Der Tag beginnt heute früher als sonst. Wir wissen nicht, wie schwierig oder leicht es am Busbahnhof Didube sein wird, ein Marschrutki oder einen Bus nach Kazbegi zu finden und starten daher eher als sonst. Wir nehmen nach dem Frühstück ein Taxi. Mine hat die Essentials in Georgisch parat und müht sich redlich. Wie so oft bei den Georgiern, sieht man bei unserem Taxifahrer kaum eine erkennbare Regung in seinem Gesicht, die Verstehen, Skepsis, Mißfallen, Gefallen o.ä. andeutet. Stumm fahren wir durch die Stadt. Am Busbahnhof bemüht sich aber der Fahrer sehr uns in diesem Wahnsinnsgewirr an die richtige Stelle zu bringen, immer wieder fragt er selber nach und schlängelt sich in der Enge mit dem Taxi durch. Endlich finden wir den Maschrutki. Mit knappen Gesten werden wir von einem sonnenbebrillten Mann wortlos angewiesen zu zahlen, den großen Rucksack in den Kofferraum zu legen und einzusteigen. Schon bald geht es los. Ich sitze neben einer großen Teppichrolle und einem netten Usbeken aus Samarkant. Mine hat Platz für eine Pobacke neben einem XXL Georgier. Über den kleinen Gang sitzt eine gut deutsch sprechende Anthropologin von der Uni, die ihren Bruder besuchen will. Sie hat promoviert über alte deutschsprachige Reiseberichte über den Kaukasus und spricht daher sehr gut Deutsch. Leider erschöpft sich das Gespräch rasch. Mine versucht sie über politische Themen wie zum Beisspiel das derzeitige Verhältnis zu Rußland zu befragen und man merkt ihr Befangenheit und Zurückhaltung an. Ob man so etwas in der Öffentlichkeit besser nicht bespricht? Die Georgier kommen uns oft (im Vergleich zu den Türken) sehr europäisch, etwas distinguiert, zurückhaltend vor. Kein Vergleich mit den immer neugierigen, offenherzigen Türken. Unser Usbeke ist aber ein Gewinn, mit pantomimischer Gabe ausgestattet, munter und mitteilsam verkürzt er uns die Zeit. Er ist LKW-Fahrer, kennt unsere heutige Strecke gut, denn er fährt Aprikosen von Armenien (Ararattal) über Georgien nach Moskau. Er braucht jeweils 2 1/2 Tage für eine Strecke, währenddessen nur “Kaffee, Kaffee, Kaffee” dazu deutet er einen wilden Herzschlag auf der Brust an und lacht. Von Moskau fährt er dann mit Bier zurück nach Armenien. Jetzt steht sein LKW an der georgisch-russischen Grenze und er hatte Probleme mit Papieren, mußte seinen LKW stehenlassen und mit dem Bus nach Tbilisi fahren, um dort seine Papiere zu ergänzen. Jetzt war er auf dem Weg zurück zu seinem LKW. Es ist immer wieder erstaunlich, aber von den gebrochenen Verständigungsversuchen anderer versteht Mine oft viel mehr als ich, für mich müßte man “ordentlich” sprechen, meint sie. Wir fahren entlang der georgischen Heerstraße immer Richtung Norden und entlang des Flusses Aragvi und später des Tergi. Die Straße wurde u.a. mit Hilfe vieler deutscher Kriegsgefangener aus dem zweiten Weltkrieg ausgebaut. Sie geht von Tbilisi über den Kaukasus nach Vladikavkaz in Russland. Schon vor Urzeiten ein Karavanenweg, wurde er seit Ende des 18.Jhds bis Mitte des 19.Jhds unter unsäglichen Mühen erbaut und hatte immer wieder große strategische Bedeutung. Man überquert den Jvari Pass auf 2379m nach endlosen Serpentinen und dann geht es leicht bergab in das hoch gelegene Tergi-Tal. Mühsam windet sich die Straße hoch in die Berge und entlang der Hänge, ist über einige Kilometer nur eine Schotterpiste voller Schlaglöcher, sonst eine asphaltierte, relativ schmale Straße wechselnder Qualität. Die Fahrt geht durch eine tolle Bergwelt. Von unserer Sitzposition in dem vollen Kleinbus sehen wir aber nur kleine Ausschnitte davon, kein Panoramablick. 20km entfernt von der Grenze liegt Kazbegi (oder auch Stepantsminda) welches in wunderbarem Bergpanorama auf ca. 1750m Höhe liegt. Die Grenze zu Rußland war drei Jahre geschlossen, wurde jetzt aber kürzlich wieder geöffnet. Die Georgier bekommen aber kaum ein Visum (alle anderen schon) und können daher in Russland nicht arbeiten und die Arbeitsmöglichkeiten in Kazbegi und Umgebung sind verschwindend gering. Der Verlust Georgiens muß die Russen besonders geschmerzt und gekränkt haben und sie zeigen sich in vielem weiterhin beleidigt. Wir treffen bei Regen in Kazbegi ein und wie versprochen holt uns Kacha, der Sohn von Luisa, ab. Wir werden freundlich und herzlich empfangen im Haus von Luisa und ihren beiden erwachsenen Söhnen. Luisa hat die rechte Hand noch voll Teig für die Khachapuri (mit einer Mischung aus Unmengen von Käse und Margarine gefüllter Teigfladen, gebacken) als sie aus ihrer Sommerküche im Hof tritt, zeigt uns aber alles in ihrem Haus und sagt wir sollen uns wie zu Hause fühlen. Ihr Haus ist eine für uns etwas ungewohnte Aneinanderreihung von Zimmern. Hinein kommt man von außen direkt ins Wohnzimmer. Darin steht ein riesiges Sofa vor einem Wandteppich, ein alter geschnitzter Schrank ihres Vaters, ein Kamin, der leider rußt und nicht benutzt werden kann, Eßtisch und Stühle und ein Anrichte mit Geschirr und Gläsern in einer Vitrine. Von dort geht man in einen kleinen Flur mit Klavier und zahlreichenHeiligenbildern und kommt von dort in drei Schlafräume mit vielen Betten. Vom Wohnzimmer kommt man auf der anderen Seite in ein kleines Durchgangszimmer mit einer riesigen Truhe und zwei Betten hinter einem Vorhang. Von dort gelangt man in einen kleinen Vorraum, der wieder nach draußen führt und zum anderen in ein kleines Badezimmer mit Wanne, Toilette (bitte kein Papier reinwerfen, die Marke hier geht nie unter) und Waschbecken. Vom Flur geht es auch in die Winterküche. Überall sind rot gestrichene Bodendielen. Die Sommerküche ist eine kleine Holzhütte auf dem Hof. Hier pulsiert immer Leben und Tätigsein. Nacheinander werden hier in einem nicht enden wollenden Reigen Mahlzeiten bereitet. Luisa macht alles mir Ruhe und Unermüdlichkeit. Humpelt mit ihren geschwollenen Beinen von einer Ecke in die andere. Sie ist 66 Jahre, hat bis letztes Jahr als Lehrerin hier im Ort gearbeitet. Sie hat in Vladikavkas studiert und dort neben einem älteren deutschen Mann gewohnt, der ihre Schuldeutschkenntnisse erweitert und gefördert hat. Ihr Sohn Kacha hat leider keine Arbeit hilft ihr in Haus und Hof. Der andere Sohn Pitchiko lebt mit Frau und Kind eigentlich in Tbilisi ist aber zur Zeit auf Besuch hier. Beide Männer versuchen zwei Badezimmer an zwei der Schlafräume des Hauses anzubauen und werkeln viel.
Bei unserer Ankunft regnet es wie gesagt und wir frösteln schon bald. Holen die lange Unterhose raus und dicke Socken und den Pullover.
Schon bald wird aufgetischt: gebratene kleine Forellen mit Brot, kräftige Stücke Kuchen, Salat aus Gurken und Tomaten, Chatschapuri mit reichlich Käse und Margarine in der Füllung. Es ist köstlich und wir fühlen uns wie die König. Nebenbei blättern wir in Fritz Pleitgens Buch “Duch den wilden Kaukasus” und lesen was er über Luisa und Kasbegi schreibt. Irgendwann hört es auf zu regnen und wir machen einen Gang durch den Ort, besuchen das Museum des Schriftstellers Alexander Kasbegi in seinem Elternhaus und die Kirche nebenan. Die Wohnhäuser finden wir ziemlich russisch im Baustil, die Straßen sind breit, überall sind man die kleinen kräfigen vierradgetriebenen Ladas und andere geländegängige Fahrzeuge (anders geht es hier auch nicht). Im Zentrum gibt es ein Hotel, eine Polizeistation, einige kleine Läden, mehrere Kioske, die dies und das verkaufen. Es muß schwer sein für die jungen Menschen, ihr Leben hier zu organisieren und eine entwicklungsfähige Beschäftigung zu finden. Wir kommen pünktlich zum Abendessen und bekommen Borscht, gekochtes Huhn in schmackhafter Soße (kalt, als Salat), Salat aus Weißkohl und Gurke mit Petersilie. Dazu natürlich Tee und eine Probe des selbstgemachten Weißweins von Kacha (herb und stark). Die Brüder haben Besuch von Freunden und leeren zusammen sieben Liter Wein in nur wenigen Stunden. Wir unterhalten uns währenddessen im Wohnzimmer mit Luisa und gehen zeitig in unser gemütliches, blitzsauberes Bett.
Donnerstag, 24. Juni 2010
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