Dienstag, 15. Juni 2010
15.6.10 Tbilisi
Das Frühstück findet verspätet statt, wir sind erschlagen von der Hitze und die Müdigkeit der Reise steckt noch in uns. Wir bekommen: Baguette, Butter, zwei Sorten Käse in dicken Scheiben, Braten und Salami als Aufschnitt, Hüttenkäse (süß), Himbeermarmelade, vier heiße Würstchen, Orangensaft, Tee und Kaffee. Das alles hilft, verhindert aber nicht, dass wir uns danach wieder hinlegen. Irgendwann geht es dann und wir beschließen eine erste Erkundung unserer neuen Umgebung. Wir maschieren los, es ist drückend warm und der Himmel ist grau. Wir sehen wenig Touristen und auch von uns wird wenig Notiz genommen, was angenehm ist. Die Stadt ist sehr lebendig, viele junge, modern gekleidete Menschen, viele kleine Händler am Wegesrand in Bodennähe, die Kleinigkeiten verkaufen (Sonnenblumenkerne, Erdnüsse, Tempotaschentücher, grüne Pflaumen, Tomaten, Gurken, Kräuter). Nicht wenige scheinen hier ein Zubrot zu verdienen, meist sind es ältere Frauen. Viele bettelnde alte Menschen am Wegesrand, die Rente muß furchtbar niedrig sein (keine 50 Lari pro Monat, so liest man im Führer). Sie werden auch in den Kirchen geduldet, wo sie oft am Eingang hocken und um eine Gabe bitten. Wir sehen wie ein alter Mann in einer Kirche vom Priester ein Brot und eine Flasche Öl und noch ein paar andere essbare Kleinigkeiten auf den Arm gelegt bekommt, dafür dass er den Hof gefegt hat. Auch Kinder betteln einen an (Zigeuner), wobei die absolute Mehrheit der Menschen nicht verarmt wirkt. Wir streifen betäubt durch die Straßen, entlang des prächtigen Rustaweli-Boulevard gesäumt von alten Platanen, Geschäften, Prachtbauten. Wir kommen zum Freiheitsplatz (Tawisubleibis Moedani) mit seinem schönen Rathaus und dem riesigen heiligen Georg, der den Drachen tötet, in Gold oben auf einer großen Säule. Wir finden, die berühmte Zionskirche aus dem 6. Jahrhundert, die Hauptkirche des Patriarchen der georgischen Kirche. Sie ist wunderschön, nicht groß, erleuchtet von Kerzen und voller Ikonen und anderen Heiligenbildern. Wir stehen mit Kopftuch ganz im Hintergrund an der Tür, um den Gottesdienst nicht zu stören. Eine junge Frau kommt dennoch auf uns zu und bittet uns herauszugehen, da wir Hosen (lange!) tragen und keine Röcke. Wir sind ein bißchen sprachlos und gehen raus. Noch nie bin ich aus einer Kirche geschickt worden. Die meisten Menschen in Georgien gehören zur Georgisch-Orthodoxen Apostelkirche (75%), der Rest ist muslimisch, armenisch-gregorianisch und katholisch. Die Menschen wirken inbrünstig fromm, viele junge Leute gehen zur Kirche, küssen die Wände und Bilder und den Boden, bekreuzigen sich, knien sich hin, zünden Kerzen an. Es riecht nach Weihrauch in den Kirchen. Wir gehen noch in die recht schöne Synagoge und die Dschwarimama Kirche aus dem 16. Jahrhundert und schlendern an der nicht mehr benutzen armenische Norischani-Kirche entlang (alles in der Altstadt). Man sieht in der Altstadt viele Läden, die Devotionalien verkaufen, Heiligenbilder mit ohne Silberbeschläge, Ikonen, Kelche, Priestergewänder, Kerzen, Weihrauchgefäße zum Schwenken (auch in unserem Hotel ist ein Hausaltar). Nach Erlangung der Unabhängigkeit Georgiens 1991 wollte man die georgische Liturgie wieder einführen, was zunächst schwierig war, da es keine darin ausgebildeten Priester gab. Inzwischen gibt es in Tibilisi aber wieder ein Priesterseminar. Auf dem Berg sieht man die Narikala, die erhöht liegenden Ruinen der Festung, die hier einen alten Handelsweg an einer besonders schmalen Stelle des Flusses Mtkwari schützte. Sie wurde erbaut von den persischen Sassaniden und wurde danach zerstört und wieder aufgebaut von den Arabern (7. Und 10. Jh.), den Mongolen (13. Jh.), den Türken (16. Jh.), von den Persern (18. Jh.). Nicht weit entfernt sieht man ebenfalls auf dem Berg die große Statue der Mutter Georgiens (20m hoch). In der rechten Hand hält sie ein Schwert zur Verteidigung gegen die Feinde und in der linken eine Schale Wein für den Freund und Gast. Danach bekommen wir einen Tip, wo man gut essen kann. Wir sitzen schon bald in einer Shemoikhede (kleines Restaurant) und essen wunderbare Maultaschen (Khinkali), ganz frisch und weich, gefüllt mit würzigen Pilzen oder Kartoffeln, außerdem die beliebte Vorspeise Aubergine mit Walnüssen und danach Chebureki, frittierte Teigtaschen mit Käse und Pilzfüllung. Alles ist wirklich sehr köstlich und wir sehen was für dampfende Berge von Maultaschen hier über den Tresen gehen. Dazu trinken die Menschen Efes-Bier aus der Türkei. Wir genießen die klimatisierte Kühle des Raumes und leben sichtlich auf unter den neuen Bedingungen. Die Verständigung mit Englisch und Türkisch klappt ganz gut. Danach wollen wir nach Hause schlendern. Nach kaum 100m fielen dicke Tropfen vom Himmel, die bald schon immer dichter wurden und sich zu einem Wolkenbruch/Gewitter auswachsen. Beschließen ein Taxi zunehmen. Der Fahrer schafft uns gegen die Fluten den Berg hoch, das Auto flankiert von zwei kräftigen Fontänen rechts und links, der Scheibenwischer tut was er kann, Sturzbäche rauschen den steilen Hügel hinab und man hat echte Bedenken, ob das Auto es hoch schafft. Heil setzt uns das Taxi aber wenig später vor unserem Hotel ab. Der ehrliche Fahrer nimmt nur den normalen Preis, nämlich fünf Lari von uns. Wir sind gerührt. Verbringen einen ruhigen Abend teetrinkend mit dem Blog, mit Duschen und Liegen.
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