Mittwoch, 16. Juni 2010

16.6.2010 Tbilisi

Wir spazieren durch die Straßen Richtung Nationalmuseum. Treffen am Hang auf eine ehemals russisch orthodoxe Kirche sind zunächst in dem Glauben, daß es sich um die Mamadaviti Kirche weiter oben am Berg handelt, was nicht stimmt. Vor der Kirche putzt eine Frau Kräuter, sie wird später für den Priester kochen. Eine andere junge Frau macht hier und da Ordnung in der Kirche, verkauft Kerzen, fegt, sorgt für den Ort. Alle Kirchen haben eine abgetrennte Nische oder ein Räumchen voller Heiligenbilder zum Verkauf und Kerzen in allen Größen und so diesem und jenem. Dort sitzt meist ein Mütterchen. Man sieht viele helfende Hände in und um die Kirchen, Frauen und Männer, die die ewig brennenden Kerzenhalter wieder vom Wachs reinigen, in und um die Kirche wischen oder fegen. Die Kirchen sind ja über Tag und bis weit in den Abend offen und immer ist jemand da, der sich verantwortlich fühlt für den Ort, ihn begleitet und umsorgt. Gottesdienste sind Lesungen aus der Bibel, Sprechgesänge, Gebete, Liturgie, Küssen der Ikonen, Segnen, Weihrauchfaßschwenken, keine Exegese von der Kanzel herab mit langen Erklärungen und Auslegungen und Erörterungen des Wortes. Die junge Frau in der ehemals russisch-orthodoxen Kirche hat einen Freund in Nürnberg. Scheinbar gehen nicht wenige junge Georgier als Aupair nach Deutschland und versuchen anschließend dort zu studieren. Wir haben so etwas nun schon einige Male gehört u.a. von unserer Freundin Barbara, die einem fassungslosen jungen Georgier bat die Wäsche aufzuhängen. Viele Georgier sind echte Machos, wir staunen nicht schlecht darüber.
Wir erreichen verschwitzt das Nationalmuseum. Auch hier ist links vom Eingang eine Nische mit Heiligenbildern und Buchsbaumkreuz und Kerzen für die kleine Andacht zwischendurch. Drinnen langweilen sich mehrere Wachleute. Eine Frau kommt auf uns zu, fragt aus welchem Land wir kommen und entscheidet nach der Antwort, dass sie uns gleich eine Führung machen wird. Wir sind ein wenig perplex. Wir hatten noch nicht um etwas gebeten. Wir sehen in einem Aufenthaltsraum einen ganzen Pulk schnatternder Frauen, die hier Führungen machen. Wir fügen uns. Ein anderer Deutscher gesellt sich noch dazu, er reist mit georgischem Führer. Wir sehen einen fantastischen Schatz an alten Ikonen, getiebenen Silberarbeiten, Schmuck, Emaillearbeiten, Schnitzkunst, Fresken aus allen Teilen Georgiens. Immer wieder sieht man den heiligen Georg, der hier oftmals nicht mit dem zu tötenden Drachen sondern - speziell für die Georgier - mit dem seinem Pferd und ihm zu Füßen liegenden Kaiser Diokletian gezeigt wird. Nach der Führung schauen wir den Rest des Museums an, der sich in bedauernswertem Zustand befindet. Das Gebäude scheint überaus angegriffen. Die Toiletten liegen unten im Hof. Man geht dorthin vorbei an gestapelten alten und rostigen Heizkörpern, ein paar Autowracks, Krempel aller Art, einigen kunstvoll bearbeiteten Steinen, Ausstellungsobjekte, die man ausgelagert hat.
Wir gehen etwas essen im Restaurant von gestern. Mine bekommt Chikhirtma, eine Hühnersuppe mit Milch und Dill und Essig, ich bekomme Kharcho, eine rote Suppe mit Rindfleisch und Reis, sehr würzig mit viel Kerbel. Alles sehr lecker.
Danach gehen wir die uralte Antißchati-Kirche (6. Jh.) anschauen mit ihrem Torhäuschen und einem Glockenturm, danach zur Zionskirche (werden heute nicht rausgebeten wie am Vortag). Am Gorgassali-Platz gehen wir in die armenische St. Georgskirche. In allen Kirchen ahnt man schöne Fresken, die aber ein wahres Schattendasein fristen, so dunkel geworden sind, daß man sie nurmehr erahnt. In den Kirchen ist es nicht hell, es gibt kaum Fenster, dafür Kerzen in Mengen und kleine Windlichter/Hängelampen (auch mit Kerzen) vor jedem Heiligenbild. Letztere sind meist in einer Art Vitrinenschrank aus dunklem Holz untergebracht. Dieses Land muß wirklich einen sehr umfangreichen Kunstschatz haben, aber der Bedarf ihn zu erhalten ist ungestillt. 1801 hat Zar Alexander I. Georgien gleich in seinem ersten Amtsjahr zum russischen Protektorat erklärt, es folgte die Angliederung an Russland. Unter der Zarenherrschaft wurden die Fresken in vielen Kirchen einfach weiß übertüncht und die Schatzkammern der Klöster erbarmungslos geplündert. Nachdem 1917 die Februarrevolution in Russland den Zaren gestürzt hatte, folgte für Georgien eine kurze Zeit der Unabhängigkeit, die erste georgische Republik von 1918-21. In diesen wenigen Jahren wurden wichtige Schritte für die wissenschaftliche Erforschung der Altertümer getan. 1921 maschierte die Rote Armee in Georgien ein. Viele Kirchen fielen der antireligiösen Kampagne zum Opfer. Dennoch flossen im Vergleich zu anderen Sowjetrepubliken noch relativ viele Mittel in die Restauration der Kulturdenkmäler. Die Unabhängigkeit von der UdSSR brachte dann neue - auch wirtschaftliche - Probleme mit sich. Alles in allem keine Blütezeit für den Erhalt der Kulturgüter Georgiens in den letzten 100 Jahren.
Wir wandern rüber zum Bäderviertel Abanotubani mit seinen vielen Schfefelbädern. Ein besonders schönes ist das an eine schiitische Moschee erinnernde, oberirdisch angelegte Orbeliani-Bad. Die meisten Bäder sind unterirdisch angelegt und man sieht von ihnen nur die Licht spendenden Kuppeln. Danach geht es den Berg hoch, an der Moschee der Stadt vorbei und dem Botanischen Garten zu den Ruinen der Burg Narikala. Dort sitzen fünf junge Männer in einer Laube und singen. Wir hören wunderbaren polyphonen Gesang. Letzterer ist auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes in der Rubrik “Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit” aufgenommen. Die kirchliche Polyphonie und die Volkspolyphonie haben Wurzeln bis in vorchristliche Jahrhunderte und sind etwas sehr besonderes für Georgien. Die europäische und die georgische Musikkultur unterscheiden sich offensichtlich ganz prinzipiell. “Das musikalische Denken ist ein anderes, die Melodien, die Tonsysteme, die Polyphonien, die Intonationen - alles unterscheidet sich von Grund auf.” Der polyphone Gesang scheint in unserem Notensystem auch nur schwer zu fassen zu sein. Es gibt anders als man denkt übrigens auch Frauenensembles. Dieser mehrstimmige Gesang (ohne instrumentale Begleitung) ist ernst, getragen, kunstfertig, tiefgründig, sonor. Lange sitzen wir auf der Bank und hören den probenden Männern zu. Danach treten wir den Heimweg an, nehmen ein Taxi. Kehren noch in einer französischen Bäckerei (Entree) ein und essen vier wunderbare (!) Teilchen und trinken Kaffee. Kaufen dann noch ein Kilo Kirschen an der Ecke. Mine probiert mit unserem Kauderwelsch-Führer in der Hand ein “nachwamdiß” (Auf Wiedersehen) und wird verstanden!

1 Kommentar:

  1. Hallo Ihr Lieben, danke für Euren Blog!
    Wir verfolgen Eure Reise mit großem Interesse.
    Eine gute Reise wünscht Euch
    Hans

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