Freitag, 9. Juli 2010

5.7.10 Mestia

Schon vor dem Frühstück schauen wir im Garten dem Opa zu, der Schnaps destilliert. Unter dem Kessel mit Überlauf brennt ein Feuer und dann geht alles wassergekühlt durch ein zweites Gefäß (Spirale innen?) und am Ende rinnt es ununterbrochen in eine riesige Flasche. Bekommen eine noch lauwarme Kostprobe und schauen uns seine Technik an. Dann gibt es Früstück: Brot, Spiegeleier, ein warmes Auberginengericht mit Tomaten, Paprika und Zwiebeln, frisch gebackene Chvishdari (Swanetische Nationalspeise: gebackene Püfferchen aus Maismehl gemischt mit Käse), Kuchen, Marmelade, Kaffee. Es schmeckt wunderbar. Danach gehen wir zum kleinen “Swaneti Tourism Center” in unserer Straße (gefördert von der Friedrich Ebert Stiftung). Sie geben uns Flyer von den Touren, die wir in den Bergen gerne gehen möchten und organisieren bei Bedarf einen Bergführer, Pferde oder einen Fahrer. Für heute besteigen wir den Hausberg, gehen bis zum Kreuz auf dem Berg (Tskhakvagari). Irgendwo beginnt ein junger Hund uns zu folgen, der den ganzen Tag nicht von unserer Seite weicht. Er geht mit uns die ganze Strecke, rastet mit uns. Er bellt die wenigen Fremden an, die an uns vorbeigehen, verteidigt uns und irgndwann beginnen wir auch die großen Hunde mit Steinen zu verjagen, die mit ihm die Rangordnung in einer Rangelei und Beißerei klarstellen wollen. Gerne hätten wir immer so einen Gefährten. Wenn wir hier nur im Allgäu wären, würden wir ihn vielleicht mitnehmen. Er gehört hier niemandem. Wir steigen auf steilen Pfaden ca. 800 Höhenmeter und sind schweißnaß als wir oben am Kreuz ankommen. Die Aussicht ist entlohnend. Wir machen ein kleines Picknick und auch der Hund bekommt seinen Teil Kuchen und Nationalspeise Chvishdari und Wasser (aus der Flasche). Danach steigen wir auf einem anderen Weg wieder ab. Von unterwegs rufen wir im Tourist Center an und sagen, dass sie uns für morgen einen Fahrer für die Fahrt nach Ushguli besorgen sollen (150 Lari), gerne jemanden der ein paar Worte Englisch spricht. Auch wir wollen in das weiter entlegene Swanetien und über die Dörfer fahren. Die Straße nach Ushguli muß furchtbar sein. Für die 48km brauch man 2,5 bis 3h. Von unserer Tour unten angekommen in Mestia gehen wir einen Kaffe trinken und treffen die netten Spanier wieder, die wir schon am Vortag getroffen hatten. Sie wollen morgen mit Kind und Kegel zu einem Gletscher reiten. Wir müssen noch Geld tauschen, damit wir morgen den Fahrer bezahlen können, gehen daher in einen Laden und fragen, ob sie bereit sind, das für uns zu machen. Sind sie, allerdings zu einem schlechten Kurs. Aus dem Geldautomaten hier in Mestia kriegen wir kein Geld heraus. Im Laden spricht uns etwas ungelenk ein angetrunkener Mann mit Bier in der Hand auf Englisch an. Ob wir die beiden deutschen Frauen wären, die morgen nach Ushguli fahren wollen? Ja. Dann wäre er unser Fahrer, die Tourist Information hätte ihn angerufen. Ich spüre wie sich Mines Nackenhaare aufstellen und wir hoffen gemeinsam, dass es sich um eine Verwechslung handelt und gehen heim. Als wir zu unseren Gasteltern kommen, sind vier Israelis angereist. Unser familiäres Miteinander hat sich damit aufgelöst, unsere Gastfamilie ist fast gar nicht mehr zu sehen. Zwei von den Israelis (sie sind eigentlich Amerikaner aus New York, leben aber zur Zeit in Israel) ernähren sich koscher. Wir treffen Mikel das erste Mal mit einem Plastikbeutel, in dem ca. lose 20 Eier sind. Was er vor hätte, fragen wir. “Proteins, you know” und dann erzählt er ein bißchen. Sie haben also neben ihrem Rucksack eine große Tasche dabei mit einem Topf, Plastikgeschirr und -besteck, Kochlöffel und koscheren Lebensmitteln für 4 Wochen. Gemüse und Eier kaufen sie hier in den Läden. Schlachten tut hier ja keiner koscher, Brot bäckt hier keiner koscher und Listen mit koscheren Lebensmitteln gibt es für Georgien im Internet nicht (für Deutschland und Amerika schon). Sie bekochen sich selber und wachen über ihre Kochutensilien. Wenn nur einmal etwas unkoscheres damit passiert, ist es nicht mehr zu retten. Der nette junge Mikel mit Kipa träumt von Katschapuri, das hier überall duftet, darf es aber nicht essen, da es nicht koscher ist. Essen gemeinsam zu abend und unterhalten uns nett. Später winkt der Opa des Hauses Mine nochmals zu sich ran und gießt uns aus einem großen Schraubdeckelglas von seiner neuen Tagesproduktion an Wodka nochmals ein Gläschen ein. Trotz dessen Konsums sind wir nach der körperlichen Anstrengung des Tages noch lange putzmunter. Als wir das Licht löschen schwirrt ein leuchtender, genaugenommen blinkender, kleiner Lichtball durch unser Zimmer, von rechts nach links, von oben nach unten, kreuz und quer. Er ist viel viel größer als ein Glühwürmchen und leuchtet nicht kontinuierlich, aber es muß irgend ein phosphorisierender (oder luminiszierender?) Falter sein. Lange schauen wir zu.

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