Eigentlich wollten wir Euch schon gestern vom 17.610 erzählen, aber dann war uns gar nicht mehr danach zumute. Es ist abend, wir hatten geduscht und Wäsche gewaschen. Draußen, in unserer Sackgasse spielt lauthals eine Horde Kinder, sie lachen und kreischen und sind vergnügt. Mine steht am weit geöffneten Fenster und ruft plötzlich “Oh nein, jetzt hat jemand ein Kind übergefahren”. Man kann nicht sagen, ob es nach diesem Ereignis ganz laut wurde oder ganz leise. Wir springen in die Kleider und laufen runter auf die Straße, drängen uns in den Hof der Familie gegenüber, sind ein Teil der zitternden, schockierten Menge aus Kindern und Erwachsenen. Gott sei Dank ist nicht unmittelbar was zu tun, denn die Mutter hat das schreiende Kind auf dem Arm. Das Kind ist etwa zwei Jahre alt, hatte mitten auf der Straße auf einem Stühlchen gesessen und ein Auto hatte beim Zurücksetzen das Kind erfaßt.. Man sieht Spuren des Reifens auf Bauch und Bein. Die Familie sind Azeris und Mine kann sich türkisch unterhalten. Alle sind aufgeregt. Die Oma zeigt immer wieder zwei Finger ihrer Hand, nur zwei Minuten hatte sie das Kind aus den Augen gelassen. Der junge Fahrer des Unglückswagens, ein Nachbar und Arzt, ist ganz blaß. Nach einer ganzen Weile steigt die Mutter mit dem Kind in einen Wagen und läßt sich mit dem weiter schreienden Kind ins Krankenhaus fahren. Alle zerstreuen sich mit zitternden Knien. Nur wenig später kommt der Krankenwagen, zieht wieder ab. Am nächsten Tag erfahren wir von der Nachbarin, die bei uns putzt, dass das Kind keine inneren Verletzungen hatte aber ein gebrochenes Bein und einen gebrochenen Arm. Alle bedauern den jungen Mann, dem das passiert ist. Sein Vater und er sind Ärzte und betreuen oft unentgeltlich die Menschen der Nachbarschaft, sind ganz verdiente und honorige Leute. Das ist wirklich der Horror, dass einem so etwas passiert.
Mine wollte gestern Postkarten aufgeben. Wir sahen auf dem Rustaveli Boulevard, dem Zentrum der Stadt, einen Hinweis auf eine Poststelle. Wir gehen durch einen Durchgang in einen großen Hinterhof, umstanden von Wohnhäusern, Frauen hängten Wäsche auf, Männer schraubten an Autos rum, Kinder spielten. Unsere Augen suchen. Tatsächlich, rechts von uns, ein paar Stufen hoch, eine Tür mit einem DIN 4 Zettel “Post” hinter die Vergitterung des Fensters geschoben. Wir gehen in den Raum. Wir sind geblendet, unsere Augen können sich nicht sattsehen. Hinter einem hohen Tresen eine Frau, eine Waage, ein Taschenrechner, sehr viel Papier. Bitte vier Postkarten nach Deutschland. Sie öffnet einen Pappkarton, in dem verschiedene Briefmarken lagern. Sie kramt und überlegt. Sie macht nach einigem Suchen Anstalten für unsere vier Karten 20 Marken abzureißen (für 14 Lari, eine stattliche Summe für hiesige Verhältnisse). Mine auf Zehenspitzen, um über den tresen wegzusehen, pocht auf den Platz links oben auf ihren Karten. Die Frau versteht sofort. Erneutes Kramen. Tiefer. Schließlich werden alle vier Karten von ihr beklebt, die Marken eingepaßt. Wie lange werden die Karten brauchen bis Deutschland? 10 Tage. Mine will, dass ich die Frau nach einer Quittung frage. Ich bin entsetzt. Tue ihr das nicht an. Für jene Glücklichen, die eine Karte erhalten, bitten wir um Rückmeldung.
Schauen die Kashveti-Kirche gegenüber vom Parlament und der Schule Nummer 1 an. Am Eingang wieder bettelnde Mütterchen. Mit unseren Kopftüchern (muß sein!) gehen wir durch die Kirche, zünden auch ein paar Kerzen an. Immer sind Menschen in den Kirchen, nie ist man allein, es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Eine Bestuhlung gibt es nicht, nur ein paar Bänke hier und da an der Wand, die Menschen stehen vor den Bildern und Ikonen. Die georgischen Männer sind meist stämmig und untersetzt, mit breitem Gesicht und Bürstenhaarschnitt. Nicht selten sind die Hemden weit aufgeknöpft und man sieht eine lange Goldkette mit Kreuz zwischen den Brusthaaren glänzen. Auch sie bekreuzigen sich und küssen die Ikonen und Wände, zünden Kerzen an. Es scheint ihnen selbstverständlich zu sein. Auch die Taxifahrer bekreuzigen sich bei Fahrtantritt (schnallen sich aber nicht an) und manche nochmal an jeder Kirche, die sie fahrend passieren. Die Frauen haben in der Kirche fast immer Röcke (nicht selten lange) an und tragen ein Kopftuch. Auf der Straße sieht man oft ausgesprochen elegant und modisch gekleidete Frauen, gerne mit extrem hochhackigen Schuhen, geschminkt und gut frisiert. Unsere Kirche ist angeblich aus den Steinen gebaut, mit denen der Missionar Davit Gareja, der aus Syrien gekommen war, um in Georgien zu missionieren gesteinigt werden sollte. Eine zoroastrische Frau hatte behauptet, sie sei schwanger von ihm. Er sagte, wenn das stimme, würde sie ein Baby gebären, wenn nicht einen Stein. Letzteres passierte. Kashveti heißt “Steingeburt”.
Danach gehts zum “Museum of Georgia”, was leider geschlossen ist. Wir finden das mit Hilfe eines jungen Jurastudenten heraus, der uns hilft. Man kann ja meist wenig lesen wegen der anderen Schrift.
Wir gehen in den Botanischen Garten oben auf dem Hügel. Überall stehen und sitzen junge Pärchen, Handy und Sonnenbrille neben sich. Öffentliches Küssen und Kuscheln sieht man nicht. Zwar macht die Stadt und die Menschen einen aufgeschlossenen, modernen Eindruck, auch was die Kleidung angeht, aber die Grundhaltung scheint äußerst konservativ. Voreheliches Zusammenleben ist undenkbar oder zumindest äußerst selten. Den Hügel entlang gehen wir mit Blick auf die Stadt langsam weiter, schließlich über den Stadtteil Sololaki ins Zentrum. Essen klare Champignonsuppe und Chikhirtma. Suchen länger nach einem Geldautomaten. Es gibt sehr viele, die meisten aber nur für Inlandsverkehr.
Wieder sind wir viel durch die Stadt gelaufen. Und? Die Bausubstanz, die Bausubstanz....Die Häuser im Zentrum sind eigentlich sehr ästhetisch, mit schmiedeeisernen Balkonen, kleinen glasumbauten Veranden, sich in den Innenhöfen hochwindenden Stiegen, schönen Holzarbeiten an den Balkonen, Stützpfeilern, Dachüberständen. Aber alles sinkt und bricht und verblasst, hält nur noch mühsam die Form. Es blättert ab, hängt durch, wird rissig. An den Fassaden windt sich hinauf und hinab: Ofenrohre, Abwasserleitungen, Dachrinnen, Stromkabel, Wäscheleinen, Telefonkabel. Bürgersteige gibt es selten und wenn sind sie oft unvermittelt unterbrochen durch Senken, Löcher, Höchstände, Abstände. Mine kann mit ihren erfahrenen und breiten Füßen sonst so einiges ausgleichen, braucht jetzt aber doch immer häufiger Blickkontakt. Die taktil-kinästhetische Wahrnehmnung kommt hier an ihre Grenzen. Man sieht die Behelfskonstruktionen, um die Funktionalität zu erhalten. Das ist alles nicht unsympathisch, nicht verkommen, nicht ungepflegt. Man sieht die ordnenden Hände dahinter. Man sieht noch die Schönheit dieser Stadt, “gerade noch” denkt man. Dann gibt es mehr und mehr Restaurationsarbeiten und dass was sich dann herausschält ist irgendwie oftmals zuviel des Guten, es überstrahlt irgendwie, ist wie dazwischen gehauen und wirft einen zurück. Man weiß nicht, ob der Verfall schrecklicher ist oder der oft unsensible Wiederaufbau.
In den Straßen sehen wir immer wieder Kleintransporter und Lkws mit deutscher Aufschrift “Obst und Gemüse”, “Kleinschmidt Malerarbeiten und Parkett”, “Becker Kanalreinigung”. Die Kennzeichen sind georgisch. Jetzt fragen wir uns natürlich: wie kommen die hier hin? Verschoben über Polen, die Ukraine, Rußland nach Georgien?
Heute, am 18.6., ging es das erste Mal heraus aus der Stadt. Unser Ziel war das 25km entfernte Mzcheta, die alte Hauptstadt Iberiens, noch heute ein geistiges Zentrum Georgiens. Zunächst ging es in die Metro. Man zahlt an einem Schalter den Einheitspreis von ca. 20 Cent, geht dann mit einem Plastikchip durch ein Drehkreuz. Weit unter die Erde fährt man auf einer nicht enden wollenden Rolltreppe. Der Wind weht einem um die Ohren. Wegen der Beschilderung in georgisch müssen wir fragen welches unser Bahnsteig ist. Erst später lernen wir, wo auch wir das lesen können. In der U-Bahn wirbt ein Plakat für einen “deutschen Metzker” mit vielen schönen Würsten. Wir steigen an der Haltestelle Didube aus und finden uns schon bald zwischen unzähligen Kleinhändlern, Marktständen und dazwischen parkenden dutzenden von Marschrutkis wieder. Wir fragen hartnäckig nach dem Kleinbus in unsere Richtung. Unsere Betonung von Mzcheta ist aber mangelhaft und schafft zunächst keine Klarheit. Irgendwie geht es insgesamt aber doch in die Richtung und schon fahren wir los. Mzcheta liegt malerisch zwischen bewaldeten Hügeln am Zusammenfluß zweier Flüsse ( Mtkvari und Aragvi). Wir sehen die beeindruckende Svetitskhoveli Kathedrale und die Samtavro Kirche. In letzterer spricht uns eine junge Lehrerin an, die gut Deutsch spricht und ein bißchen mit uns plaudert. Sie hätte gerne eine Freundin in Lübeck besucht, aber ihr Vater war dagegen. Sie ergänzt von sich aus “So ist das hier, die Tradition”. Wir verhandeln wegen eines Taxis zu der auf dem Berg wunderschön gelegenen Jvari Kirche. Es ist eine einfache Kreuzkirche vom Ende des sechsten Jahrhunderts. Sie gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Das muß aber Bestechung gewesen sein. Nein, im Ernst, sie ist wahnsinnig heilig für die Georgier. Sie steht da, wo die heilige, wundertätige Syrerin Nino, die wichtig war bei der Christianisierung Georgiens, ein Holzkreuz errichtet hat. Wie identitätsspendend ihr Christsein für die Georgier als Nation ist. Wahnsinn. Zurück mit Marschrutki und Metro. Essen in der Stadt: Bohnen mit Walnuß, Gurke, Tomate, Kräuter, dann Maultaschen mit Champignon- und Kartoffelfüllung.
Für morgen haben wir unsere Unterkunft hier in Tbilisi bezahlt und uns bei Luisa Ziklauri in Kasbegi in den Bergen angekündigt. Schon Fritz Pleitgen hat während seiner Dreharbeiten zu seiner Kaukasusreportage hier genächtigt. Wir wollen sein Zimmer. Logisch. Sie wird wohl was Gutes kochen für morgen. Ihr Sohn Kacha holt uns vom Bus ab, damit wir nicht an andere Vermieter verloren gehen.
Freitag, 18. Juni 2010
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