Samstag, 26. Juni 2010

23.6.10 Signagi

Heute morgen herzliche Verabschiedung von Luise und Kacha. Vorher noch ein kurzes Frühstück in der Morgensonne, der Tisch wird für uns in die richtige Position gerückt. Wir bekommen noch ein Glas selbst gemachten Marmelade mit auf den Weg. Dankbar erinnern wir uns, wie großzügig und familiär uns dieser Ort aufgenommen hat.

Angesicht des langen Tages unterwegs wagen wir nicht, Tee nach Herzenslust zu trinken (richtige Rentnerallüren). Toiletten sind unterwegs rar.
Im 10Uhr-Marschrutki sitzen wir neben einem Paar aus Estland, die permanent schlafen . Wir sitzen wieder in der letzten Sitzreihe und die Schlaglöcher halten uns auf dem Weg in Bewegung.Je tiefer wir von den Bergen runter kommen, desto wärmer wird es. Für die 140 km brauchen wir gut 3 Stunden, kommen in der Mittagshitze in Tbilisi an. Auf den mehrspurigen Straßen in und um Tbilisis spürt man erst so richtig wie wild die Georgier Auto fahren, die Verkehrsregeln werden grosszügig ausgelegt. Es vergeht einem schnell jegliche Lust, selber ein Auto zu mieten. Wir kommen am Busbahnhof Didube an. Hier sieht man ganz überwiegend recht betagte Marschrutkis,keine großen Überlandbusse, nichts Klimatisiertes, viel Rost und Gespachteltes, viele gerissene Windschutzscheiben. Zwischen den dicht an dicht stehenden Maschrutkis sind große Pfützen, Schlamm und Schlaglöcher sowie unzählige Marktstände. Fahrpläne, Nummerierungen von irgendwas, Bahnsteige, für uns lesbare Beschriftungen; Fehlanzeige. Unser Führer hat folgerichtig hier von Rollenkoffern abgeraten. Recht hat er. Wir arbeiten uns über den Platz zur Metrostation vor und fahren in Richtung des anderen Stadtendes zu einem weiteren Busbahnhof an der Metrostation Sangori. Eine Horde bettelnder (Roma?)Kinder zieht durch die Wagons. Die russischen Wagen werden zwischen den Schienen hin- und hergeworfen, es rumpelt mächtig, man hat den Eindruck in hohem Tempo zu fahren. Der Busbahnhof in Sangori ähnelt dem ersten sehr. Das gleiche Chaos. Wir fragen uns durch. Gott sei Dank haben wir die Aussprache unseres neuen Zieles mit Luisa geübt, sodaß man uns wenigestens versteht. Es dauert nicht lange, da haben wir dank vieler Fingerzeige in die richtige Richtung unseren Marschrutki errreicht. Er startet in nur 1 1/2 Stunden und steht sogar teilweise im Schatten. Zeit genug, um doch einmal die hiesigen Toiletten aufzusuchen. Eine Frau führt uns hin, alleine wäre sie für uns unauffindbar gewesen. Mine traut sich zuerst in den finsteren Raum. Bei beißendem Uringeruch sitzen mehrere Frauen dort hinter einem rostigen Drehkreuz und geben an Bedürftige kleine Mengen Klopapier ab. Links herum haben wir die Frauenabteilung: die Toiletten für Frauen bestehen aus einem kleinen Raum mit vier Abtritten - das trifft die Sache wohl am besten. Die einzelnen Örtchen im orientalischen Stil - ohne Spülung allerdings -sind alles andere als still. Sie haben keine Türen und sind auch zu den jeweiligen Nachbarn nur durch Glasbausteine in Kniehöhe getrennt. Privatssphäre null. Jeder kruschelt vor den anderen an seinen Hosen und Röcken rum, hockt sich hin, putzt sich, bringt sich in Ordnung. Wahnsinn. Ich wasche mir die Hände nur weil ein Wasserhahn schon läuft, sonst hätte ich nichts angefaßt. Wir gehen zu unserem Marschrutki zurück, in dem schon unsere großen Rucksäcke liegen. Wir verbringen die 1 1/2 Stunden in dem Kleinbus, da wir uns nicht allzu weit wegtrauen von unserem Gepäck. Essen eine Kleinigkeit von unseren Broten. Wir schauen dem Treiben auf dem Platz zu. Alle sind geduldig trotz der Hitze, es fällt kein lautes Wort, es wird nicht gerufen. Zwischen den leicht demoliert und heruntergekommen wirkenden Wagen schweift unser Blick auf und ab. Gegenüber versuchen zwei Männer ein Sofa und eine Anrichte mit Schnüren auf dem blanken Dach eines Kleinbusses zu verschnüren. Sie geben sich alle Mühe, ziehen die Schnüre durch die offenen Fenster. Einige Motorhauben stehen offen, man widmet sich. Die Männer unterhalten sich im Schatten. Dutzende von Frauen gehen zwischen den Wagen her und bieten Taschentücher, Kaugummi, Eis, riesige Tüten von Flips, Fächer, Haarschmuck, Kinderspielzeug aus buntem Plastik, Gebäck aller Art und Bananen an. Ein nicht enden wollender Strom von Versuchen etwas zu verkaufen flaniert an unserer offenen Wagentür vorbei. Die immer gleichen Frauen kommen an die Tür des Wagens und animieren mit leiernder Stimmen, ziehen nach kurzer Zeit mit schwerem Schritt und geschwollenen Beinen weiter. Die meisten sind ausgesprochen gepflegt angezogen, zum Teil mit blondierten Haaren, hochhackigen Schuhen, Schmuck, Schirm oder Hut gegen die Sonne. Jede hat ihren ganz speziellen Warenaufbau auf ihren zwei Armen. Der Gang der meisten ist eine Mischung aus sich schleppen und stolzieren, hin und her in dieser Hitze ohne dass sich viele Abnehmer finden. Nach anderthalb Stunden geht es endlich los. Das Schaumgummi auf dem Fahrersitz ist zum Teil schon weggesessen und durch eine Plastikauflage ersetzt, von den Anzeigen des Amaturenbrettes funktioniert nur die Uhr. Wir halten nach begonnener Fahrt noch einmal. Auf einem Holzgerüst am Straßenrand hat jemand Motoröl (Sorte?) in alte Limonadenflaschen abgefüllt, der Fahrer kauft einen Liter und füllt ihn vor Ort ein. Im Laufe der Fahrt werden an Ständen am Fahrbahnrand Melonen, Käse, Tomaten aus dem eigenen Garten und die Süßspeise Tschurtschkella (lange braune Süßigkeiten aus dickem Traubensirup und Walnüssen) aufgehängt. Die Gestelle sind mit Gardinen abgedeckt gegen Staub und Fliegen. Geduldig sitzen die Menschen an der Straße.

Wir kommen gegen fünf Uhr in Signagi an. Die Stadt liegt wunderschön, erhöht, zwischen grünen, waldreichen Hügeln. Sie wird für ihren italienischen Flair gerühmt, was stimmt und sicher durch die hohen Zypressen, die überall stehen, unterstützt wird. Die Stadt ist auf den ersten und zweiten Blick herausgeputzt, frisch renoviert durch und durch, alles ist wie aus einem Guß, wie aus einer Zeit, wie frisch gepudert. Andere Touristen sprachen davon es sei hier wie in Disneyland und das stimmt. Vielleicht ist dies ja der erfüllte Traum, den die Georgier selber von ihrem Land haben und der sich wenigstens an einer Ecke realisiert hat. Es gibt hier in diesem kleinen Ort mehrere kleine Restaurants, sogar Bankautomaten, Mülleimer, Springbrunnen, einen Kinderspielplatz, erstaunlich viele Hotels, Bürgersteige, eine Kutsche für Rundfahrten, WLAN-Internet an einem zentral gelegenen Brunnen. Dieser Ort teilt sich einige wenige Touristen. Angesichts der Bettenkapazitäten ist es als habe man sich auf eine zukünftige Zeit vorbereitet.
Wir gehen los und finden rasch, die private Unterkunft von Nana, in der wir uns angekündigt haben. In ihrem alten Haus - frisch renoviert - vermietet sie vier Zimmer. Wir bekommen ein dunkles Zimmer mit vier Betten und einer Tür, in der eine Scheibe fehlt, was aber durch einen Vorhang verdeckt ist. Bad ist auf dem Flur. Wir sind fertig von der Reise und schlagartig deprimiert. Gott sei Dank sagt Mine nicht sofort: “Hier bleibe ich nicht”, denken tuen wir es sicher im gleichen Moment. Während Nana kraftvoll die Betten bezieht, “no problem”, sammeln wir uns und fragen schließlich, ob es auch ein anderes Zimmer gäbe. Eigentlich nein. Sie zeigt uns dennoch eins und wir greifen sofort zu, die Optik ist besser, es gibt ein Bad und einen Balkon. Dennoch ist Mine von den Mißlichkeiten des Tages total unterminiert und sieht vorerst keinen Sinn in unseren derzeitigen und möglicherweise auch zukünftigen Reiseaktivitäten in Georgien und Armenien sowieso. Das macht mich wiederum ratlos und so sind wir beide kurzfristig ein Häuflein.
Nana Kokiaschwili, unsere Vermieterin, ist ein echtes Energiebündel, ihre Hand rührt in allen Töpfen. Sie rennt immer hin uns her, versucht alles im Blick zu behalten. Sie ist für die Tourismusentwicklung im Ort zuständig/wichtig und morgen ist das Käsefestival des Ortes. Noch viel ist zu tun. Zwei junge Holländer verweisen auf irgendeine Homepage von Signagi, auf der stand, man könne hier Paragliding machen. Sie hätten E-mail Kontakt mit jemandem gehabt. Wie es damit stünde? Nana lacht nur, so etwas gibt es hier nicht. Vielleicht ist sie auch ein Schlitzohr?
Wir duschen und gehen essen. Kaum angekommen in dem Restaurant, fängt es an zu hageln (aber wie) und danach regnet es sintflutartig (ehrlich). Der Strom fällt aus und bei Kerzenlicht essen wir wieder Aubergine mit Walnussfüllung, Khinkali mit Pilzfüllung, Kharcho-Suppe, Brot Bier, Kaffee. Die Frauen in dem Restaurant sind rührend bemüht, Mine wird zum Abschied geküsst (weil es ihr geschmeckt hat?). Wir zahlen für alles 24 Lari.

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