chatschapuri und Chebureki. Berge bleiben liegen als sie mit dem Auto davonfahren. Mine gibt kritische Bemerkungen: so ein armes Land mit armen Menschen und so ein Verhalten von vielen jungen Männer. Frauen dagegen erleben wir hier oft als schaffend und unauffälliger. Die Männer träumen von dicken BMWs, Mercedes und wirken oft sehr angeberisch. Vieles in diesem System erinnert Mine an die Türkei der 70er Jahre.

26.6.10 Signagi

Zum Frühstück: Warmer (Hafer)Brei, Maultaschen mit Fleischfüllung, warme angedünstete Auberginen mit Knoblauch und Kerbel, Käse, Apfelmarmelade, Brot, Butter, Marmorkuchen.
Danach fahren wir mit Nanas Mann Sasa in seinem Lada mit Vierradantrieb los. Wir haben heute viel vor. Er ist Polizist in Lagodegi und kommt nur zum Wochenende nach Hause. Man kann ihn sich nur schwer in einem Großraumbüro vorstellen. Wie viele georgische Männer hat er ungemein kräftige Unterarme und große breite Hände. Er trägt eine Sonnenbrille, die er nie abnimmt und versteht es zu schweigen, seine Stimme ist rauchig. Dazu kommt, dass´er “nur” georgisch und sicher russisch spricht, wie die meisten hier. Er erweist sich den ganzen Tag als geduldiger und guter Fahrer und ist uns gegenüber aufmerksam, dennoch guckt er uns weder bei der Begrüßung noch bei der Verabschiedung an. Er nimmt einen jungen ruhigen Mann mit, der offensichtlich schon bei Fahrtantritt schwer alkoholisiert ist. Wir denken, dass er ihm einfach mal was anderes zeigen wollte. Der junge Mann unterhält sich mit ihm, so daß es im Auto nicht so still ist, ansonsten kämpft er fast die ganze Zeit mit dem Schlaf, er ist ein Blatt im Wind, das sieht man. Wir fahren durch diese schöne, schöne, abwechslungsreiche, immer grüne Landschaft, immer hat man Berge am Horizont, die bis weit nach oben dicht bewaldet oder bewachsen sind. Überall ist es grün, üppig und voll. Wir fahren durch Alleen mit wunderbar alten Bäumen (Walnüsse und Schwarzpappeln meist), überall wächst hier Wein, ansonsten Granatapfelbäume, Feigen, Obstbäume aller Art. Die Nektarinen und Pfirsiche sind reif und überall an den Straßen werden sie eimerweise oder direkt aus dem randvollen Kofferraum heraus verkauft. In den wasserreichen Ebenen kreuzen wir immer wieder breite Flußläufe und ihr Schwemmland rechts und links davon. Georgien ist fast überall dörflich, Industrie und Gewerbegebiete sieht man kaum und wenn dann sind es Industrieruinen oder -brachen aus der Postsovjetzeit. Hohe Gebäude oder riesige Anlagen stören den Blick nicht. Reklame in Form von großen Plakatierungen gibt es kaum, wenn dann sind es Handyanbieter oder hier in dem Weinanbaugebiet Vertreter (Monopolisten?) landwirtschaftlicher Dünge- und Spritzmittel. Ab und zu sieht man einen Polizeiwagen (Skoda), auch die Polizisten scheinen viel rumzulungern, hier und da mit einem der vielen Bekannten zu plaudern. Der Eindruck ist insgesamt friedlich und ausgeglichen, manchmal gelangweilt.
Wir fahren zunächst zu der Wehrkirche Gremi, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört (zu Recht). In wunderbarer Lage besteht sie aus einer Festungsanlage mit kleinem Königspalast (15. Jh.), Glockenturm, Erzengelkirche (1565) mit gut erhaltenen Fresken, Weinkeller (Marani). Wieder begegnet uns eine Schlange, die panisch flieht. Kaufen vor der Kirche von einer Oma ein gehäkeltes Kreuz. Wir betrachten die Investition als Spende.
Danach fahren wir nach Alawerdi, dem religiösen Zentrum Kachetiens. Es besteht aus der imposanten Georgskathedrale (11.Jh.) mit Kloster. Der ganze Komplex ist von einer wehrhaften Mauer umgeben. Beim Eintritt bekommen wir einen Wickelrock in dunkler Farbe, den wir noch über unsere lange Hose anlegen müssen. Unser Kopftuch haben wir sowieso immer griffbereit. Die Kathedrale zeigt nur noch wenige Fresken, die meisten wurden im 19. Jh. mit weisser Farbe übertüncht.
Danach geht es ins Kloster Ikalto. Senon, einer der 13 syrischen Missionare soll im 6. Jh. das Kloster Ikalto gegründet haben. Im 12. Jh. hat König Dawit eine Akademie angeschlossen. Drei Kirchen sind zu besichtigen: die Hauptkirche Periszwaleba ist aus dem 8./9. Jh. und soll über dem Grab des heiligen Senon erbaut worden sein. Die Kirche sieht von außen sehr schön aus, ist umgeben von hohen alten Zypressen und Buchsbäumen. Innen bietet sie einen traurigen Anblick. Bauarbeiten sind im Gange.
Danach geht es weiter in die Stadt Telawi, wo wir zunächst eine 900 Jahre alte Ahornplatane bewundern. Danach besichtigen wir Schloss Batonisziche: eine Mauer umschließt den Palast im persischen Stil, die Überreste zweier Kirchen und persischer Bäder. Im Palast befindet sich das Geburtszimmer König Erekles II. Drei Zimmer des Palastes, auch der ehemalige Empfangssaal sind zu besichtigen. Vor dem Schloß steht ein Reiterstandbild des Königs.
Danach geht es nach Zinandali, dem wunderschönen (!) Landsitz des Fürsten Alexander Tschawtschawadse in einem herrlichen Landschaftspark. Der Landsitz mutet ein bißchen persisch im Stil an. Wir kaufen Eintrittskarten und bekommen selbstverständlich eine Führung in deutsch nur für Mine und mich. Die Dame spricht perfekt deutsch und klärt uns über alle Exponate (Geschirr, Gemälde, Möbel, Instrumente) auf. Tschawtschawdse war in Georgien mit der erste, der eine deutliche kulturelle Öffnung nach Europa praktizierte. Auf dem Grundstück sehen wir noch einen alten riesigen Weinkeller mit Weinflaschen von 1840 und später auf hohen Regalen. Als wir unserer Führerin ein Trinkgeld geben wollen, ist sie peinlich berührt und nimmt nicht an. Kaufen eine Kleinigkeit im Museumsshop und trinken eine Tasse Kaffee und essen einen Käsekuchen (nicht so lecker) im Museumscafe.
Wir halten nochmals auf einem Markt, damit Mine Nektarinen kaufen kann, dann geht es heim. Rüsten uns innerlich für den morgigen Tag mit Abreise. Nana ist uns schon sehr lieb geworden. Sasa lebt gegen abend immer mehr auf, erreicht langsam den Zustand schwerer Trunkenheit und wir schlafen zu seinem Poltern und Schimpfen unter uns ein. Arme Nana.

Anmerkung: Wir versuchen uns drei Personen aus der Geschichte Georgiens zu merken, die immer wieder auftauchen:
Dawit der Erbauer: befreite Georgien von den Seldschuken Anfang des 12. Jh., Beginn der Blütezeit des mittelalterlichen Georgiens, Aufstieg zum christlichen Großreich, Dawit ließ Klöster, Kathedralen, Akademien, Straßen und Brücken bauen.
Königin Tamar: Sie ist sehr beliebt und verehrt von den Georgiern, sie markierte Anfang des 13. Jh. Höhepunkt und Ausklang der georgischen Blütezeit. Nie wieder wird Georgien territorial größer sein als unter ihrer Herrschaft (große Teile des heutigen Aserbaidschan und Armenien + Teile der Türkei + Teile Südrusslands gehörten dazu). Das goldene Zeitalter Georgiens endet mit dem Einfall der Mongolen 1220.
Erekle II.: Ende des 18. Jh. unterstellte er Georgien der Schutzherrschaft der russischen Zarin Katharina II, da das Reich immer wieder sehr bedrängt wurde von Türken und Persern.

Samstag, 26. Juni 2010

25.6.10 Signagi

Frühstück um 7:30 Uhr: Gebratene Nudeln, Mini-Maultaschen mit Fleischfüllung, Rührei, dicker süßer Schmand, Apfelmarmelade, Käse, Brot, Tee. Kurz nach acht geht es los, unser Fahrer holt uns ab. Es geht in den Klosterkomplex Dawit Garedscha an der aserbaidschanischen Grenze. Wir haben die Bergstiefel an, da vor giftigen Vipern gewarnt wird. Wir haben einen jungen, sehr netten Fahrer (wie sich im Verlauf des Tages herausstellt) mit dem wir aber in keiner gemeinsam gesprochenen Sprache Worte wechseln können. In zügigem Tempo geht es bergab. Beim Verlassen von Signagi wunderbarer Blick in das unter uns gelegene Alasani-Tal, eine weite Ebene mit den dahinter gelegenen schneebedeckten Bergen des großen Kaukasus. Wir fahren runter von dem Höhenzug, der Kachetien längs durchzieht und kommen in die Ebene, die der Lori durchzieht, dann geht es durch eine fast menschenleere Landschaft leicht bergan in Richtung der Halbwüste an der aserbaidschanischen Grenze. Die Landschaft ist toll. Grüne Hügel ohne Baum und mit wenig Sträuchern, als habe die Erde gekocht und sich grün aufgeworfen. Überall blühen zu dieser Jahreszeit Blumen in der Graslandschaft. Irgendwann steht man vor einem zunächst unspektakulär wirkenden Kloster: der Klosterteil Lavra wurde von Dawit Garedscha gegründet, einem der 13 syrischen Christen, die im 6. Jahrhundert nach Georgien kamen, um hier zu missionieren. In der Region wurden dann nach und nach mehr und mehr Klöster gegründet und auch eine Malschule für Fresken. Die Mongolen zerstörten das Kloster 1265, Timur im 14. Jh. und 1615 wurden hier 6000 Mönche von den Truppen von Schah Abbas ermordet. Später war das Areal Übungsgelände der Sovietarmee, was große Proteste der georgischen Bevölkerung verursachte (zu Zeiten der Perestroika). Nachdem die Sovietarmee abgezogen war, zogen widersinnigerweise die georgischen Streitkräfte ein. Seit 1990 wird Dawit Garedscha wieder als Kloster benutzt. Natürlich ist es superwichtig für die Georgier. Aber die Aserbaidschanis stellen auch Ansprüche an dieses Fleckchen Land (warum?). Wir gingen dann den Hügel hoch, an den das Kloster gebaut ist, um auf der anderen Seite der Kuppe zu dem Klosterteil Udabno zu kommen. Der Ausblick nach Aserbaidschan ist auch grandios, eine weite Ebene dann wieder hohe Berge im Hintergrund. Wir sehen in den Felsen gehauene Kapellen und Kirchen mit Resten von Fresken. Leider ist viel zerstört durch Witterung und Menschenhand, Dennoch ist man erstaunt wie viel Ausdruck man in den dargestellten Szenen erkennt, obwohl nur noch Schemen vorhanden sind. Wir sehen zwei der erwähnten Schlangen (live), die über den Weg huschen, eine ist ziemlich dick und lang und wir erschrecken uns jedes mal sehr, wie auch die Schlangen, die natürlich immer flüchten. Wir lassen uns auf dem Rückweg schon vor Signagi absetzen und laufen in den Ort, genießen nochmals den Ausblick. Trinken Kaffee in unserem bekannten Restaurant. Mine wird wieder geküsst von der netten Frau im Restaurant, weil sie immer wieder versucht georgische Brocken zu produzieren. Sie kündigt uns auf diese Weise für den Abend an. Wir gehen in das sehr schöne ethnographische Museum der Stadt mit archäologischen Funden der Umgebung und schöner Beschriftung auf englisch, einer Abteilung für europäische Malerei mit einem echten Lucas Cranach (der Ältere) und einem Honore Daumier sowie einer Abteilung des georgischen hochverehrten naiven Künstlers Nikolos Pirosmanischwili (Picasso hat ihn gezeichnet). Alles ist wunderbar aufbereitet und ansprechend drapiert. Danach gehen wir heim, duschen, waschen Wäsche und gehen dann essen. Wir bestellen Fisch (leider kalt) mit Essig und Koriander und Kerbel angemacht, dann Fleisch mit kleinen Kartoffeln gebacken im Tontopf, dann Kaschapuri mit massiver Käsefüllung. Dazu gibt es ein großes Glas lieblichen (leider!) Rotwein, den ich unvorsichtigerweise rasch leere, der Mine auf den Magen schlägt, was wiederum ihren Kopf schont. Das Essen in Georgien ist meist - so auch heute - mächtig, fettreich, fleischlastig und leider auch sehr lecker, so dass wir alles aufessen. Wir hoffen diese Cholesterinkur einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Sind guter Stimmung und haben für morgen wieder eine Tour organisiert.
Anmerkung: wir haben bisher keine Süßspeisen in den Restaurants entdeckt (und wir gucken wirklich), keine Konditoreien oder Bäckereien mit süßen Teilchen, Kuchen, Torten. Man kann in den kleinen Läden, in denen es alles gibt (Seife, getrockneten Fisch, Tee, Pralinen, Nudeln...), immer eine größere Ansammlung von offenen, nicht kleinen Kartons finden, mit Keksen, Waffeln etc., die kaufen die Leute und essen sie zum Tee zu Hause.

24.6.10 Signagi

Um neun Uhr gibt es Frühstück: kalte Getreidegrütze (Gerste?), warme Pellkartoffeln mit Dill und Butter, Spiegeleier in einer Brotrinde gebacken, Apfelmarmelade, Käse, Butter, Brot, Salat mit Gurke und Tomate. Wir frühstücken mit den zwei Holländern und einem französischen Pärchen.
Danach beginnt das Käsefestival mit Käseproben aus allen Teilen Georgiens, Ständen die allerlei Handarbeiten (Gefilztes, gestrickte Socken, gestickte Mützen, Fellmützen, emallierten Schmuck, Messingrepliken von alten georgischen Motiven, Glaskunst) verkaufen, georgischen Wein, georgischen Tee. Dazu gibt es Musik- und Tanzvorführungen aller Art. Wir probieren viel Käse und verbringen einige nette Stunden dort. Gehen dann durch die Stadt und durch eines der Stadttore hinaus, folgen der Straße wahrscheinlich Richtung Lagodegi inmitten von undurchdringlichem Grün, ohne das wir einen Abzweig der Straße sehen. Nach einer ganzen Zeit des Laufens halten wir ein Marschrutki in die Gegenrichtung an und fahren wieder bergauf nach Signagi. Trinken dort türkischen Mokka und knabbern dazu kleine getrocknete salzige Fische, ein russisches Produkt, sehr lecker. Schauen danach die kleine St. Stephan Kirche in einem der Wachtürme der Stadtmauer an und danach die St. Georgs Kirche (von außen schöner als von innen). Finden danach einen Internetladen und geben schweißnaß in dem warmen Raum unseren Blog auf. Essen dann unser erstes (abgepacktes) Eis und gehen zu dem kleinen völlig unspektakulären ethnographischen Museum (das war es gar nicht wie sich später herausstellt). Danach gehen wir in unser Zimmer, duschen, waschen Wäsche und trinken dann Tee mit Nana und ihrer Freundin Mzia, die Leiterin der Kunstakademie in Tbilisi ist (?). Die zwei sind sehr selbstbewußte, energische, witzige Frauen und wir lachen bei gebrochenem Englisch viel. Mzia läd uns zu sich ein, wenn wir in Tbilisi sind. Inzwischen bricht wieder ein Höllengewitter los.
Wir gehen essen: Bohnensuppe, georgischer Salat (Erbsen, Möhren, Kartoffeln in weißer Soße), Brot und ich bekomme Khaslama. Letzteres ist ein Haufen gekochter Knochen mit etwas Fleisch dran, sonst ohne alles. Ich beginne mit Messer und Gabel, mir eßbar Erscheinendes (natürlich ist das extrem subjektiv) von Fett, Knochen und anderem zu trennen. Schmeckt ok. Mine lacht sich tot (wir wollten eigentlich kein Fleisch und solches schon gar nicht). Ich soll nie mehr an ihrem Fleisch zu Hause rumfitzkeln.
Morgen machen wir eine Tour nach Dawit Garedscha. Nana hat uns einen Fahrer organisiert. Man kann nur mit einem Taxi dahin kommen, es liegt sehr entlegen und es gibt keinen öffentlichen Transport dorthin.

23.6.10 Signagi

Heute morgen herzliche Verabschiedung von Luise und Kacha. Vorher noch ein kurzes Frühstück in der Morgensonne, der Tisch wird für uns in die richtige Position gerückt. Wir bekommen noch ein Glas selbst gemachten Marmelade mit auf den Weg. Dankbar erinnern wir uns, wie großzügig und familiär uns dieser Ort aufgenommen hat.

Angesicht des langen Tages unterwegs wagen wir nicht, Tee nach Herzenslust zu trinken (richtige Rentnerallüren). Toiletten sind unterwegs rar.
Im 10Uhr-Marschrutki sitzen wir neben einem Paar aus Estland, die permanent schlafen . Wir sitzen wieder in der letzten Sitzreihe und die Schlaglöcher halten uns auf dem Weg in Bewegung.Je tiefer wir von den Bergen runter kommen, desto wärmer wird es. Für die 140 km brauchen wir gut 3 Stunden, kommen in der Mittagshitze in Tbilisi an. Auf den mehrspurigen Straßen in und um Tbilisis spürt man erst so richtig wie wild die Georgier Auto fahren, die Verkehrsregeln werden grosszügig ausgelegt. Es vergeht einem schnell jegliche Lust, selber ein Auto zu mieten. Wir kommen am Busbahnhof Didube an. Hier sieht man ganz überwiegend recht betagte Marschrutkis,keine großen Überlandbusse, nichts Klimatisiertes, viel Rost und Gespachteltes, viele gerissene Windschutzscheiben. Zwischen den dicht an dicht stehenden Maschrutkis sind große Pfützen, Schlamm und Schlaglöcher sowie unzählige Marktstände. Fahrpläne, Nummerierungen von irgendwas, Bahnsteige, für uns lesbare Beschriftungen; Fehlanzeige. Unser Führer hat folgerichtig hier von Rollenkoffern abgeraten. Recht hat er. Wir arbeiten uns über den Platz zur Metrostation vor und fahren in Richtung des anderen Stadtendes zu einem weiteren Busbahnhof an der Metrostation Sangori. Eine Horde bettelnder (Roma?)Kinder zieht durch die Wagons. Die russischen Wagen werden zwischen den Schienen hin- und hergeworfen, es rumpelt mächtig, man hat den Eindruck in hohem Tempo zu fahren. Der Busbahnhof in Sangori ähnelt dem ersten sehr. Das gleiche Chaos. Wir fragen uns durch. Gott sei Dank haben wir die Aussprache unseres neuen Zieles mit Luisa geübt, sodaß man uns wenigestens versteht. Es dauert nicht lange, da haben wir dank vieler Fingerzeige in die richtige Richtung unseren Marschrutki errreicht. Er startet in nur 1 1/2 Stunden und steht sogar teilweise im Schatten. Zeit genug, um doch einmal die hiesigen Toiletten aufzusuchen. Eine Frau führt uns hin, alleine wäre sie für uns unauffindbar gewesen. Mine traut sich zuerst in den finsteren Raum. Bei beißendem Uringeruch sitzen mehrere Frauen dort hinter einem rostigen Drehkreuz und geben an Bedürftige kleine Mengen Klopapier ab. Links herum haben wir die Frauenabteilung: die Toiletten für Frauen bestehen aus einem kleinen Raum mit vier Abtritten - das trifft die Sache wohl am besten. Die einzelnen Örtchen im orientalischen Stil - ohne Spülung allerdings -sind alles andere als still. Sie haben keine Türen und sind auch zu den jeweiligen Nachbarn nur durch Glasbausteine in Kniehöhe getrennt. Privatssphäre null. Jeder kruschelt vor den anderen an seinen Hosen und Röcken rum, hockt sich hin, putzt sich, bringt sich in Ordnung. Wahnsinn. Ich wasche mir die Hände nur weil ein Wasserhahn schon läuft, sonst hätte ich nichts angefaßt. Wir gehen zu unserem Marschrutki zurück, in dem schon unsere großen Rucksäcke liegen. Wir verbringen die 1 1/2 Stunden in dem Kleinbus, da wir uns nicht allzu weit wegtrauen von unserem Gepäck. Essen eine Kleinigkeit von unseren Broten. Wir schauen dem Treiben auf dem Platz zu. Alle sind geduldig trotz der Hitze, es fällt kein lautes Wort, es wird nicht gerufen. Zwischen den leicht demoliert und heruntergekommen wirkenden Wagen schweift unser Blick auf und ab. Gegenüber versuchen zwei Männer ein Sofa und eine Anrichte mit Schnüren auf dem blanken Dach eines Kleinbusses zu verschnüren. Sie geben sich alle Mühe, ziehen die Schnüre durch die offenen Fenster. Einige Motorhauben stehen offen, man widmet sich. Die Männer unterhalten sich im Schatten. Dutzende von Frauen gehen zwischen den Wagen her und bieten Taschentücher, Kaugummi, Eis, riesige Tüten von Flips, Fächer, Haarschmuck, Kinderspielzeug aus buntem Plastik, Gebäck aller Art und Bananen an. Ein nicht enden wollender Strom von Versuchen etwas zu verkaufen flaniert an unserer offenen Wagentür vorbei. Die immer gleichen Frauen kommen an die Tür des Wagens und animieren mit leiernder Stimmen, ziehen nach kurzer Zeit mit schwerem Schritt und geschwollenen Beinen weiter. Die meisten sind ausgesprochen gepflegt angezogen, zum Teil mit blondierten Haaren, hochhackigen Schuhen, Schmuck, Schirm oder Hut gegen die Sonne. Jede hat ihren ganz speziellen Warenaufbau auf ihren zwei Armen. Der Gang der meisten ist eine Mischung aus sich schleppen und stolzieren, hin und her in dieser Hitze ohne dass sich viele Abnehmer finden. Nach anderthalb Stunden geht es endlich los. Das Schaumgummi auf dem Fahrersitz ist zum Teil schon weggesessen und durch eine Plastikauflage ersetzt, von den Anzeigen des Amaturenbrettes funktioniert nur die Uhr. Wir halten nach begonnener Fahrt noch einmal. Auf einem Holzgerüst am Straßenrand hat jemand Motoröl (Sorte?) in alte Limonadenflaschen abgefüllt, der Fahrer kauft einen Liter und füllt ihn vor Ort ein. Im Laufe der Fahrt werden an Ständen am Fahrbahnrand Melonen, Käse, Tomaten aus dem eigenen Garten und die Süßspeise Tschurtschkella (lange braune Süßigkeiten aus dickem Traubensirup und Walnüssen) aufgehängt. Die Gestelle sind mit Gardinen abgedeckt gegen Staub und Fliegen. Geduldig sitzen die Menschen an der Straße.

Wir kommen gegen fünf Uhr in Signagi an. Die Stadt liegt wunderschön, erhöht, zwischen grünen, waldreichen Hügeln. Sie wird für ihren italienischen Flair gerühmt, was stimmt und sicher durch die hohen Zypressen, die überall stehen, unterstützt wird. Die Stadt ist auf den ersten und zweiten Blick herausgeputzt, frisch renoviert durch und durch, alles ist wie aus einem Guß, wie aus einer Zeit, wie frisch gepudert. Andere Touristen sprachen davon es sei hier wie in Disneyland und das stimmt. Vielleicht ist dies ja der erfüllte Traum, den die Georgier selber von ihrem Land haben und der sich wenigstens an einer Ecke realisiert hat. Es gibt hier in diesem kleinen Ort mehrere kleine Restaurants, sogar Bankautomaten, Mülleimer, Springbrunnen, einen Kinderspielplatz, erstaunlich viele Hotels, Bürgersteige, eine Kutsche für Rundfahrten, WLAN-Internet an einem zentral gelegenen Brunnen. Dieser Ort teilt sich einige wenige Touristen. Angesichts der Bettenkapazitäten ist es als habe man sich auf eine zukünftige Zeit vorbereitet.
Wir gehen los und finden rasch, die private Unterkunft von Nana, in der wir uns angekündigt haben. In ihrem alten Haus - frisch renoviert - vermietet sie vier Zimmer. Wir bekommen ein dunkles Zimmer mit vier Betten und einer Tür, in der eine Scheibe fehlt, was aber durch einen Vorhang verdeckt ist. Bad ist auf dem Flur. Wir sind fertig von der Reise und schlagartig deprimiert. Gott sei Dank sagt Mine nicht sofort: “Hier bleibe ich nicht”, denken tuen wir es sicher im gleichen Moment. Während Nana kraftvoll die Betten bezieht, “no problem”, sammeln wir uns und fragen schließlich, ob es auch ein anderes Zimmer gäbe. Eigentlich nein. Sie zeigt uns dennoch eins und wir greifen sofort zu, die Optik ist besser, es gibt ein Bad und einen Balkon. Dennoch ist Mine von den Mißlichkeiten des Tages total unterminiert und sieht vorerst keinen Sinn in unseren derzeitigen und möglicherweise auch zukünftigen Reiseaktivitäten in Georgien und Armenien sowieso. Das macht mich wiederum ratlos und so sind wir beide kurzfristig ein Häuflein.
Nana Kokiaschwili, unsere Vermieterin, ist ein echtes Energiebündel, ihre Hand rührt in allen Töpfen. Sie rennt immer hin uns her, versucht alles im Blick zu behalten. Sie ist für die Tourismusentwicklung im Ort zuständig/wichtig und morgen ist das Käsefestival des Ortes. Noch viel ist zu tun. Zwei junge Holländer verweisen auf irgendeine Homepage von Signagi, auf der stand, man könne hier Paragliding machen. Sie hätten E-mail Kontakt mit jemandem gehabt. Wie es damit stünde? Nana lacht nur, so etwas gibt es hier nicht. Vielleicht ist sie auch ein Schlitzohr?
Wir duschen und gehen essen. Kaum angekommen in dem Restaurant, fängt es an zu hageln (aber wie) und danach regnet es sintflutartig (ehrlich). Der Strom fällt aus und bei Kerzenlicht essen wir wieder Aubergine mit Walnussfüllung, Khinkali mit Pilzfüllung, Kharcho-Suppe, Brot Bier, Kaffee. Die Frauen in dem Restaurant sind rührend bemüht, Mine wird zum Abschied geküsst (weil es ihr geschmeckt hat?). Wir zahlen für alles 24 Lari.

Donnerstag, 24. Juni 2010

22.6.10 Kasbegi

Nicht erst heute fällt es uns schwer, zu sehen wie sich Luisa bemüht, es uns gut zu machen. Trotzdem sie noch nicht sehr alt ist, wirkt sie doch sehr erschöpft und krank. Dennoch kocht und macht sie den ganzen Tag, bereitet immer mehrere Gerichte zum essen vor. Wir sind ja ihr Broterwerb, das ist nicht schwer zu verstehen und jeder Tag, den wir länger bleiben, weil es uns so gut gefällt, ist für sie und die Ihren ein Gewinn. Wir machen es ihr so leicht wie möglich, aber dennoch sehen wir wie müde sie ist und wie erschöpft dort zwischen ihren vielen Töpfen und Pfannen und Tigeln. Das Wetter ist weiter wechselhaft, zum abend regnet es immer, tagsüber ist es bewölkt und dann wieder kurz sonnig, bisher sind wir mit einigem Glück nie naß geworden. Dennoch haben die Landschaft und die Dörfer etwas vergessenes, unerwecktes, träges, unerfülltes. Viele Menschen (besonders Männer) haben keine Arbeit, Alkohol spielt eine große Rolle, schon vormittags trifft man viele Männer mit schwerer Fahne. Wir sehen hier wenig Gärten außer denen unmittelbar am Haus, die den Menschen ja eine Möglichkeit zu Initiative und Broterwerb wären. Das Land scheint sehr fruchtbar. Wir fantasieren, dass die Menschen die Versorgung durch Rußland im Kleinen wie im Großen gewohnt waren und den Sprung weg vom Nabel nicht gut überstanden haben. Gas war früher hier scheinbar in Hülle und Fülle zu billligen Preisen zu haben. Man sieht in der Landschaft immer wieder eine Pipeline, die wir für eine Gasleitung (aus Rußland) halten. Luisa hat hinter dem Haus ein großes Gewächshaus, das sie immer schön mit Gas beiheizt hat und dort alles mögliche aufziehen konnte. Jetzt ist das nicht mehr möglich, da die Gaspreise so in die Höhe gegangen sind. Sie kocht mit Gas in Flaschen, die sie immer im Nachbarort befüllen muß. Von Heizen spricht hier leider keiner, obwohl es abends frisch wird. Wir haben verstanden, dass hier Warmwasser und Heizung mit Strom aus der Steckdose funktionieren. Vieles reimen wir uns so zusammen und nicht alles wird stimmen, manches schon.
Mine ist heute nicht so gut mit Kopf- und Rückenschmerzen und wir wollen es langsam angehen lassen. Man muß sich immer wieder bremsen und besinnen und nicht zu viel erwarten vom Tag.
Wir gehen über die Brücke und wandern entlang des brausenden Tergi durch die breite Flußlandschaft in Richtung Sioni. Ohne Auto oder Taxi hat man nicht so sehr viele Möglichkeiten zu Touren. Es gibt auch fast keine ausgeschilderten oder markierten Wanderwege. So laufen wir wieder parallel zur Heerstraße, heute in die entgegengesetzte Richtung von gestern. Wir sehen ungemein viele prächtig blühende Wiesen mit einer Vielzahl von wunderbaren Wildblumen. Viele dieser üppigen Wiesen sind umzäunt und wir fragen uns, ob sie geerntet werden und wofür. Wir passieren viele Pfützen auf unserem Weg, in denen munter Kaulquappen schwimmen. Ihr gesamter Entwicklungszyklus scheint in den Pfützen gewährleistet bei dem reichlichen Niederschlag hier in der Gegend und der Größe der Pfützen. Die Kaulquappen müssen im schlechtesten Fall ein bißchen zusammenrücken. Wir sehen einige Wehrtürme, die hier in den Dörfern früher als Unterschlupf und sicherer Ort dienten. In den Orten und Dörfern treffen wir umherlaufende Hühner und robust wirkende kleine Schweine (nicht rosa), viele Rinder. Vor den Hunden hüten wir uns ein bißchen, man will sie nicht beim Bewachen stören. Unterwegs trinken wir in einer unspektakulären Gaststätte Kaffee und Tee. Ein kleiner Lada mit russischem Kennzeichen und drei Männern und einem kleineren Jungen fahren vor. Zwei der Männer spielen wüst mit dem Kind, man sieht nur wie die Körper zwischen Rückbank und Vordersitzen rasch hin- und herwechseln wie beim Fangenspielen. Das Spiel sieht derb aus, aber das Kind lacht. Wir würden uns nicht wundern, wenn der Lada gleich auf der Seite liegt, es ist als wenn Riesen spielen. Irgendwann endet unser Weg zwischen hüfthohen Blumen auf einem kleinen Friedhof. Wir kehren um. Machen ein Picknick und kehren unter trübem Himmel heim.
Können zur Zeit keinen Blog aufgeben, da es hier kein Internetcafe gibt. Wir sehen nur wenige Touristen (bisher ein Kleinbus Japaner/Chinesen, zwei Slowenen, zwei Engländer, zwei Franzosen, einige Südafrikaner, Azeris). Ob die Saison erst noch kommt? Einige Buden scheinen sich zu rüsten so etwas wie ein Cafe zu werden.
Zum Abendessen haben wir heute Suppe mit Huhn, gebratenen Fisch mit Reis, Brot und Bratlinge mit Möhren geraspelt, Fleisch, Kümmel und Fenchel.
Wir rüsten uns für die Abreise morgen. Haben es Luisa schon gesagt (“Könnt Ihr nicht noch einen Tag bleiben”?). Morgen geht es nach Signagi, haben dort schon eine Unterkunft arrangiert.

21.6.10 Kasbegi

Werden auf dem Dorfplatz von Wassili angesprochen, der mit seinem Lada neben uns hält und gleich die Karte auf der Kühlerhaube ausbreitet. Wir möchten die Karte kaufen, er will eine Tour verkaufen mit sich als Fahrer. Wir versuchen uns als Fußgänger durchzusetzen, was schließlich gelingt. Wir laufen heute auf der georgischen Heerstraße in Richtung russische Grenze, gehen dabei durch die immer enger werdende Gariali Schlucht (entlang des Tergi Flusses). Es ist so gut wie kein Verkehr auf der Straße, ab und an kommt ein einzelnes Auto in gemessenem Tempo wegen der mäßigen Straßenverhältnisse. Einen Tunnel (nicht mehr als ein Loch im Berg, ohne Licht, von dessen Wänden und Decke es tropft) umgehen wir, da er uns unheimlich ist. Die Landschaft ist grandios. Die Straße ist oft direkt in den Fels gehauen, schlängelt sich an den Wänden der Berge entlang. Die Brücken sehen erbärmlich aus, an einer Stelle versucht man ein weiteres Abrutschen der Straße zu verhindern und die Böschung zu stabilisieren. Der Tergi zu unserer rechten tobt durch die Schlucht und man ist ganz taub von dem Geräusch. Wir kommen vorbei am Wasserfall in Geveleti, sehen von weitem den Gletscher an der Ostflanke des Kasbek (Devdoraki Glacier). Kurz vor der Grenze kommen uns vier ukrainische Laster entgegen, die gerade die Grenze passiert haben. Was für eine Strecke sie noch vor sich haben. Wir gehen bis zur Grenze, die unspektakulär ist. Dort sieht man auf der einen Seite Überreste von Tamars Castle auf der anderen Seite den aufwändigen Neubau einer großen Kirche (warum da?), zudem ein paar verlassene Buden, wo zu Zeiten als die Grenze belebter und frequentierter war, Essen und Trinken und Allerlei verkauft wurde. Schade, wir haben nix mehr davon. Nach einem Picknick geht es zurück. Ein Polizeiwagen hält neben uns und bietet an, uns mit zurück nach Kasbegi zu nehmen. Wir steigen zu und holpern bei lauter italienischer Musik die kurvige Strecke in Windeseile (Macho) zurück.
Im Ort gibt es eine “Bude”, wo ein paar Frauen Tee und Kaffee und Essen kochen. Wir trinken guten türkischen Kaffee und Mine hört am Nebentisch, dass einige Worte türkisch gesprochen werden. Im Vorübergehen wünscht sie den Leuten “Afiyet olsun”, “Guten Appetit” auf türkisch. Der Mann identifiziert Mine nach dem folgenden kurzen Dialog sofort als Türkin (er ist Azeri), springt auf, macht Anstalten Stühle für uns an den üppig gedeckten Tisch zu rücken und läd uns sofort zum Mitessen ein. So eine offene Freude eine(n) andere(n) Türken/in zu treffen. Ich bin echt beeindruckt von dieser überschwenglichen Liebenswürdigkeit, die ich besonders von den Türken kenne. Da war sie wieder. Im nächsten Urlaub geht es nach Azerbaidschan, es ist unübertrefflich, sich verständigen zu können (und das geht ja in Azerbaidschan mit türkisch)! Gehen noch ein bißchen durch den Ort und dann heim. Zum Abendessen gibt es: Suppe mit Walnußkernen, gebratene rohe Kartoffeln mit Soße aus saurer Sahne, kaltes Huhn, Brot, Rotwein. Trinken den geschenkten Wein mit Kacha und später mit Luisa. Singen noch ein bißchen für Luisa auf deutsch und türkisch.