Dienstag, 15. Juni 2010

15.5.10 Lemgo

Manche, die es hören finden die Sache mit Georgien idiotisch. Wer von uns beiden eigentlich immer auf solche Ideen käme? Wir wollten sowas gerne nochmal machen...
Mine geht gucken, was die Georgier von den Türken abgeguckt haben beim Kochen und in den Tänzen und wie weit man sich türkisch auch hier Gehör verschaffen kann. Wir werden nach Silberschmuck gucken. Wir wollen sehen, was sich finden läßt, um einem abends nach einem üppigen Mahl schwer im Magen zu liegen. Wir wollen uns das Treiben auf den Busbahnhöfen nicht entgehen lassen, zwischen unzähligen Marschrutkis, deren Ziele hinter der Windschutzscheibe wir nicht lesen können, und wollen doch ankommen. Die Relikte der sozialistischen Vergangenheit werden wir betrachten, den sehr guten georgischen Wein testen und Chinkali (mit Fleisch gefüllte Teigtaschen), Badridschani (Auberginen mit Walnuspaste), Chatschapuri in allen Varianten (Käseteigtasche)
.
Unser Reiseführer wird sich hoffentlich als treuer Begleiter erweisen: In ihm stehen Sätze wie:
“Geht man die Puschkinstraße (in Tbilisi) hinab, trifft man auf das staatliche Kunstmuseum. Das Gebäude ist zwar in einem traurigen Zustand, aber der Besuch lohnt.” An diesem “zwar” und “aber” also sind wir besonders interessiert und bleiben es hoffentlich noch ein Weilchen.
Zu den Privatzimmervermietungen: “Da die privat vermieteten Unterkünfte von außen in keiner Weise zu erkennen sind....”,”Lassen sie sich nicht vom äußeren Eindruck täuschen. Die Wohnungen sind in einem weit besseren Zustand, als der äußere Zustand des Hauses vermuten ließe.” Sie sind also überhaupt nur mit der Beschreibung im Führer zu finden z.B. bei der pensionierten Deutschlehrerin Frau Nasi Gwetadse in Tbilisi, “durch die kleine Tür aus eisernen Stangen, meist offen...rechte Hofseite mit kleinem Holzstaketenzaun davor,...EZ nur mit Vorhang vom Durchgang zum Mehrbettzimmer abgetrennt.”
Wir machen es nach dem Motto ‘Frisch gewagt ist halb gewonnen’, das sich hoffentlich nicht abnutzt.
Ganz überwiegendes Transportmittel sind die Marschrutki (VW- oder Ford-Kleinbusse, georgische Variante des türkischen Dolmus) für Nah- und Fernverkehr. Die Marschrutki sind nur auf Georgisch beschriftet, “...was (laut Führer) vor allem am Anfang der Reise irritieren kann”. Und später?
Versucht man auf der Strecke zuzusteigen hält nicht jeder Fahrer trotz freier Plätze, “...ein System ist hier nicht zu erkennen”. Wenn man aussteigen will soll man “Gaadscheret” rufen.

Wir lernen:
Der Kaukasus wurde schon im Altertum als “Berg der Sprachen” bezeichnet, da hier etwa 40 Sprachen beheimatet sind. Es gibt im Wesentlichen drei große Sprachfamilien, das Abchasisch-Adygeische, das Dagestanische und das Kartwelische. Sie gehören weder zur arabischen noch zur indogermanischen Sprachfamilie. Zu den Kartwelischen Sprachen gehört das Georgische (und auch das Swanische und die San-Sprachen).
Die georgische Schrift, die weitgehend verwendet wird, ist die Mchedruli (Reiterschrift, auch Kriegerschrift), von links nach rechts geschrieben. Sie wird uns einige Probleme machen. Die einzelnen Buchstaben wecken bei uns keine Assoziationen. Es handelt sich auch nicht um Kyrillisch.
Kati Melua und Eduard Schewardnadse sind Georgier. Während erstere sich um unsere Ohren verdient gemacht hat, hat letzterer Verdienste um die deutsche Wiedervereinigung errungen. Stalin war natürlich auch Georgier.

Etwas Historisches:
Zwischen 1817 und 1819 wanderten ein paar hundert schwäbische Familien (Pietisten) auf Genehmigung von Zar Alexander I. nach Georgien aus. 1941 lebten 24.000 Deutsche in Georgien und 23.000 in Aserbaidschan, die dann von Stalin in großer Zahl nach Sibirien und Kasachstan umgesiedelt wurden.

2007 zeigte das georgische Nationalmuseum in Berlin seine wertvollen Exponate “Medeas Gold”.

Nicht reisen soll man nach Abchasien (gehört völkerrechtlich zu Georgien, unterliegt aber nicht dem Einfluß der Regierung in Tbilisi), Westmingrelien (viele Flüchtlinge aus Abchasien), Südossetien, Pankisi-Tal nahe der tschetschenischen Grenze.
Georgien grenzt im Uhrzeigersinn gesehen an: Abchasien, Russland, Nord- und Südossetien, Inguschetien, Tschetschenien, Dagestan, Aserbaidschan, Iran, Armenien, Türkei.
Im Norden liegt der große Kaukasus (junges Gebirge, erst 2 Millionen Jahre alt, höchster Gipfel ist der Elbrus in Rußland mit 5642m Höhe), die Grenze zu Armenien und Aserbaidschan wird gebildet durch den kleinen Kaukasus (gehört zum nordanatolisch-nordiranischen Kettengebirge, viel älter als der große Kaukasus mit 150 Millionen Jahren). Georgien gehört wohl am ehesten zu Europa. Der Transkaukasus meint den Landkorridor zwischen Scharzem Meer und Kaspischem Meer, dazu gehören Georgien, Armenien und Aserbaidschan.

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