Montag, 28. Juni 2010

26.6.10 Signagi

Zum Frühstück: Warmer (Hafer)Brei, Maultaschen mit Fleischfüllung, warme angedünstete Auberginen mit Knoblauch und Kerbel, Käse, Apfelmarmelade, Brot, Butter, Marmorkuchen.
Danach fahren wir mit Nanas Mann Sasa in seinem Lada mit Vierradantrieb los. Wir haben heute viel vor. Er ist Polizist in Lagodegi und kommt nur zum Wochenende nach Hause. Man kann ihn sich nur schwer in einem Großraumbüro vorstellen. Wie viele georgische Männer hat er ungemein kräftige Unterarme und große breite Hände. Er trägt eine Sonnenbrille, die er nie abnimmt und versteht es zu schweigen, seine Stimme ist rauchig. Dazu kommt, dass´er “nur” georgisch und sicher russisch spricht, wie die meisten hier. Er erweist sich den ganzen Tag als geduldiger und guter Fahrer und ist uns gegenüber aufmerksam, dennoch guckt er uns weder bei der Begrüßung noch bei der Verabschiedung an. Er nimmt einen jungen ruhigen Mann mit, der offensichtlich schon bei Fahrtantritt schwer alkoholisiert ist. Wir denken, dass er ihm einfach mal was anderes zeigen wollte. Der junge Mann unterhält sich mit ihm, so daß es im Auto nicht so still ist, ansonsten kämpft er fast die ganze Zeit mit dem Schlaf, er ist ein Blatt im Wind, das sieht man. Wir fahren durch diese schöne, schöne, abwechslungsreiche, immer grüne Landschaft, immer hat man Berge am Horizont, die bis weit nach oben dicht bewaldet oder bewachsen sind. Überall ist es grün, üppig und voll. Wir fahren durch Alleen mit wunderbar alten Bäumen (Walnüsse und Schwarzpappeln meist), überall wächst hier Wein, ansonsten Granatapfelbäume, Feigen, Obstbäume aller Art. Die Nektarinen und Pfirsiche sind reif und überall an den Straßen werden sie eimerweise oder direkt aus dem randvollen Kofferraum heraus verkauft. In den wasserreichen Ebenen kreuzen wir immer wieder breite Flußläufe und ihr Schwemmland rechts und links davon. Georgien ist fast überall dörflich, Industrie und Gewerbegebiete sieht man kaum und wenn dann sind es Industrieruinen oder -brachen aus der Postsovjetzeit. Hohe Gebäude oder riesige Anlagen stören den Blick nicht. Reklame in Form von großen Plakatierungen gibt es kaum, wenn dann sind es Handyanbieter oder hier in dem Weinanbaugebiet Vertreter (Monopolisten?) landwirtschaftlicher Dünge- und Spritzmittel. Ab und zu sieht man einen Polizeiwagen (Skoda), auch die Polizisten scheinen viel rumzulungern, hier und da mit einem der vielen Bekannten zu plaudern. Der Eindruck ist insgesamt friedlich und ausgeglichen, manchmal gelangweilt.
Wir fahren zunächst zu der Wehrkirche Gremi, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört (zu Recht). In wunderbarer Lage besteht sie aus einer Festungsanlage mit kleinem Königspalast (15. Jh.), Glockenturm, Erzengelkirche (1565) mit gut erhaltenen Fresken, Weinkeller (Marani). Wieder begegnet uns eine Schlange, die panisch flieht. Kaufen vor der Kirche von einer Oma ein gehäkeltes Kreuz. Wir betrachten die Investition als Spende.
Danach fahren wir nach Alawerdi, dem religiösen Zentrum Kachetiens. Es besteht aus der imposanten Georgskathedrale (11.Jh.) mit Kloster. Der ganze Komplex ist von einer wehrhaften Mauer umgeben. Beim Eintritt bekommen wir einen Wickelrock in dunkler Farbe, den wir noch über unsere lange Hose anlegen müssen. Unser Kopftuch haben wir sowieso immer griffbereit. Die Kathedrale zeigt nur noch wenige Fresken, die meisten wurden im 19. Jh. mit weisser Farbe übertüncht.
Danach geht es ins Kloster Ikalto. Senon, einer der 13 syrischen Missionare soll im 6. Jh. das Kloster Ikalto gegründet haben. Im 12. Jh. hat König Dawit eine Akademie angeschlossen. Drei Kirchen sind zu besichtigen: die Hauptkirche Periszwaleba ist aus dem 8./9. Jh. und soll über dem Grab des heiligen Senon erbaut worden sein. Die Kirche sieht von außen sehr schön aus, ist umgeben von hohen alten Zypressen und Buchsbäumen. Innen bietet sie einen traurigen Anblick. Bauarbeiten sind im Gange.
Danach geht es weiter in die Stadt Telawi, wo wir zunächst eine 900 Jahre alte Ahornplatane bewundern. Danach besichtigen wir Schloss Batonisziche: eine Mauer umschließt den Palast im persischen Stil, die Überreste zweier Kirchen und persischer Bäder. Im Palast befindet sich das Geburtszimmer König Erekles II. Drei Zimmer des Palastes, auch der ehemalige Empfangssaal sind zu besichtigen. Vor dem Schloß steht ein Reiterstandbild des Königs.
Danach geht es nach Zinandali, dem wunderschönen (!) Landsitz des Fürsten Alexander Tschawtschawadse in einem herrlichen Landschaftspark. Der Landsitz mutet ein bißchen persisch im Stil an. Wir kaufen Eintrittskarten und bekommen selbstverständlich eine Führung in deutsch nur für Mine und mich. Die Dame spricht perfekt deutsch und klärt uns über alle Exponate (Geschirr, Gemälde, Möbel, Instrumente) auf. Tschawtschawdse war in Georgien mit der erste, der eine deutliche kulturelle Öffnung nach Europa praktizierte. Auf dem Grundstück sehen wir noch einen alten riesigen Weinkeller mit Weinflaschen von 1840 und später auf hohen Regalen. Als wir unserer Führerin ein Trinkgeld geben wollen, ist sie peinlich berührt und nimmt nicht an. Kaufen eine Kleinigkeit im Museumsshop und trinken eine Tasse Kaffee und essen einen Käsekuchen (nicht so lecker) im Museumscafe.
Wir halten nochmals auf einem Markt, damit Mine Nektarinen kaufen kann, dann geht es heim. Rüsten uns innerlich für den morgigen Tag mit Abreise. Nana ist uns schon sehr lieb geworden. Sasa lebt gegen abend immer mehr auf, erreicht langsam den Zustand schwerer Trunkenheit und wir schlafen zu seinem Poltern und Schimpfen unter uns ein. Arme Nana.

Anmerkung: Wir versuchen uns drei Personen aus der Geschichte Georgiens zu merken, die immer wieder auftauchen:
Dawit der Erbauer: befreite Georgien von den Seldschuken Anfang des 12. Jh., Beginn der Blütezeit des mittelalterlichen Georgiens, Aufstieg zum christlichen Großreich, Dawit ließ Klöster, Kathedralen, Akademien, Straßen und Brücken bauen.
Königin Tamar: Sie ist sehr beliebt und verehrt von den Georgiern, sie markierte Anfang des 13. Jh. Höhepunkt und Ausklang der georgischen Blütezeit. Nie wieder wird Georgien territorial größer sein als unter ihrer Herrschaft (große Teile des heutigen Aserbaidschan und Armenien + Teile der Türkei + Teile Südrusslands gehörten dazu). Das goldene Zeitalter Georgiens endet mit dem Einfall der Mongolen 1220.
Erekle II.: Ende des 18. Jh. unterstellte er Georgien der Schutzherrschaft der russischen Zarin Katharina II, da das Reich immer wieder sehr bedrängt wurde von Türken und Persern.

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