Montag, 28. Juni 2010

27.6.10 Borjomi

27.6.10
Frühstück um acht bei Nana in der Küche. Wir haben uns Haferbrei gewünscht und er schmeckt sehr gut. Nana hat zusätzlich Salat gemacht und so etwas wie “Armer Ritter” (Weißbrot in geschlagenem Ei gewendet und in der Pfanne gebacken, leicht salzig). Wir machen Käsebrote für die Fahrt. Nana begleitet uns noch runter an den Marschrutki und sagt dem Fahrer, wo er uns in Tbilisi rauslassen soll, um uns das Chaos am Busbahnhof Samgori zu ersparen. Als wir das Haus verlassen sehen wir den ungewohnt heiteren Sasa schon mit seinen Kumpeln im Park. Zu unserer Überraschung kommt der gestern so wortkarge Mann lächelnd auf uns zu und verabschiedet uns mit Kuss auf die Wange (wie hier üblich). Wir fahren nach Tbilisi. Auf dem Weg steigt an jeder Ecke noch jemand zu. Immer wieder sortieren sich die Insassen neu, um Platz zu schaffen für die Neulinge, ein großer Dalienstrauß auf dem Schoß einer Frau welkt langsam vor sich hin, ein Kind wird von Schoß zu Schoß gereicht. Immer wieder denkt man, dass nun aber wirklich keiner mehr reingeht, in die dicht gefüllten Reihen. Um eine weitere Frau zusteigen zu lassen, quetscht sich ein Mann schließlich links neben den Fahrer mit auf dessen Sitz, dem bleibt jetzt nur noch ein halber Fahrersitz . Mine und ich protestieren dagegen, daraufhin dreht sich der Fahrer um und sagt “Das ist Georgien!”. In Tbilisi nehmen wir die Metro durch die Stadt von der Haltestelle Isani nach Didube. Dort finden wir in dem Gewimmel unseren Marschrutki nur, weil sich ein Mann erbarmt und uns quer über den Platz in die richtige Ecke führt, alleine ist keine Orientierung möglich, man kann nichts lesen, auch kein Schild mit dem Fahrziel hinter der Windschutzscheibe, alles ist nur in georgischer Schrift. Taxis bieten sich einem an, quälen einen aber auch nicht, wenn man ablehnt. Wir bekommen einen ausgesprochen luxuriösen Kleinbus mit DVD-Anlage und Filmberieselung, er ist wirklich top, Ford Transit. Um 12 Uhr geht es los. Der Fahrer guckt mit einem Auge den Film mit, ist ansonsten bei der Hitze ähnlich schläfrig wie die Mitfahrer. Die Strecke Richtung Kutaisi ist unangenehm, stark befahren, nur zum Teil Autobahn und ansonsten nur zweispurig mit vielen türkischen LKWs und unruhigen Überholmanövern. Zweimal sehen wir auf der Strecke große schachbrettartige Ansammlungen mit hunderten von Minihäusern für georgische Flüchtlinge aus Abchasien und Südossetien. Ein Haus sieht wie das andere aus, dicht an dicht stehen sie, in Reih und Glied, alle in der gleichen Ferbe mit einem roten Dach. Wir zweifeln während der Fahrt, ob wir im richtigen Marschrutki sitzen, was uns etwas streßt. Endlich kommt die Abfahrt nach Bordshomi in Chaschuri und wir können uns entspannen, wir sind doch richtig. Der Bus läßt uns im Zentrum raus und unser erster Eindruck ist der von kleinstädtischer Trostlosigkeit. Bordshomi ist ein alter Kurort, hier gibt es eine berühmte Mineralquelle. Die Stadt liegt im kleinen Kaukasus, im Süden Georgiens und in ihrem Rücken liegt der älteste Nationalpark Georgiens (Nationalpark Bordshomi-Charagauli). Lange Jahre hat sich in diesem Ort die russische Aristokratie erholt, aus ganz Rußland kam man in diesen Ort (das Baden-Baden Georgiens). Der schön restaurierte Bahnhof zeigt den langen alten Fahrplan in georgischer und russischer Schrift, der Ziele in aller Welt anzeigte, zu denen man von hier aus fahren konnte. Jetzt fahren täglich nur noch zwei Züge nach Tbilisi. 1993 mußten dann hier zahlreiche Flüchtlinge in den Sanatorien und Hotels aus Abchasien aufgenommen werden. Wir gehen in das beste Haus am Platze, das Hotel Borjomi, eine schöne Holzvilla aus der Romanow-Zeit. Man spricht nur russisch und georgisch aber irgendwie klappt es. Wir müssen im Voraus zahlen, “Money!” und dazu ein breites Lächeln mit Zahnlücken von der Hotelmanagerin. Danach fragen wir, ob wir Tee trinken können nach der langen Fahrt. Sie nimmt uns mit in den Aufenthaltsraum, wo gerade das Personal gegessen hat. Selbstverständlich bekommen wir Brot, Käse, Chebureki mit Kartoffelfüllung, ein vegetarisches und ein Fleischgericht und natürlich Tee. Essen mit großem Appetit. Danach rufe ich meine Eltern an, allen geht es gut. Sie essen gleich mit Evchen Erdbeertorte mit Sahne. Mine und ich sind gedanklich für das Projekt auch gleich eingenommen, wollen auch Erdbeertorte haben. Gleich spielt England gegen Deutschland im Rahmen der WM in Südafrika. Ob wir irgendwo eine Übertragung finden? In unserem Fernseher im Zimmer finden wir nichts Geeignetes. Erster Gang durch den Ort, verschiedene Grade des Verfalls der Gebäude von “völlig verfallen und verlassen”, “bald verfallen”, “vielleicht geht es noch ein Weilchen” bis zu “das sieht noch ganz gut aus” und “da müssen sie aber unbedingt bald mal...” und “gehört bestimmt der Mafia” bei auffallend luxuriösen Häusern. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 50%. Alkoholismus ist ein riesiges Problem. Gehen in einen kleinen Park und dort in ein Restaurant mit Dachterrasse, trinken türkisch Mokka und Borjomi-Mineralwasser. Am Nebentisch sind englisch sprechende Menschen, die das Restaurant schon bald verlassen. Nach kurzer Zeit kommen sie zurück, fragen, ob sie uns irgendwie behilflich sein können. Es sind Bob und Jill aus New York und London, ein Ehepaar um die 70, die zwei Jahre in Georgien im Rahmen des Peace Corps verbringen (von Kennedy ins Leben gerufen). Sie haben hier Englisch unterrichtet und mitgeholfen hier einige Tourismusprojekte mit zu organisieren/strukturieren. Für Unterbringung und Krankenversicherung lassen sich diese Rentner von der Organisation in ein Land zu einer vermittelnden Friedensarbeit im weitesten Sinne schicken und stellen ihre Erfahrung und Kenntnisse dort (in selbstgewählten Projekten?) zur Verfügung. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch und gehen mit ihnen zu ihren georgischen Gasteltern, wo sie uns Material geben zur Orientierung hier. Sie sind sehr interessante und nette Leute, wir trinken Tee und erfahren dabei das ein oder andere, z. B. das Saakaschwili (der in Amerika Jura studiert hat) mit einer Holländerin verheiratet ist, die Sandra heißt. Die Holländer unterstützen Georgien mit (gebrauchten?) Nutzfahrzeugen, die hier z.B. Sandrabuses heißen. Ganz ,ganz viele Nutzfahrzeuge, Laster, Transporter haben hier noch ihre holländische oder deutsche Aufschrift, Reklame, das haben wir ja schon berichtet. Türkische Produkte vom Kühlschrank, über den Boiler, bis zur Schokolade sind in Georgien auch stark vertreten. Wir wollen Bob und Jill nicht zu lange auf die Nerven gehen, da sie gerade erst wieder angekommen sind aus London, die Koffer stehen noch im Flur. Gerne hätten wir noch mehr von ihnen gehört. Nach diesem unverhofften Zusammentreffen mit diesen positiven und mutigen Menschen sind wir bester Stimmung und sehen alles mit neuen Augen. Natürlich überlegen wir, ob so eine Arbeit nicht auch für uns später eine Option wäre. Wir gehen nochmals zur Touristinformation und bekommen gute Infos von Arthur zu den vielfältigen (!) Unternehmungsmöglichkeiten in der Region. Erfahren auch wo ein Internetcafe ist und gehen mit dem neuen Stadtplan, den Bob uns ausgedruckt hat, zu einem Restaurant, essen Forelle und Salat. Das Restaurant liegt neben und hinter dem völlig verfallenen mehrstöckigen Betonklotz, der ehedem die Post war. Am Nebentisch sitzen junge Männer und trinken in aller ruhe Wodka und Bier. Vor ihnen große Mengen Essen von Maultaschen über Gegrilltes und Chatschapuri und Chebureki. Berge bleiben liegen als sie mit dem Auto davonfahren. Mine gibt kritische Bemerkungen: so ein armes Land mit armen Menschen und so ein Verhalten von vielen jungen Männer. Frauen dagegen erleben wir hier oft als schaffend und unauffälliger. Die Männer träumen von dicken BMWs, Mercedes und wirken oft sehr angeberisch. Vieles in diesem System erinnert Mine an die Türkei der 70er Jahre.

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